Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    Die Zukunft unserer einer Illusionen.
    von
    Sigm. Freud

    I.

    Wenn man eine ganze Weile innerhalb
    einer bestimmten Kultur gelebt und
    sich oft darum bemüht hat zu erforschen
    welche wie ihre Ursprünge und der Weg
    ihrer Entwicklung waren, verspürt man
    auch einmal die Versuchung den Blick
    nach der anderen Richtung zu wenden
    und die Frage zu stellen welches fernere
    Schicksal dieser Kultur bevorsteht und welche
    Wandlungen durchzumachen ihr bestimmt ist.
    Man wird aber bald merken, daß eine solche
    Untersuchung von vorn herein durch mehrere
    Momente entwertet ist wird. Vor allem
    dadurch, daß es nur wenige Personen giebt
    die das menschliche Getriebe in all seinen
    Ausbreitungen überschauen können. Für die
    meisten ist Beschränkung auf ein einzelnes
    oder wenige Gebiete notwendig geworden;
    je weniger einer aber vom Vergangenen und
    Gegenwärtigen weiß, desto unsicherer muß
    sein Urteil über das Zukünftige ausfallen.
    Ferner darum, weil gerade bei diesem Urteil
    die subjektiven Erwartungen des Einzelnen
    eine schwer abzuschätzende Rolle spielen;
    diese zeigen sich aber abhängig von rein per=
    sönlichen Momenten, seiner eigenen Erfahrung,
    seiner mehr oder minder hoffnungsvollen Ein=
    stellung zum Leben, wie sie ihm durch
    Temperament, Erfolg oder
    Mißerfolg vorgeschrieben worden ist. Endlich
    kommt die merkwürdige Tatsache zur
    Wirkung, daß die Menschen im Allge=
    meinen ihre Gegenwart wie naiv er=
    leben ohne deren Inhalte würdigen zu
    können; sie müssen erst Distanz zu ihr
    gewinnen, d. h. die Gegenwart muß zur
    Vergangenheit geworden sein, wenn
    man aus ihr Anhaltspunkte zur Beur=
    teilung des Zukünftigen gewinnen
    soll.

       Wer also der Versuchung nachgiebt, eine
    Äußerung über die wahrscheinliche Zukunft
    unserer Kultur von sich zu geben, wird
    gut daran thun, sich der vorhin angedeuteten
    Bedenken zu erinnern, ebenso wie der
    Unsicherheit, die ganz allgemein an
    jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt
    für mich, daß ich in eiliger Flucht vor

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    der zu großen Aufgabe alsbald das kleine
    Teilgebiet aufsuchen werde, dem auch bisher
    meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nachdem
    ich ihm nur seine Stellung im großen Ganzen
    bestimmt habe.

       Die menschliche Kultur – ich meine all das, worin
    sich das menschliche Leben über seine animal=
    ischen Bedingungen erhoben hat und worin
    es sich vom Leben der Tiere unterscheidet
    und ich verschmähe es, Kultur und Zivilisation
    zu trennen – zeigt dem Beobachter bekannt=
    lich zwei Seiten. Sie umfaßt einerseits
    all das Wissen und Können, das die
    Menschen erworben haben um die
    Kräfte der Natur zu beherrschen und
    ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen
    Bedürfnisse abzugewinnen, anderseits sind um alle
    die Einrichtungen, die notwendig sind um
    die Beziehungen der Menschen zu einander
    und besonders die Verteilung der erreichbaren
    Güter zu regeln. Die beiden Richtungen
    der Kultur sind auch nicht unabhängig von
    einander, erstens weil die gegenseitigen
    Beziehungen der Menschen durch das Maß
    der Triebbefriedigung, das die vorhandenen
    Güter ermöglichen, tiefgreifend beein=
    flußt werden, zweitens weil der einzelne
    Mensch selbst zu einem anderen in die
    Beziehung eines Gutes treten kann insofern
    dieser seine Arbeitskraft benützt oder
    ihn zum Sexualobjekt nimmt, drittens
    aber weil jeder Einzelne virtuell
    ein Feind der Kultur ist, die doch ein
    allgemein menschliches Interesse sein soll.
    Es ist merkwürdig, daß die Menschen, so wenig
    sie auch in der Vereinzelung existieren
    können, doch die Opfer, welche ihnen von
    der Kultur zugemutet werden, um ein
    Zusammenleben zu ermöglichen, als
    schwer drückend empfinden. Die Kultur
    muß also gegen den Einzelnen verteidigt
    werden und ihre Einrichtungen, Institutionen
    und Gebote stellen sich in den Dienst
    dieser Aufgabe; sie bezwecken nicht
    nur eine gewisse Güterverteilung her=
    zustellen, sondern auch diese aufrecht
    zu erhalten, ja sie müssen gegen die feind=
    seligen Regungen der Menschen
    all das beschützen, was der Bezwingung
    der Natur und der Erzeugung von
    Gütern dient. Menschliche Schöpfungen

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    Wissenschaft und Technik, die sie aufgebaut haben,
    können auch zu ihrer Vernichtung verwendet
    werden.

