Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    ch möchte nicht den Eindruck erwecken, daß
    ich mich weit weg von dem vorgezeichneten
    Weg meiner Untersuchung verirrt habe.
    Ich will darum ausdrücklich versichern, daß
    es mir ferne liegt, das große Kultur-
    experiment zu beurteilen, das gegenwärtig
    in dem weiten Land zwischen Europa und
    Asien angestellt wird. Ich habe weder die
    Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über
    dessen Ausführbarkeit zu entscheiden,
    die Zweckmäßigkeit der angewandten
    Methoden zu prüfen oder die Weite
    der unvermeidlichen Kluft zwischen
    Absicht und Durchführung zu messen. Was
    dort vorbereitet wird, entzieht sich als
    unfertig einer Betrachtung, zu der unsere
    längst konsolidierte Kultur den Stoff bietet.

    II.

       Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
    Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren
    wir versucht, den Kulturbesitz in den
    vorhandenen Gütern und den Einrichtungen
    zu ihrer Verteilung zu suchen.
    Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf
    Arbeitszwang und Triebverzicht beruht
    und darum unvermeidlich eine Opposition
    bei den von diesen Anforderungen Be-
    troffenen hervorruft, wurde es klar, daß
    die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinn-
    ung und Anordnungen zu ihrer Verteilung
    nicht das Wesentliche oder und das Alleinige
    der Kultur sein können. Denn sie sind
    durch die Auflehnung und Zerstörungssucht
    der Kulturteilhaber bedroht. Neben die
    Güter treten jetzt die Mittel, die dazu
    dienen können, die Kultur zu verteidigen,
    die Zwangsmittel und andere, denen es
    gelingen soll, die Menschen mit ihr auszu-
    söhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
    Letztere können aber als der psychische
    Besitz der Kultur beschrieben werden.
        Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zu
    Liebe wollen wir die Tatsache, daß ein
    Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung,
    die Einrichtung, die diese Versagung
    festlegt, Verbot und den Zustand, den
    das Verbot herbeiführt, Entbehrung
    nennen. Dann ist der nächste Schritt, zwischen
    Entbehrungen zu unterscheiden, die Alle
    betreffen, und solchen, die nicht Alle
    betreffen, bloß Gruppen, Klassen, oder
    selbst Einzelne. Die ersteren sind die
    ältesten, mit den Verboten, die sie

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    einsetzen, hat die Kultur die Ablösung vom anima-
    lischen Urzustand begonnen, vor unbekannt
    wie vielen Tausenden von Jahren. Zu unserer
    Überraschung fanden wir, daß sie noch
    wirksam sind, noch immer den Kern der Kultur-
    feindseligkeit bilden. Die Triebwünsche, die
    unter ihnen leiden, werden mit jedem
    Kind von Neuem geboren; es giebt eine
    Klasse von Menschen, die Neurotiker, die
    bereits auf diese Versagungen mit
    Asozialität reagieren. Solche Triebwünsche
    sind die des Inzests, des Kannibalismus und
    der Mordlust. Es klingt sonderbar, wenn man sie
    in deren Verwerfung alle Menschen einig
    scheinen, mit jenen anderen zusammenstellt
    um deren Gewährung oder Versagung in unserer
    Kultur so lebhaft gekämpft wird,
    aber psychologisch ist man dazu berechtigt.
    Auch ist das kulturelle Verhalten gegen
    diese ältesten Triebwünsche keineswegs das
    gleiche, nur der Kannibalismus erscheint allen verpönt
    und der nicht analytischen Betrachtung völlig
    überwunden, die Stärke der Inzestwünsche
    vermögen wir noch hinter dem Verbot
    zu verspüren und der Mord wird von
    unserer Kultur unter bestimmten Beding-
    ungen noch geübt, ja geboten. Möglicher Weise
    stehen uns Entwicklungen der Kultur bevor,
    in denen noch andere, heute durchaus
    mögliche Wunschbefriedigungen ebenso un-
    annehmbar erscheinen werden, wie jetzt die
    des Kannibalismus.

