Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    Wohltaten dieser Kultur genießen, sondern auch
    die Unterdrückten können an ihr Anteil
    haben, indem die Berechtigung, die Außen-
    stehenden zu verachten, sie für die Be-
    einträchtigung in ihrem eigenen Kreis
    entschädigt. Man ist zwar ein elender, von
    Schulden und Kriegsdiensten geplagter
    Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat
    seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen
    zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzu-
    schreiben. Diese Identifizierung der Unterdrück-
    ten mit der sie beherrschenden und aus-
    beutenden Klasse ist aber nur ein Stück
    eines größeren Zusammenhanges. Anderseits
    können sie jene an diese affektiv gebunden sein,
    trotz der Feindseligkeit ihre Ideale in
    ihnen Herren erblicken. Wenn nicht solche
    im Grunde befriedigende Beziehungen
    bestünden, bliebe es unverständlich, daß
    so manche Kulturen sich trotz berechtigter
    Feindseligkeit großer Menschenmassen
    so lange Zeit erhalten haben.
        Von anderer Art ist die Befriedigung, welche
    die Kunst den Teilhabern an einem Kultur-
    kreis gewährt, obwol diese in der Regel
    den Massen, die durch erschöpfende Arbeit
    in Anspruch genommen sind und keine
    persönliche Erziehung genossen haben,
    unzugänglich bleibt. Die Kunst bietet,
    wie wir längst gelernt haben, Ersatzbefriedig-
    ungen für die ältesten, immer noch am
    tiefsten empfundenen Kulturverzichte
    und wirkt darum wie nichts anderes
    aussöhnend mit den für sie gebrachten
    Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen
    die Identifizierungsgefühle, deren jeder
    Kulturkreis so sehr bedarf, durch den
    Anlaß zu gemeinsam erlebten, hoch-
    eingeschätzten Empfindungen; sie dienen
    aber auch der narzißtischen Befriedigung,
    wenn sie die Leistungen der besonderen
    Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
    an ihre Ideale mahnen.
        Das vielleicht bedeutsamste Stück des
    psychischen Inventars einer Kultur
    hat noch keine Erwähnung gefunden. Es
    sind ihre im weitesten Sinn religiösen
    Vorstellungen, mit anderen, später zu recht-
    fertigenden Worten, ihre Illusionen.

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    III

    Worin liegt der besondere Wert der religiösen Vorstellungen?
    Wir haben von Kulturfeindseligkeit gesprochen, erzeugt durch
    den Druck, den sie ausübt, die Triebverzichte, die sie verlangt. Denkt
    man sich ihre Verbote aufgehoben, man darf also

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    jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen das
    einem gefällt, darf seinen Rivalen beim
    Weib oder wer einem sonst im Weg
    steht ohne Bedenken erschlagen, kann dem
    anderen auch irgend eines seiner Güter weg-
    nehmen ohne ihn um Erlaubnis zu fragen,
    wie schön, welch eine Kette von Befriedigungen
    wäre dann das Leben! Zwar findet man
    bald die nächste Schwierigkeit. Jeder
    andere hat genau dieselben Wünsche wie
    ich und wird mich nicht schonender behandeln
    als ich ihn. Im Grunde kann also nur ein
    Einziger durch solche Aufhebung der Kulturein-
    schränkungen uneingeschränkt glücklich werden,
    ein Tyrann, ein Diktator, der alle Macht-
    mittel an sich gerissen hat und auch der
    hat allen Grund zu wünschen daß die Anderen
    wenigstens dies eine Kulturgebot einhalten: du
    sollst nicht töten.
    Aber wie undankbar, wie kurzsichtig überhaupt,
    eine Aufhebung der Kultur anzustreben!
    Was dann übrig bleibt ist der Naturzustand
    und der ist weit schwerer zu ertragen. Es
    ist wahr die Natur verlangte von uns keine
    Triebeinschränkungen sie ließe uns gewähren,
    aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns
    zu beschränken, sie bringt uns um, kalt,
    grausam, rücksichtslos wie uns scheint, mög-
    licherweise grade bei den Anlässen unserer
    Befriedigung. Eben wegen dieser Gefahren
    mit denen die Natur uns bedroht haben
    wir uns ja zusammengetan und die Kultur
    geschaffen, die unter anderem auch unser
    Zusammenleben möglich machen soll. Es
    ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr
    eigentlicher Daseinsgrund uns gegen die
    Natur zu verteidigen.
    Es ist bekannt, daß sie es in manchen Stücken
    schon jetzt leidlich gut trifft, sie wird
    es offenbar später einmal viel besser
    machen. Aber kein Mensch giebt sich der
    Täuschung hin zu glauben, daß die Natur
    jetzt schon bezwungen ist, wenige wagen
    zu hoffen, daß sie einmal dem Menschen
    ganz unterworfen sein wird.
    Da sind die Elemente die jedem menschlichen
    Zwang zu spotten scheinen, die Erde die
    bebt, zerreißt, alles Menschliche und
    Menschenwerk begräbt, das Wasser das im
    Aufruhr alles überflutet und ersäuft,
    der Sturm der es wegbläst, da sind
    die Krankheiten, die wir erst seit
    Kurzem als die Angriffe anderer
    Lebewesen erkennen, endlich das
    schmerzliche Rätsel des Todes, gegen

