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Die Zukunft
unserereiner Illusionen.
von
Sigm. FreudI.
Wenn man eine ganze Weile innerhalb
einer bestimmten Kultur gelebt und
sich oft darum bemüht hat zu erforschenwelchewie ihre Ursprünge und der Weg
ihrer Entwicklung waren, verspürt man
auch einmal die Versuchung den Blick
nach der anderen Richtung zu wenden
und die Frage zu stellen welches fernere
Schicksal dieser Kultur bevorsteht und welche
Wandlungen durchzumachen ihr bestimmt ist.
Man wird aber bald merken, daß eine solche
Untersuchung von vorn herein durch mehrere
Momente entwertetistwird. Vor allem
dadurch, daß es nur wenige Personen giebt
die das menschliche Getriebe in all seinen
Ausbreitungen überschauen können. Für die
meisten ist Beschränkung auf ein einzelnes
oder wenige Gebiete notwendig geworden;
je weniger einer aber vom Vergangenen und
Gegenwärtigen weiß, desto unsicherer muß
sein Urteil über das Zukünftige ausfallen.
Ferner darum, weil gerade bei diesem Urteil
die subjektiven Erwartungen des Einzelnen
eine schwer abzuschätzende Rolle spielen;
diese zeigen sich aber abhängig von rein per=
sönlichen Momenten, seiner eigenen Erfahrung,
seiner mehr oder minder hoffnungsvollen Ein=
stellung zum Leben, wie sie ihm durch
Temperament, Erfolg oder
Mißerfolg vorgeschrieben worden ist. Endlich
kommt die merkwürdige Tatsache zur
Wirkung, daß die Menschen im Allge=
meinen ihre Gegenwart wie naiv er=
leben ohne deren Inhalte würdigen zu
können; sie müssen erst Distanz zu ihr
gewinnen, d. h. die Gegenwart muß zur
Vergangenheit geworden sein, wenn
man aus ihr Anhaltspunkte zur Beur=
teilung des Zukünftigen gewinnen
soll.Wer also der Versuchung nachgiebt, eine
Äußerung über die wahrscheinliche Zukunft
unserer Kultur von sich zu geben, wird
gut daran thun, sich der vorhin angedeuteten
Bedenken zu erinnern, ebenso wie der
Unsicherheit, die ganz allgemein an
jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt
für mich, daß ich in eiliger Flucht vorS.
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der zu großen Aufgabe alsbald das kleine
Teilgebiet aufsuchen werde, dem auch bisher
meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nachdem
ichihmnur seine Stellung im großen Ganzen
bestimmt habe.Die menschliche Kultur – ich meine all das, worin
sich das menschliche Leben über seine animal=
ischen Bedingungen erhoben hat und worin
es sich vom Leben der Tiere unterscheidet
und ich verschmähe es, Kultur und Zivilisation
zu trennen – zeigt dem Beobachter bekannt=
lich zwei Seiten. Sie umfaßt einerseits
all das Wissen und Können, das die
Menschen erworben haben um die
Kräfte der Natur zu beherrschen und
ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen
Bedürfnisse abzugewinnen, anderseitssind umalle
die Einrichtungen, die notwendig sind um
die Beziehungen der Menschen zu einander
und besonders die Verteilung der erreichbaren
Güter zu regeln. Die beiden Richtungen
der Kultur sindauchnicht unabhängig von
einander, erstens weil die gegenseitigen
Beziehungen der Menschen durch das Maß
der Triebbefriedigung, das die vorhandenen
Güter ermöglichen, tiefgreifend beein=
flußt werden, zweitens weil der einzelne
Mensch selbst zu einem anderen in die
Beziehung eines Gutes treten kann insofern
dieser seine Arbeitskraft benützt oder
ihn zum Sexualobjekt nimmt, drittens
aber weil jeder Einzelne virtuell
ein Feind der Kultur ist, die doch ein
allgemein menschliches Interesse sein soll.
Es ist merkwürdig, daß die Menschen, so wenig
sie auch in der Vereinzelung existieren
können, doch die Opfer, welche ihnen von
der Kultur zugemutet werden, um ein
Zusammenleben zu ermöglichen, als
schwer drückend empfinden. Die Kultur
muß also gegen den Einzelnen verteidigt
werden und ihre Einrichtungen, Institutionen
und Gebote stellen sich in den Dienst
dieser Aufgabe; sie bezwecken nicht
nur eine gewisse Güterverteilung her=
zustellen, sondern auch diese aufrecht
zu erhalten, ja sie müssen gegen die feind=
seligen Regungen der Menschen
all das beschützen, was der Bezwingung
der Natur und der Erzeugung von
Gütern dient. Menschliche SchöpfungenS.