       Schon bei diesen ältesten Triebverzichten kommt
    ein psychologischer Faktor in Betracht, der auch für
    alle weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist nicht
    richtig, daß die menschliche Seele seit den ältesten
    Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat
    und im Gegensatz zu den Fortschritten der
    Wissenschaft und der Technik heute noch dieselbe
    ist wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser
    seelischen Fortschritte können wir hier nach-
    weisen. Es liegt in der Richtung unserer
    Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählig
    verinnerlicht wird, indem eine besondere
    seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen,
    ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind
    führt uns den Vorgang einer solchen Um-
    wandlung vor, wird erst durch sie moralisch
    und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ichs
    ist ein höchst wertvoller psychologischer Kul-
    turbesitz. Die Personen, bei denen sie
    sich vollzogen hat, werden aus Kultur-
    gegnern zu Kulturträgern. Je größer
    ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist,

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    desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann
    sie der äußeren Zwangsmittel entbehren.
    Das Maß dieser Verinnerlichung ist nun
    für die einzelnen Triebverbote sehr ver-
    schieden. Für die erwähnten ältesten Kultur-
    forderungen scheint die Verinnerlichung,
    wenn wir die unerwünschte Ausnahme der
    Neurotiker bei Seite lassen, weitgehend erreicht.
    Dies Verhältnis ändert sich, wenn man sich
    zu den anderen Triebanforderungen
    wendet. Man merkt dann mit Überraschung
    und Besorgnis, daß eine Überzahl von
    Menschen den diesbezüglichen Kultur-
    verboten nur unter dem Druck des
    äußeren Zwanges gehorcht, also nur dort
    wo er sich geltend machen kann und solang
    er zu befürchten ist. Dies trifft auch auf
    jene sogenannt moralischen Kulturforde-
    rungen zu, die in gleicher Weise für Alle be-
    stimmt sind. Das meiste, was man von der
    moralischen Unzuverlässigkeit der Menschen
    erfährt, gehört hieher. Unendlich viele Kultur-
    menschen, die vor Mord oder Inzest zurück-
    schrecken würden, versagen sich nicht die Be-
    friedigung ihrer Habgier, ihrer Aggressions-
    lust, ihrer sexuellen Gelüste, unterlassen
    es nicht, den Anderen durch Lüge, Betrug,
    Verleumdung zu schädigen, wenn sie dabei
    straflos bleiben können, und das war wol
    seit vielen kulturellen Zeitaltern immer
    ebenso.

       Bei den Einschränkungen, die sich nur auf bestimmte
    Klassen der Gesellschaft beziehen, trifft man
    auf grobe und auch niemals verkannte
    Verhältnisse. Es steht zu erwarten, daß diese
    zurückgesetzten Klassen den Bevorzugten
    ihre Vorrechte beneiden und alles tun
    werden, um ihr eigenes Mehr von
    Entbehrung los zu werden. Wo dies nicht
    möglich ist, wird sich ein dauerndes Maß
    von Unzufriedenheit innerhalb dieser
    Kultur behaupten, das zu gefährlichen
    Auflehnungen führen mag. Wenn aber
    eine Kultur es nicht darüber hinaus
    gebracht hat, daß die Befriedigung einer
    Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung
    einer anderen, vielleicht der Mehrzahl, zur
    Voraussetzung hat, – und dies ist bei allen
    gegenwärtigen Kulturen der Fall, – so ist
    es begreiflich, daß diese Unterdrückten eine
    intensive Feindseligkeit gegen die Kultur
    entwickeln, die sie durch ihre Arbeit
    ermöglichen, an deren Gütern sie
    aber einen zu geringen Anteil haben.

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    Eine Verinnerlichung der Kulturverbote darf
    man dann bei den Unterdrückten nicht
    erwarten, dieselben sind vielmehr nicht bereit,
    diese Verbote anzuerkennen, bestrebt, die
    Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre
    Voraussetzungen aufzuheben. Die Kultur-
    feindschaft dieser Klassen ist so offenkundig
    daß man über sie die eher latente Feindseligkeit
    der besser beteilten Gesellschaftsschichten
    übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden,
    daß eine Kultur, welche eine so große Zahl
    von Teilnehmern unbefriedigt läßt und
    zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat,
    sich dauernd zu erhalten noch es verdient.