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    den bisher kein Kräutlein gefunden wurde
    und wahrscheinlich keines gefunden werden
    wird. Mit diesen Gewalten steht die Natur
    wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich
    rückt uns wieder unsere Schwäche und
    Hilflosigkeit vor Augen, der wir uns durch
    die Kulturarbeit zu entziehen gedachten.
    Es ist einer der wenigen erfreulichen und
    erhebenden Eindrücke, die man von der
    Menschheit haben kann, wenn sie angesichts
    einer Elementarkatastrophe ihrer Kulturerfahren-
    heit, aller inneren Schwierigkeiten
    und Feindseligkeiten vergißt und sich ihrer
    großen gemeinsamen Aufgabe ihrer
    Erhaltung gegen die Übermacht der Natur
    erinnert.
    Wie für die Menschheit im Ganzen so ist für
    den Einzelnen das Leben schwer zu er-
    tragen. Ein Stück Entbehrung legt ihm die
    Kultur auf, an der er Teil hat, ein Maß
    Leiden bereiten ihm die anderen Menschen
    entweder trotz der Kulturvorschriften
    oder infolge der Unvollkommenheit dieser
    Kultur. Dazu kommt was ihm die unbe-
    zwungene Natur – er nennt es Schicksal –
    an Schädigung zufügt. Ein ständiger ängstlicher
    Erwartungszustand und eine schwere Kränk-
    ung des natürlichen Narzismus sollte
    die Folge dieses Zustandes sein. Wie der
    Einzelne gegen die Schädigungen durch die
    Kultur und die Anderen reagiert wissen
    wir bereits, er entwickelt ein entsprechendes
    Maß von Widerstand gegen diese Kultur,
    von Kulturfeindschaft. Aber wie setzt er
    sich gegen die Übermächte der Natur, des
    Schicksals, zur Wehr, die ihm
    wie allen Anderen drohen?
    Z Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab,
    sie besorgt sie für alle in gleicher Weise, es
    ist auch bemerkenswert daß so ziemlich
    alle Kulturen hierin das Gleiche tun.
    Sie macht nicht etwa Halt in der Erledigung
    ihrer Aufgabe den Menschen gegen die
    Natur zu verteidigen, sie setzt sie nur
    mit anderen Mitteln fort. Die Aufgabe
    ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte
    Selbstgefühl des Menschen verlangt nach
    Trost, der Welt und dem Leben sollen
    ihre Schrecken genommen werden, nebenbei
    will auch die Wißbegierde der Menschen
    die freilich von dem stärksten praktischen
    Interesse angetrieben wird, eine Antwort
    haben.

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    Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel
    gewonnen. Und dieser ist, die Natur zu ver-
    menschlichen. An die unpersönlichen Kräfte
    und Schicksale kann man nicht heran, sie
    bleiben ewig fremd. Aber wenn in
    den Elementen Leidenschaften toben wie
    in der eigenen Seele, wenn selbst der Tod
    nichts Spontanes ist, sondern die Gewalttat
    eines bösen Willens, wenn man überall
    in der Natur Wesen um sich hat wie
    man sie aus der eigenen Gesellschaft kennt
    dann atmet man auf, fühlt sich heimisch im
    Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst
    psychisch bearbeiten. Man ist vielleicht noch
    wehrlos, aber nicht mehr hilflos gelähmt, man
    kann zum mindesten reagieren, ja vielleicht
    ist man nicht einmal wehrlos, man kann
    gegen diese gewalttätigen Übermenschen
    draußen dieselben Mittel in Anwendung
    bringen, deren man sich in seiner Gesellschaft
    bedient, kann versuchen sie zu beschwören,
    beschwichtigen, bestechen, raubt ihnen
    durch solche Beeinflussung einen Teil
    ihrer Macht. Solch ein Ersatz einer Natur-
    wissenschaft durch Psychologie schafft nicht
    bloß sofortige Erleichterung, er zeigt auch
    den Weg zu einer weiteren Bewältigung
    der Situation.
    Z Denn diese Situation ist nichts Neues, sie hat ein
    infantiles Vorbild, ist eigentlich nur die
    Fortsetzung des früheren, denn in solcher
    Hilflosigkeit hatte man sich schon einmal be-
    funden, als kleines Kind, einem Eltern-
    paar gegenüber, das man Grund hatte zu
    fürchten, zumal den Vater, dessen Schutzes
    man aber auch sicher war gegen die Gefahren,
    die man damals kannte. So lag es nahe
    die beiden Situationen einander anzugleichen.
    Auch kam wie im Traumleben der Wunsch
    dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung
    befällt den Schlafenden, will ihn in das
    Grab versetzen, aber die Traumarbeit
    weiß die Bedingung auszuwählen unter
    der auch dieses gefürchtete Ereignis zur
    Wunscherfüllung wird; der Träumer sieht
    sich in einem alten Etruskergrab in
    das er selig über die Befriedigung seiner
    archäologischen Interessen hinabgestiegen
    war. Ähnlich macht der Mensch die
    Naturkräfte nicht einfach
    zu Menschen mit denen er wie mit
    seinesgleichen verkehren kann, das würde
    auch dem überwältigenden Eindruck
    nicht gerecht werden, den er von ihnen
    hat, sondern er giebt ihnen Vater-
    charakter, macht sie zu Göttern, folgt
    dabei nicht nur einem infantilen sondern
    auch, wie ich versucht habe zu zeigen, einem
    phylogenetischen Vorbild.

