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ch möchte nicht den Eindruck erwecken, daß
ich mich weit weg von dem vorgezeichneten
Weg meiner Untersuchung verirrt habe.
Ich will darum ausdrücklich versichern, daß
es mir ferne liegt, das große Kultur-
experiment zu beurteilen, das gegenwärtig
in dem weiten Land zwischen Europa und
Asien angestellt wird. Ich habe weder die
Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über
dessen Ausführbarkeit zu entscheiden,
die Zweckmäßigkeit der angewandten
Methoden zu prüfen oder die Weite
der unvermeidlichen Kluft zwischen
Absicht und Durchführung zu messen. Was
dort vorbereitet wird, entzieht sich als
unfertig einer Betrachtung, zu der unsere
längst konsolidierte Kultur den Stoff bietet.II.
Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren
wir versucht, den Kulturbesitz in den
vorhandenen Gütern und den Einrichtungen
zu ihrer Verteilung zu suchen.
Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf
Arbeitszwang und Triebverzicht beruht
und darum unvermeidlich eine Opposition
bei den von diesen Anforderungen Be-
troffenen hervorruft, wurde es klar, daß
die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinn-
ung und Anordnungen zu ihrer Verteilung
nicht das Wesentlicheoderund das Alleinige
der Kultur sein können. Denn sie sind
durch die Auflehnung und Zerstörungssucht
der Kulturteilhaber bedroht. Neben die
Güter treten jetzt die Mittel, die dazu
dienen können, die Kultur zu verteidigen,
die Zwangsmittel und andere, denen es
gelingen soll, die Menschen mit ihr auszu-
söhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
Letztere können aber als der psychische
Besitz der Kultur beschrieben werden.
Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zu
Liebe wollen wir die Tatsache, daß ein
Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung,
die Einrichtung, die diese Versagung
festlegt, Verbot und den Zustand, den
das Verbot herbeiführt, Entbehrung
nennen. Dann ist der nächste Schritt, zwischen
Entbehrungen zu unterscheiden, die Alle
betreffen, und solchen, die nicht Alle
betreffen, bloß Gruppen, Klassen, oder
selbst Einzelne. Die ersteren sind die
ältesten, mit den Verboten, die sieS.
S.
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einsetzen, hat die Kultur die Ablösung vom anima-
lischen Urzustand begonnen, vor unbekannt
wie vielen Tausenden von Jahren. Zu unserer
Überraschung fanden wir, daß sie noch
wirksam sind, noch immer den Kern der Kultur-
feindseligkeit bilden. Die Triebwünsche, die
unter ihnen leiden, werden mit jedem
Kind von Neuem geboren; es giebt eine
Klasse von Menschen, die Neurotiker, die
bereits auf diese Versagungen mit
Asozialität reagieren. Solche Triebwünsche
sind die des Inzests, des Kannibalismus und
der Mordlust. Es klingt sonderbar, wenn man sie
in deren Verwerfung alle Menschen einig
scheinen, mit jenen anderen zusammenstellt
um deren Gewährung oder Versagung in unserer
Kultur so lebhaft gekämpft wird,
aber psychologisch ist man dazu berechtigt.
Auch ist das kulturelle Verhalten gegen
diese ältesten Triebwünsche keineswegs das
gleiche, nur der Kannibalismus erscheint allen verpönt
und der nicht analytischen Betrachtung völlig
überwunden, die Stärke der Inzestwünsche
vermögen wir noch hinter dem Verbot
zu verspüren und der Mord wird von
unserer Kultur unter bestimmten Beding-
ungen noch geübt, ja geboten. Möglicher Weise
stehen uns Entwicklungen der Kultur bevor,
in denen noch andere, heute durchaus
mögliche Wunschbefriedigungen ebenso un-
annehmbar erscheinen werden, wie jetzt die
des Kannibalismus.Schon bei diesen ältesten Triebverzichten kommt
ein psychologischer Faktor in Betracht, der auch für
alle weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist nicht
richtig, daß die menschliche Seele seit den ältesten
Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat
und im Gegensatz zu den Fortschritten der
Wissenschaft und der Technik heute noch dieselbe
ist wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser
seelischen Fortschritte können wir hier nach-
weisen. Es liegt in der Richtung unserer
Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählig
verinnerlicht wird, indem eine besondere
seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen,
ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind
führt uns den Vorgang einer solchen Um-
wandlung vor, wird erst durch sie moralisch
und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ichs
ist ein höchst wertvoller psychologischer Kul-
turbesitz. Die Personen, bei denen sie
sich vollzogen hat, werden aus Kultur-
gegnern zu Kulturträgern. Je größer
ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist,S.
