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    9. 6. 11.
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    In den nächsten Tagen wird ein Wiener (Namens Seel oder Szell) Ihnen seinen 14 j. Jungen bringen, der in mancher Hinsicht interessant sein dürfte.  Körperlich glänzend entwickelt, mit glänzendem Zalengedächtnis seit der Kindheit begabt, nach dem Ausspruch seiner Lehrer ein grosses musikalisches Talent, zeigt er in den letzten Jahren zunehmende Charakterveränderungen, die den Eltern das Zusammenleben im Hause unmöglich machen, im Sinne eines infantilen Grössenwahnes, Auflehnung gegen jede Art von Autorität, Jähzorn bis zu Wutanfällen.  Er ist sexuell wissend, angeblich gleichgiltig gegen erotische Interessen, keine Onanie, obwol er in früheren Jahren deutliche Zeichen einer mit seiner sonstigen Voreiligkeit parallelen sexuellen Begehrlichkeit gegeben hat.

    Er soll merkwürdiger Weise auf seine Künstlerschaft gar nicht eingebildet sein, keinen Ehrgeiz u wenig Arbeitslust zeigen.  Mit dem Arzt ist er wenig aufrichtig, dissimulirt; ein gewisser

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    Mangel an Wärme, gerade das, was man sich bei einem Künstler nicht erwartet.

    Ihre Beobachtung wird entscheiden, ob es sich um Charakterstörungen handelt, die mit dem besonders Wertvollen in der Natur des Jungen zusammenhängen oder um eine partielle Regression u Hemmung der Entwicklg im Sinne einer Dem. pr., wie mir leider wahrscheinlicher.  Der Vater will das Kind über ein Jahr in Ihrer Obhut lassen; ich bitte Sie ihm nach jeder Richtung Entgegenkommen zu zeigen.

    Mit vielen Empfehlungen an Ihren Chef
    Ihr ergebener
    Freud

    P.S.  Giebt es Neuigkeiten in Sachen der französ. Übersetzung?