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    Mit der Zeit werden die ersten Beobacht-
    ungen von Regel- und Gesetzmäßigkeit an
    den Naturerscheinungen gemacht; die Natur-
    kräfte verlieren damit ihre menschlichen
    Züge. Aber die Hilflosigkeit der Menschen
    bleibt und damit ihre Vatersehnsucht
    und die Götter. Die Götter behalten ihre
    dreifache Aufgabe, die Schrecken der
    Natur zu bannen, mit der Grausamkeit
    des Schicksals besonders, wie es sich im
    Tode zeigt, zu versöhnen und für die
    Leiden und Entbehrungen zu entschädigen,
    die dem Menschen durch das kulturelle
    Zusammenleben auferlegt werden.
    Aber allmälig verschiebt sich innerhalb dieser
    Leistungen der Akzent. Man merkt, daß
    die Naturerscheinungen sich nach inneren
    Notwendigkeiten von selbst abwickeln;
    gewiß sind die Götter die Herren der
    Natur, sie haben sie so eingerichtet und
    können sie nun sich selbst überlassen.
    Nur gelegentlich greifen sie in den soge-
    nannten Wundern in ihren Lauf ein,
    wie um zu versichern, daß sie von ihrer
    ursprünglichen Machtsphäre nichts aufge-
    geben haben. Was die Austeilung der
    Schicksale betrifft, so bleibt eine unbehag-
    liche Ahnung bestehen, daß der Rat-
    und Hilflosigkeit der Menschengeschlechts
    nicht abgeholfen werden kann. Hier ver-
    sagen die Götter am ehesten; wenn
    sie selbst das Schicksal machen, so
    muß man ihren Ratschluß unerforsch-
    lich heißen; dem begabtesten Volk
    des Altertums dämmert die Einsicht,
    daß die Moira über den Göttern steht
    und daß die Götter selbst ihre
    Schicksale haben. Und je mehr die
    Natur selbständig wird, die Götter sich von
    ihr zurückziehen, desto ernsthafter drängen
    alle Erwartungen auf die dritte Leistung,
    die ihnen zugewiesen ist, desto mehr wird
    das Moralische ihre eigentliche Domäne.
    Göttliche Aufgabe wird es nun, die Mängel
    und Schäden der Kultur auszugleichen,
    die Leiden in Acht zu nehmen, die die Menschen
    im Zusammenleben einander zufügen,
    über die Ausführung der Kulturvorschriften
    zu wachen, die die Menschen so schlecht befolgen.
    Den Kulturvorschriften selbst wird göttlicher
    Ursprung zugesprochen, sie werden über
    die menschliche Gesellschaft hinausgehoben,
    auf Natur und Weltgeschehen ausgedehnt.

