• S.

    S. Cristof am See
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
    Valsugana
    13. 9. 12.

    Lieber Herr Doktor

    Ich bin sehr froh, dass ich Ihren Brief heute erhalten habe, da ich morgen nach Rom reisen will und durch etwa 2 Wochen ausser Korrespondenz komme.  Vielen Dank für Ihre Nachrichten vom Kongress.  Wenn Sie Ihre Absicht auszutreten, ausführen wollen, so gehe ich mit.

    Bleuler hat sich auch gegen mich sonderbar benommen, auf einen recht intimen Brief habe ich seit Monaten keine Antwort.  Was Adler wieder schon seit Jahren weiss u behauptet, habe ich aus Ihrem Brief nicht entnommen; Stekel scheint ja nicht dagewesen zu sein.  Natürlich würde ich von Ihrem Material gerne etwas erfahren, denn jede Art von wissenschaftlicher Mitteilung scheint mir auch persönlich bindend zu wirken.  Bedingung wäre nur die Darstellung in Maschinschrift, da man sonst aus dem Misverständnis des Manuskriptes u dem Ärger über dasselbe nicht herauskommt.

  • S.

    Wenn die Absichten unserer lieben Schweizer Genossen, eine persönliche Verständigung nicht über eine wissenschaftliche Differenz scheitern zu lassen, so ernsthaft sind, so wird alles gut gehen.  Alle persönliche Entzweiung war ja von vorne herein überflüssig, und Jung hätte seine Ansichten über die Libido, die ich jetzt erst kennen lernen werde, ohne Lärm, schlechtes Gewissen, voreilige Popularisirung und Unabhängigkeitserklärung auch vorbringen können.

    Ich freue mich auch in Ihrem Schreiben einen neuen Beweis dafür zu finden, dass persönlicher Verkehr unter uns reinigend u aufklärend wirkt.

    Mit herzlichen Grüssen
    Ihr ergebener
    Freud