       So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur
    etwas ist, was einer widerstrebenden Mehr-
    heit von einer Minderzahl auferlegt wurde,
    die es verstanden hat, sich in den Besitz
    von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.
    Es liegt natürlich nahe anzunehmen, daß diese
    Schwierigkeiten nicht am Wesen der Kultur
    selbst haften, sondern von den Unvollkom-
    menheiten der Kulturformen bedingt werden,
    die bis jetzt entwickelt worden sind. In
    der Tat ist es nicht schwer, diese Mängel auf-
    zuzeigen. Während die Menschheit in der Be-
    herrschung der Natur ständige Fortschritte
    gemacht hat und noch größere erwarten
    darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in der
    Regelung der menschlichen Angelegenheiten
    nicht sicher festzustellen und wahrscheinlich
    haben sich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder,
    viele Menschen gefragt, ob denn dieses
    Stück des Kulturerwerbs überhaupt der
    Verteidigung wert ist. Man sollte meinen,
    es müßte eine Neuregelung der menschlichen
    Beziehungen möglich sein, welche die Quellen
    der Unzufriedenheit mit der Kultur
    versiegen macht, indem sie auf den
    Zwang und die Triebunterdrückung
    verzichtet, so daß die Menschen sich ungestört
    durch inneren Zwist der Erwerbung von
    Gütern und dem Genuß derselben hingeben
    könnten. Das wäre das goldene Zeitalter, allein
    es fragt sich, ob ein solcher Zustand zu ver-
    wirklichen ist. Es scheint vielmehr, daß sich
    jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht
    aufbauen muß; es scheint nicht ein-
    mal gesichert, daß beim Aufhören des
    Zwanges die Mehrzahl der menschlichen
    Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung
    auf sich zu nehmen, deren es zur Ge-
    winnung neuer Lebensgüter bedarf.
    Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu
    rechnen, daß bei allen Menschen
    destruktive, also antisoziale und antikulturelle
    Tendenzen vorhanden sind und
    daß diese bei einer großen Anzahl von
    Personen stark genug sind, um ihr
    Verhalten in der menschlichen Gesell-
    schaft zu bestimmen.

       Dieser psychologischen Tatsache kommt eine
    entscheidende Bedeutung für die Beur-
    teilung der menschlichen Kultur zu.

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    Konnte man zunächst meinen, das Wesentliche an ihr
    sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung von
    Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren ließen
    sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben
    unter den Menschen beseitigen, so scheint
    jetzt das Schwergewicht vom Materiellen
    weg aufs Seelische verlegt. Es wird
    entscheidend, ob und inwieweit es gelingt,
    die Last der den Menschen auferlegten
    Triebopfer zu verringern, sie mit den
    notwendig verbleibenden zu versöhnen
    und dafür zu entschädigen. Ebensowenig
    wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann
    man die Beherrschung der Masse durch
    eine Minderzahl entbehren, denn die
    Massen sind träge und einsichtslos, sie
    lieben den Triebverzicht nicht, sind
    durch Argumente nicht von dessen
    Unvermeidlichkeit zu überzeugen und
    ihre Individuen bestärken einander im
    Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit. Nur
    durch den Einfluß vorbildlicher Individuen,
    die sie als ihre Führer anerkennen, sind sie
    zu den Arbeitsleistungen und Entsagungen
    zu bewegen, auf welche der Bestand
    der Kultur angewiesen ist. Es ist alles
    gut, wenn diese Führer Personen von
    überlegener Einsicht in die Notwendig-
    keiten des Lebens sind, die sich zur Beherrschung
    ihrer eigenen Triebwünsche aufgeschwungen
    haben. Aber es besteht für sie die
    Gefahr, daß sie, um ihren Einfluß nicht
    zu verlieren, der Masse mehr nachgeben
    als diese ihnen, und darum erscheint
    es notwendig, daß sie durch Verfügung
    über Machtmittel von der Masse unab-
    hängig seien. Um es kurz zu fassen, es
    sind zwei weit verbreitete Eigenschaften
    der Menschen, die es verschulden, daß die kul-
    turellen Einrichtungen nur durch ein ge-
    wisses Maß von Zwang gehalten werden
    können, nämlich, daß sie spontan nicht
    arbeitslustig sind und daß Argumente
    nichts gegen ihre Leidenschaften ver-
    mögen.