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    So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen,
    geboren aus dem Bedürfnis die menschliche
    Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut
    aus dem Material der Erinnerungen an die
    Hilflosigkeit der eigenen und der Kindheit
    des Menschengeschlechts. Es ist deutlich erkennbar,
    daß dieser Besitz den Menschen nach zwei
    Richtungen beschützt, gegen die Gefahren der
    Natur und des Schicksals und gegen die Schädig-
    ungen aus der menschlichen Gesellschaft selbst.
    Im Zusammenhang lautet es: das Leben in dieser
    Welt dient einem höheren Zweck, der zwar
    nicht leicht zu erraten ist, aber gewiß eine
    Vervollkommnung des menschlichen Wesens be-
    deutet. Wahrscheinlich soll das Geistige des Menschen,
    die Seele, die sich im Lauf der Zeiten so langsam
    und widerstrebend vom Körper getrennt hat,
    das Objekt dieser Erhebung und Erhöhung
    sein. Alles was in dieser Welt vor sich geht,
    ist Ausführung der Absichten einer uns überlegenen
    Intelligenz, die, wenn auch auf schwer zu ver-
    folgenden Wegen und Umwegen, schließlich
    alles zum Guten d. i. für uns Erfreulichen
    lenkt. Über jedem von uns wacht eine gütige,
    nur scheinbar gestrenge Vorsehung, die nicht
    zuläßt daß wir zum Spielball der überstarken
    und schonungslosen Naturkräfte werden;
    der Tod selbst ist keine Vernichtung, keine
    Rückkehr zum anorganisch-Leblosen,
    sondern der Anfang einer neuen Art von Existenz,
    die auf dem Wege der Höherentwicklung
    liegt. Und nach der anderen Seite gewendet:
    dieselben Sittengesetze, die unsere Kulturen
    aufgestellt haben, beherrschen auch alles Welt-
    geschehen, nur werden sie von einer
    höchsten richterlichen Instanz mit ungleich
    mehr Macht und Konsequenz behütet. Alles
    Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse
    seine Strafe, wenn nicht schon in dieser
    Form des Lebens, so in den späteren Exist-
    enzen, die nach dem Tode beginnen. Somit
    sind alle Schrecken, Leiden und Härten
    des Lebens zur Austilgung bestimmt; das
    Leben nach dem Tode, das unser irdisches
    fortsetzt, wie das unsichtbare Stück des Spektrums
    dem sichtbaren angefügt ist, bringt
    all die Vollendung, die wir hier vielleicht
    vermißt haben. Und die überlegene Weisheit,
    die diesen Ablauf lenkt, die Allgüte,
    die sich in ihm äußert, die Gerechtigkeit,
    die sich in ihm durchsetzt, das sind die Eigen-
    schaften der göttlichen Wesen, die auch uns
    und die Welt im Ganzen geschaffen haben.
    Oder vielmehr des einen göttlichen Wesens,
    zu dem sich in unserer Kultur alle Götter
    der Vorzeiten verdichtet haben. Das Volk,
    dem zuerst solche Konzentrierung der göttlichen
    Eigenschaften gelang, war nicht wenig
    stolz auf diesen Fortschritt.

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    stolz auf diesen Fortschritt. Es hatte den väterlichen
    Kern, der von jeher hinter jeder Gottesgestalt
    verborgen war, freigelegt; im
    Grunde war es eine Rückkehr zu den
    historischen Anfängen der Gottesidee. Nun,
    da Gott ein Einziger war, konnten die
    Beziehungen zu ihm die Innigkeit und
    Intensität des kindlichen Verhältnisses
    zum Vater wiedergewinnen.

    No) Wenn man so viel für den Vater getan hatte
    wollte man aber auch belohnt werden, zum
    mindesten das einzig geliebte Kind sein, das
    auserwählte Volk. Sehr viel später
    erhebt das fromme Amerika den Anspruch
    „God's own country“ zu sein und für eine
    der Formen, unter denen die Menschen
    die Gottheit verehren, trifft es auch zu.

       Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusam-
    mengefaßt wurden, haben natürlich eine
    lange Entwicklungsgeschichte durchgemacht und
    von verschiedenen Kulturen in verschiedenen
    Phasen festgehalten worden. Ich habe eine
    einzelne solche Entwicklungsphase herausge-
    griffen, die etwa der Endgestaltung in
    unserer heutigen weißen, christlichen
    Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken,
    daß nicht alle Stücke dieses Ganzen gleich
    gut zu einander stimmen, daß nicht alle
    dringenden Fragen beantwortet werden,
    daß der Widerspruch der täglichen Erfahrung
    nur mit Mühe abgewiesen werden
    kann. Aber so wie sie sind, werden diese
    Vorstellungen – die im weitesten Sinn
    religiösen – als der kostbarste Besitz
    der Kultur eingeschätzt, als das
    Wertvollste, was sie ihren Teilnehmern
    zu bieten hat, weit höher geschätzt als
    alle Künste, der Erde ihre Schätze zu ent-
    locken, die Menschheit mit Nahrung
    zu versorgen oder ihren Krankheiten
    vorzubeugen usw. Die Menschen meinen,
    das Leben nicht ertragen zu können,
    wenn sie diesen Vorstellungen nicht
    den Wert beilegen, der für sie bean-
    sprucht wird. Und nun ist die Frage,
    was sind diese Vorstellungen im
    Lichte der Psychologie, woher beziehen sie
    ihre Hochschätzung und um schüchtern
    fortzusetzen: was ist ihr wirklicher
    Wert?