       Das Maß von Verinnerlichung der Kultur-
    vorschriften – populär und unpsychologisch
    ausgedrückt: das moralische Niveau der
    Teilnehmer – ist nicht das einzige seelische Gut,
    das für die Würdigung einer Kultur in
    Betracht kommt. Daneben steht ihr Besitz
    an Idealen und an Kunstschöpfungen
    d. h. an
    die Befriedigungen,
    die aus beiden ge-
    wonnen
    werden.
        Man wird nur allzuleicht geneigt sein, die ideale Ideale
    einer Kultur, d. h. die Wertungen, welches die
    höchststehenden und am meisten anzustrebenden
    Leistungen seien, unter deren psychische Besitz-
    tümer aufzunehmen. Zunächst scheint es als ob
    diese Ideale die Leistungen des Kulturkreises
    bestimmen würden; der wirkliche Hergang
    dürfte aber der sein, daß sich die Ideale
    nach den ersten Leistungen richten, die
    das Zusammenwirken von innerer Begabung und
    äußeren Verhältnissen einer Kultur er-
    möglicht und daß diese ersten Leistungen
    nun vom Ideal zur Fortführung bildet
    gehalten werden. Die Befriedigung, die das
    Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist
    also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem
    Stolz auf die bereits geglückte Leistung.
    Zu ihrer Vervollständigung bedarf sie des
    Vergleichs mit anderen Kulturen, die sich auf
    andere Leistungen geworfen und andere
    Ideale entwickelt haben. Kraft dieser
    Differenzen spricht sich jede Kultur das
    Recht zu, die andere gering zu schätzen. Auf
    solche Weise werden die Kulturideale Anlaß
    zur Entzweiung und Verfeindung zwischen
    verschiedenen Kulturkreisen, wie es unter
    Nationen am deutlichsten wird.
        Die narzißtische Befriedigung aus dem Kultur-
    ideal gehört auch zu jenen Mächten, die der
    Kulturfeindschaft innerhalb des Kultur-
    kreises erfolgreich entgegenwirken. Nicht
    nur die bevorzugten Klassen, welche die

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    Wohltaten dieser Kultur genießen, sondern auch
    die Unterdrückten können an ihr Anteil
    haben, indem die Berechtigung, die Außen-
    stehenden zu verachten, sie für die Be-
    einträchtigung in ihrem eigenen Kreis
    entschädigt. Man ist zwar ein elender, von
    Schulden und Kriegsdiensten geplagter
    Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat
    seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen
    zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzu-
    schreiben. Diese Identifizierung der Unterdrück-
    ten mit der sie beherrschenden und aus-
    beutenden Klasse ist aber nur ein Stück
    eines größeren Zusammenhanges. Anderseits
    können sie jene an diese affektiv gebunden sein,
    trotz der Feindseligkeit ihre Ideale in
    ihnen Herren erblicken. Wenn nicht solche
    im Grunde befriedigende Beziehungen
    bestünden, bliebe es unverständlich, daß
    so manche Kulturen sich trotz berechtigter
    Feindseligkeit großer Menschenmassen
    so lange Zeit erhalten haben.
        Von anderer Art ist die Befriedigung, welche
    die Kunst den Teilhabern an einem Kultur-
    kreis gewährt, obwol diese in der Regel
    den Massen, die durch erschöpfende Arbeit
    in Anspruch genommen sind und keine
    persönliche Erziehung genossen haben,
    unzugänglich bleibt. Die Kunst bietet,
    wie wir längst gelernt haben, Ersatzbefriedig-
    ungen für die ältesten, immer noch am
    tiefsten empfundenen Kulturverzichte
    und wirkt darum wie nichts anderes
    aussöhnend mit den für sie gebrachten
    Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen
    die Identifizierungsgefühle, deren jeder
    Kulturkreis so sehr bedarf, durch den
    Anlaß zu gemeinsam erlebten, hoch-
    eingeschätzten Empfindungen; sie dienen
    aber auch der narzißtischen Befriedigung,
    wenn sie die Leistungen der besonderen
    Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
    an ihre Ideale mahnen.
        Das vielleicht bedeutsamste Stück des
    psychischen Inventars einer Kultur
    hat noch keine Erwähnung gefunden. Es
    sind ihre im weitesten Sinn religiösen
    Vorstellungen, mit anderen, später zu recht-
    fertigenden Worten, ihre Illusionen.