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Wissenschaft und Technik, die sie aufgebaut haben,
können auch zu ihrer Vernichtung verwendet
werden.So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur
etwas ist, was einer widerstrebenden Mehr-
heit von einer Minderzahl auferlegt wurde,
die es verstanden hat, sich in den Besitz
von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.
Es liegt natürlich nahe anzunehmen, daß diese
Schwierigkeiten nicht am Wesen der Kultur
selbst haften, sondern von den Unvollkom-
menheiten der Kulturformen bedingt werden,
die bis jetzt entwickelt worden sind. In
der Tat ist es nicht schwer, diese Mängel auf-
zuzeigen. Während die Menschheit in der Be-
herrschung der Natur ständige Fortschritte
gemacht hat und noch größere erwarten
darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in der
Regelung der menschlichen Angelegenheiten
nicht sicher festzustellen und wahrscheinlich
haben sich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder,
viele Menschen gefragt, ob denn dieses
Stück des Kulturerwerbs überhaupt der
Verteidigung wert ist. Man sollte meinen,
es müßte eine Neuregelung der menschlichen
Beziehungen möglich sein, welche die Quellen
der Unzufriedenheit mit der Kultur
versiegen macht, indem sie auf den
Zwang und die Triebunterdrückung
verzichtet, so daß die Menschen sich ungestört
durch inneren Zwist der Erwerbung von
Gütern und dem Genuß derselben hingeben
könnten. Das wäre das goldene Zeitalter, allein
es fragt sich, ob ein solcher Zustand zu ver-
wirklichen ist. Es scheint vielmehr, daß sich
jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht
aufbauen muß; es scheint nicht ein-
mal gesichert, daß beim Aufhören des
Zwanges die Mehrzahl der menschlichen
Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung
auf sich zu nehmen, deren es zur Ge-
winnung neuer Lebensgüter bedarf.
Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu
rechnen, daß bei allen Menschen
destruktive, also antisoziale und antikulturelle
Tendenzen vorhanden sind und
daß diese bei einer großen Anzahl von
Personen stark genug sind, um ihr
Verhalten in der menschlichen Gesell-
schaft zu bestimmen.Dieser psychologischen Tatsache kommt eine
entscheidende Bedeutung für die Beur-
teilung der menschlichen Kultur zu.S.
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Konnte man zunächst meinen, das Wesentliche an ihr
sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung von
Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren ließen
sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben
unter den Menschen beseitigen, so scheint
jetzt das Schwergewicht vom Materiellen
weg aufs Seelische verlegt. Es wird
entscheidend, ob und inwieweit es gelingt,
die Last der den Menschen auferlegten
Triebopfer zu verringern, sie mit den
notwendig verbleibenden zu versöhnen
und dafür zu entschädigen. Ebensowenig
wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann
man die Beherrschung der Masse durch
eine Minderzahl entbehren, denn die
Massen sind träge und einsichtslos, sie
lieben den Triebverzicht nicht, sind
durch Argumente nicht von dessen
Unvermeidlichkeit zu überzeugen und
ihre Individuen bestärken einander im
Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit. Nur
durch den Einfluß vorbildlicher Individuen,
die sie als ihre Führer anerkennen, sind sie
zu den Arbeitsleistungen und Entsagungen
zu bewegen, auf welche der Bestand
der Kultur angewiesen ist. Es ist alles
gut, wenn diese Führer Personen von
überlegener Einsicht in die Notwendig-
keiten des Lebens sind, die sich zur Beherrschung
ihrer eigenen Triebwünsche aufgeschwungen
haben. Aber es besteht für sie die
Gefahr, daß sie, um ihren Einfluß nicht
zu verlieren, der Masse mehr nachgeben
als diese ihnen, und darum erscheint
es notwendig, daß sie durch Verfügung
über Machtmittel von der Masse unab-
hängig seien. Um es kurz zu fassen, es
sind zwei weit verbreitete Eigenschaften
der Menschen, die es verschulden, daß die kul-
turellen Einrichtungen nur durch ein ge-
wisses Maß von Zwang gehalten werden
können, nämlich, daß sie spontan nicht
arbeitslustig sind und daß Argumente
nichts gegen ihre Leidenschaften ver-
mögen.Ich weiß, was man gegen diese Ausführungen
einwenden wird. Man wird sagen, der
hier geschilderte Charakter der Menschen-
massen, der die Unerläßlichkeit des
Zwanges zur Kulturarbeit beweisen
soll, ist selbst nur die Folge fehlerhafter
kultureller Einrichtungen, durch die
die Menschen erbittert, rachsüchtig, unzu-
gänglich geworden sind. Neue Generationen,S.