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desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann
sie der äußeren Zwangsmittel entbehren.
Das Maß dieser Verinnerlichung ist nun
für die einzelnen Triebverbote sehr ver-
schieden. Für die erwähnten ältesten Kultur-
forderungen scheint die Verinnerlichung,
wenn wir die unerwünschte Ausnahme der
Neurotiker bei Seite lassen, weitgehend erreicht.
Dies Verhältnis ändert sich, wenn man sich
zu den anderen Triebanforderungen
wendet. Man merkt dann mit Überraschung
und Besorgnis, daß eine Überzahl von
Menschen den diesbezüglichen Kultur-
verboten nur unter dem Druck des
äußeren Zwanges gehorcht, also nur dort
wo er sich geltend machen kann und solang
er zu befürchten ist. Dies trifft auch auf
jene sogenannt moralischen Kulturforde-
rungen zu, die in gleicher Weise für Alle be-
stimmt sind. Das meiste, was man von der
moralischen Unzuverlässigkeit der Menschen
erfährt, gehört hieher. Unendlich viele Kultur-
menschen, die vor Mord oder Inzest zurück-
schrecken würden, versagen sich nicht die Be-
friedigung ihrer Habgier, ihrer Aggressions-
lust, ihrer sexuellen Gelüste, unterlassen
es nicht, den Anderen durch Lüge, Betrug,
Verleumdung zu schädigen, wenn sie dabei
straflos bleiben können, und das war wol
seit vielen kulturellen Zeitaltern immer
ebenso.Bei den Einschränkungen, die sich nur auf bestimmte
Klassen der Gesellschaft beziehen, trifft man
auf grobe und auch niemals verkannte
Verhältnisse. Es steht zu erwarten, daß diese
zurückgesetzten Klassen den Bevorzugten
ihre Vorrechte beneiden und alles tun
werden, um ihr eigenes Mehr von
Entbehrung los zu werden. Wo dies nicht
möglich ist, wird sich ein dauerndes Maß
von Unzufriedenheit innerhalb dieser
Kultur behaupten, das zu gefährlichen
Auflehnungen führen mag. Wenn aber
eine Kultur es nicht darüber hinaus
gebracht hat, daß die Befriedigung einer
Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung
einer anderen, vielleicht der Mehrzahl, zur
Voraussetzung hat, – und dies ist bei allen
gegenwärtigen Kulturen der Fall, – so ist
es begreiflich, daß diese Unterdrückten eine
intensive Feindseligkeit gegen die Kultur
entwickeln, die sie durch ihre Arbeit
ermöglichen, an deren Gütern sie
aber einen zu geringen Anteil haben.S.
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Eine Verinnerlichung der Kulturverbote darf
man dann bei den Unterdrückten nicht
erwarten, dieselben sind vielmehr nicht bereit,
diese Verbote anzuerkennen, bestrebt, die
Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre
Voraussetzungen aufzuheben. Die Kultur-
feindschaft dieser Klassen ist so offenkundig
daß man über sie die eher latente Feindseligkeit
der besser beteilten Gesellschaftsschichten
übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden,
daß eine Kultur, welche eine so große Zahl
von Teilnehmern unbefriedigt läßt und
zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat,
sich dauernd zu erhalten noch es verdient.Das Maß von Verinnerlichung der Kultur-
vorschriften – populär und unpsychologisch
ausgedrückt: das moralische Niveau der
Teilnehmer – ist nicht das einzige seelische Gut,
das für die Würdigung einer Kultur in
Betracht kommt. Daneben steht ihr Besitz
an Idealen und an Kunstschöpfungen
d. h.an
die Befriedigungen,
die aus beiden ge-
wonnen
werden.