       Ich weiß, was man gegen diese Ausführungen
    einwenden wird. Man wird sagen, der
    hier geschilderte Charakter der Menschen-
    massen, der die Unerläßlichkeit des
    Zwanges zur Kulturarbeit beweisen
    soll, ist selbst nur die Folge fehlerhafter
    kultureller Einrichtungen, durch die
    die Menschen erbittert, rachsüchtig, unzu-
    gänglich geworden sind. Neue Generationen,

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    liebevoll und zur Hochschätzung des Denkens erzogen, die
    frühzeitig die Wohltaten der Kultur erfahren
    haben, werden auch ein anderes Verhältnis
    zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum
    empfinden, bereit sein, die Opfer an
    Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu
    bringen, deren es zu ihrer Erhaltung
    bedarf. Sie werden den Zwang entbehren
    können und sich wenig von ihren Führern
    unterscheiden. Wenn es menschliche Massen
    von solcher Qualität bisher in keiner
    Kultur gegeben hat, so kommt es daher, daß
    keine Kultur noch die Einrichtungen
    getroffen hatte, um die Menschen in solcher
    Weise, und zwar von Kindheit an, zu
    beeinflussen.

       Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt
    oder jetzt schon, beim gegenwärtigen Stand
    unserer Naturbeherrschung, möglich ist, solche
    kulturelle Einrichtungen herzustellen, man
    kann die Frage aufwerfen, woher die
    Anzahl überlegener, unbeirrbarer und un-
    eigennütziger Führer kommen soll, die als
    Erzieher der künftigen Generationen
    wirken müssen, man kann vor dem
    ungeheuerlichen Aufwand an Zwang
    erschrecken, der bis zur Durchführung dieser
    Absichten unvermeidlich sein wird. Die
    Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeut-
    ung für die Zukunft der menschlichen Kultur
    wird man nicht bestreiten können. Er ruht
    sicher auf der psychologischen Einsicht, daß
    der Mensch mit den mannigfaltigsten
    Triebanlagen ausgestattet ist, denen
    die frühen Kindheitserlebnisse die endgültige
    Richtung anweisen. Die Schranken der
    Erziehbarkeit des Menschen setzen darum
    auch der Wirksamkeit einer solchen
    Kulturveränderung ihre Grenze.
    Man mag es bezweifeln, ob und in welchem
    Ausmaß ein anderes Kulturmilieu
    die beiden Eigenschaften der menschlichen
    Massen, die die Führung der menschlichen
    Angelegenheiten so sehr erschweren,
    auslöschen kann. Das Experiment
    ist noch nicht gemacht worden.
    Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz
    der Menschheit – infolge krankhafter
    Anlage oder übergroßer Trieb-
    stärke – immer asozial bleiben,
    aber wenn man es nur zustande bringt,
    die kulturfeindliche Mehrheit von
    heute zu einer Minderheit herabzu-
    drücken, hat man sehr viel erreicht,
    vielleicht alles, was sich erreichen läßt.

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    ch möchte nicht den Eindruck erwecken, daß
    ich mich weit weg von dem vorgezeichneten
    Weg meiner Untersuchung verirrt habe.
    Ich will darum ausdrücklich versichern, daß
    es mir ferne liegt, das große Kultur-
    experiment zu beurteilen, das gegenwärtig
    in dem weiten Land zwischen Europa und
    Asien angestellt wird. Ich habe weder die
    Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über
    dessen Ausführbarkeit zu entscheiden,
    die Zweckmäßigkeit der angewandten
    Methoden zu prüfen oder die Weite
    der unvermeidlichen Kluft zwischen
    Absicht und Durchführung zu messen. Was
    dort vorbereitet wird, entzieht sich als
    unfertig einer Betrachtung, zu der unsere
    längst konsolidierte Kultur den Stoff bietet.

    II.

       Wir sind unversehens aus dem Ökonomischen ins
    Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren
    wir versucht, den Kulturbesitz in den
    vorhandenen Gütern und den Einrichtungen
    zu ihrer Verteilung zu suchen.
    Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf
    Arbeitszwang und Triebverzicht beruht
    und darum unvermeidlich eine Opposition
    bei den von diesen Anforderungen Be-
    troffenen hervorruft, wurde es klar, daß
    die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinn-
    ung und Anordnungen zu ihrer Verteilung
    nicht das Wesentliche oder und das Alleinige
    der Kultur sein können. Denn sie sind
    durch die Auflehnung und Zerstörungssucht
    der Kulturteilhaber bedroht. Neben die
    Güter treten jetzt die Mittel, die dazu
    dienen können, die Kultur zu verteidigen,
    die Zwangsmittel und andere, denen es
    gelingen soll, die Menschen mit ihr auszu-
    söhnen und für ihre Opfer zu entschädigen.
    Letztere können aber als der psychische
    Besitz der Kultur beschrieben werden.
        Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zu
    Liebe wollen wir die Tatsache, daß ein
    Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung,
    die Einrichtung, die diese Versagung
    festlegt, Verbot und den Zustand, den
    das Verbot herbeiführt, Entbehrung
    nennen. Dann ist der nächste Schritt, zwischen
    Entbehrungen zu unterscheiden, die Alle
    betreffen, und solchen, die nicht Alle
    betreffen, bloß Gruppen, Klassen, oder
    selbst Einzelne. Die ersteren sind die
    ältesten, mit den Verboten, die sie