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liebevoll und zur Hochschätzung des Denkens erzogen, die
frühzeitig die Wohltaten der Kultur erfahren
haben, werden auch ein anderes Verhältnis
zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum
empfinden, bereit sein, die Opfer an
Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu
bringen, deren es zu ihrer Erhaltung
bedarf. Sie werden den Zwang entbehren
können und sich wenig von ihren Führern
unterscheiden. Wenn es menschliche Massen
von solcher Qualität bisher in keiner
Kultur gegeben hat, so kommt es daher, daß
keine Kultur noch die Einrichtungen
getroffen hatte, um die Menschen in solcher
Weise, und zwar von Kindheit an, zu
beeinflussen.Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt
oder jetzt schon, beim gegenwärtigen Stand
unserer Naturbeherrschung, möglich ist, solche
kulturelle Einrichtungen herzustellen, man
kann die Frage aufwerfen, woher die
Anzahl überlegener, unbeirrbarer und un-
eigennütziger Führer kommen soll, die als
Erzieher der künftigen Generationen
wirken müssen, man kann vor dem
ungeheuerlichen Aufwand an Zwang
erschrecken, der bis zur Durchführung dieser
Absichten unvermeidlich sein wird. Die
Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeut-
ung für die Zukunft der menschlichen Kultur
wird man nicht bestreiten können. Er ruht
sicher auf der psychologischen Einsicht, daß
der Mensch mit den mannigfaltigsten
Triebanlagen ausgestattet ist, denen
die frühen Kindheitserlebnisse die endgültige
Richtung anweisen. Die Schranken der
Erziehbarkeit des Menschen setzen darum
auch der Wirksamkeit einer solchen
Kulturveränderung ihre Grenze.
Man mag es bezweifeln, ob und in welchem
Ausmaß ein anderes Kulturmilieu
die beiden Eigenschaften der menschlichen
Massen, die die Führung der menschlichen
Angelegenheiten so sehr erschweren,
auslöschen kann. Das Experiment
ist noch nicht gemacht worden.
Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz
der Menschheit – infolge krankhafter
Anlage oder übergroßer Trieb-
stärke – immer asozial bleiben,
aber wenn man es nur zustande bringt,
die kulturfeindliche Mehrheit von
heute zu einer Minderheit herabzu-
drücken, hat man sehr viel erreicht,
vielleicht alles, was sich erreichen läßt.S.
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ch möchte nicht den Eindruck erwecken, daß
ich mich weit weg von dem vorgezeichneten
Weg meiner Untersuchung verirrt habe.
Ich will darum ausdrücklich versichern, daß
es mir ferne liegt, das große Kultur-
experiment zu beurteilen, das gegenwärtig
in dem weiten Land zwischen Europa und
Asien angestellt wird. Ich habe weder die
Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über
dessen Ausführbarkeit zu entscheiden,
die Zweckmäßigkeit der angewandten
Methoden zu prüfen oder die Weite
der unvermeidlichen Kluft zwischen
Absicht und Durchführung zu messen. Was
dort vorbereitet wird, entzieht sich als
unfertig einer Betrachtung, zu der unsere
längst konsolidierte Kultur den Stoff bietet.II.
Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren
wir versucht, den Kulturbesitz in den
vorhandenen Gütern und den Einrichtungen
zu ihrer Verteilung zu suchen.
Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf
Arbeitszwang und Triebverzicht beruht
und darum unvermeidlich eine Opposition
bei den von diesen Anforderungen Be-
troffenen hervorruft, wurde es klar, daß
die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinn-
ung und Anordnungen zu ihrer Verteilung
nicht das Wesentlicheoderund das Alleinige
der Kultur sein können. Denn sie sind
durch die Auflehnung und Zerstörungssucht
der Kulturteilhaber bedroht. Neben die
Güter treten jetzt die Mittel, die dazu
dienen können, die Kultur zu verteidigen,
die Zwangsmittel und andere, denen es
gelingen soll, die Menschen mit ihr auszu-
söhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
Letztere können aber als der psychische
Besitz der Kultur beschrieben werden.
Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zu
Liebe wollen wir die Tatsache, daß ein
Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung,
die Einrichtung, die diese Versagung
festlegt, Verbot und den Zustand, den
das Verbot herbeiführt, Entbehrung
nennen. Dann ist der nächste Schritt, zwischen
Entbehrungen zu unterscheiden, die Alle
betreffen, und solchen, die nicht Alle
betreffen, bloß Gruppen, Klassen, oder
selbst Einzelne. Die ersteren sind die
ältesten, mit den Verboten, die sie
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