Man wird nur allzuleicht geneigt sein, dieidealeIdeale
einer Kultur, d. h. die Wertungen, welches die
höchststehenden und am meisten anzustrebenden
Leistungen seien, unter deren psychische Besitz-
tümer aufzunehmen. Zunächst scheint es als ob
diese Ideale die Leistungen des Kulturkreises
bestimmen würden; der wirkliche Hergang
dürfte aber der sein, daß sich die Ideale
nach den ersten Leistungen richten, die
das Zusammenwirken von innerer Begabung und
äußeren Verhältnissen einer Kultur er-
möglicht und daß diese ersten Leistungen
nun vom Ideal zur Fortführungbildet
gehalten werden. Die Befriedigung, die das
Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist
also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem
Stolz auf die bereits geglückte Leistung.
Zu ihrer Vervollständigung bedarf sie des
Vergleichs mit anderen Kulturen, die sich auf
andere Leistungen geworfen und andere
Ideale entwickelt haben. Kraft dieser
Differenzen spricht sich jede Kultur das
Recht zu, die andere gering zu schätzen. Auf
solche Weise werden die Kulturideale Anlaß
zur Entzweiung und Verfeindung zwischen
verschiedenen Kulturkreisen, wie es unter
Nationen am deutlichsten wird.
Die narzißtische Befriedigung aus dem Kultur-
ideal gehört auch zu jenen Mächten, die der
Kulturfeindschaft innerhalb des Kultur-
kreises erfolgreich entgegenwirken. Nicht
nur die bevorzugten Klassen, welche dieS.
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Wohltaten dieser Kultur genießen, sondern auch
die Unterdrückten können an ihr Anteil
haben, indem die Berechtigung, die Außen-
stehenden zu verachten, sie für die Be-
einträchtigung in ihrem eigenen Kreis
entschädigt. Man ist zwar ein elender, von
Schulden und Kriegsdiensten geplagter
Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat
seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen
zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzu-
schreiben. Diese Identifizierung der Unterdrück-
ten mit der sie beherrschenden und aus-
beutenden Klasse ist aber nur ein Stück
eines größeren Zusammenhanges. Anderseits
könnensiejene an diese affektiv gebunden sein,
trotz der Feindseligkeit ihre Ideale in
ihnen Herren erblicken. Wenn nicht solche
im Grunde befriedigende Beziehungen
bestünden, bliebe es unverständlich, daß
so manche Kulturen sich trotz berechtigter
Feindseligkeit großer Menschenmassen
so lange Zeit erhalten haben.
Von anderer Art ist die Befriedigung, welche
die Kunst den Teilhabern an einem Kultur-
kreis gewährt, obwol diese in der Regel
den Massen, die durch erschöpfende Arbeit
in Anspruch genommen sind und keine
persönliche Erziehung genossen haben,
unzugänglich bleibt. Die Kunst bietet,
wie wir längst gelernt haben, Ersatzbefriedig-
ungen für die ältesten, immer noch am
tiefsten empfundenen Kulturverzichte
und wirkt darum wie nichts anderes
aussöhnend mit den für sie gebrachten
Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen
die Identifizierungsgefühle, deren jeder
Kulturkreis so sehr bedarf, durch den
Anlaß zu gemeinsam erlebten, hoch-
eingeschätzten Empfindungen; sie dienen
aber auch der narzißtischen Befriedigung,
wenn sie die Leistungen der besonderen
Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art
an ihre Ideale mahnen.
Das vielleicht bedeutsamste Stück des
psychischen Inventars einer Kultur
hat noch keine Erwähnung gefunden. Es
sind ihre im weitesten Sinn religiösen
Vorstellungen, mit anderen, später zu recht-
fertigenden Worten, ihre Illusionen.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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