S.
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ein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine
Widersetzlichkeit grade an diesem Eindruck
anknüpft. Wir sind zur Überzeugung gekommen,
daß es besser ist, die Mitteilung solcher
symbolischer Verschleierungen der Wahrheit
zu unterlassen und dem Kind die
Kenntnis der realen Verhältnisse in
Anpassung an seine intellektuelle Stufe
nicht zu versagen.IX
„Sie gestatten sich Widersprüche die schwer mit-
einander zu vereinbaren sind. Zuerst behaupten
Sie, eine Schrift wie die Ihrige sei ganz
ungefährlich. Niemand werde sich durch solche
Erörterungen seinen religiösen Glauben rauben
lassen. Da es aber doch Ihre Absicht ist, diesen
Glauben zu stören, wie sich später herausstellt,
darf man fragen: warum veröffent-
lichen Sie sie eigentlich? An einer anderen
Stelle geben Sie aber doch zu, daß es gefährlich
ja sogar sehr gefährlich werden kann, wenn jemand
erfährt, daß man nicht mehr an Gott glaubt.
Er war bis dahin gefügig und nun wirft
er den Gehorsam gegen die Kulturvor-
schriften beiseite. Ihr ganzes Argument,
daß die religiöse Motivierung der Kulturgebote
eine Gefahr für die Kultur bedeute, ruht
ja auf der Annahme, daß der Gläubige zum
Ungläubigen gemacht werden kann, das
ist doch ein voller Widerspruch.“„Ein anderer Widerspruch ist, wenn Sie einerseits
zugeben, der Mensch sei durch Intelligenz
nicht zu lenken, er werde durch seine Leiden-
schaften und Triebansprüche beherrscht, andererseits
aber den Vorschlag machen, die affek-
tiven Grundlagen seines Kulturgehorsams
durch rationelle zu ersetzen. Das verstehe
wer kann. Mir scheint es, entweder das
eine oder das andere.“„Übrigens haben Sie nichts aus der Geschichte
gelernt? Ein solcher Versuch, die Religion
durch die Vernunft abzulösen,zu lassen,
ist ja schon einmal gemacht worden, offiziell
und in großem Stil. Sie erinnern sich
doch an die französische Revolution und
Robespierre? Aber auch an die
Kurzlebigkeit und klägliche Erfolglosigkeit
des Experiments. Es wird jetzt in Rußland
wiederholt, wir brauchen nicht neugierig
zu sein, wie es ausgehen wird. Meinen
Sie nicht, daß wir annehmen dürfen,
der Mensch kann die Religion
nicht entbehren?“S.
41
„Sie haben selbst gesagt die Religion ist mehr als
eine Zwangsneurose. Aber von dieser ihrer
anderen Seite haben Sie nicht gehandelt. Es
genügt Ihnen die Analogie mit der Neurose
durchzuführen. Von einer Neurose muß
man die Menschen befreien. Was dabei
sonst verloren geht kümmert Sie nicht.“Der Anschein des Widerspruchs ist wahrscheinlich
entstanden weil ich komplizierte Dinge zu eilig
behandelt habe. Einiges können wir nachholen.
Ich behaupte noch immer, daß meine Schrift
in einer Hinsicht ganz ungefährlich ist. Kein
Glaubender wird sich durch diese oder ähnliche
Argumente in seinem Glauben beirren lassen.
Ein Glaubender hat bestimmte zärtliche
Bindungen an den Inhalten der Religion.
Es giebt gewiß ungezählt viele Andere, die
nicht in demselben Sinne gläubig sind. Sie
sind den Kulturvorschriften gehorsam
weil sie sich durch die Drohungen der Religion
einschüchtern lassen, und sie fürchten
die Religion, solange sie dieselbe für
ein Stück der sie einschränkenden
Realität halten müssen. Diese sind es
die losbrechen, sobald sie den Glauben
an ihren Realitätswert aufgeben dürfen
aber auch darauf haben Argumente keinen
Einfluß. Sie hören auf, die Religion zu
fürchten wenn sie merken, daß auch andere
sie nicht fürchten und von ihnen habe
ich behauptet daß sie vom Niedergang
des religiösen Einflusses erfahren würden
auch wenn ich meine Schrift nicht publizierte.Ich glaube aber Sie legen selbst mehr Wert
auf den anderen Widerspruch, den Sie
mir vorhalten. Die Menschen sind Ver-
nunftgründen so wenig zugänglich, werden
ganz von ihren Triebwünschen beherrscht.
Warumalsoihnen eine Triebbefriedigung
wegnehmen und durch Vernunftgründe
ersetzen wollen? Freilich sind die Menschen
so, aber haben Sie sich gefragt ob sie so
sein müßten, ob ihre innerste Natur sie
dazu nötigt? Kann der Anthropologe
denSchädelindexSchädelindex eines Volkes angeben das
die Sitte hat die Köpfchen seiner Kinder
von früh auf durch Bandagen zu deformieren? Denken Sie an den betrübenden Kontrast
zwischen der strahlenden Intelligenz eines
gesunden Kindes und der Denkschwäche
des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es
so ganz unmöglich daß grade die religiöse
Erziehung einen großen Anteil an
dieser relativen Verkümmerung
trägt? Ich meine es würdeS.
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sehr lange dauern bis ein nicht beeinflußtes
Kind anfinge sich Gedanken über Gott
und die Dinge jenseits dieser Welt
zu machen. Vielleicht würden diese
Gedanken dann dieselben Wege einschlagen
die sie bei seinen Urahnen gegangen sind, aber
man wartet diese Entwicklung nicht ab,
man führt ihm die religiösen Lehren zu
einer Zeit zu, da es weder Interesse
für sie noch die Fähigkeit hat, ihre Trag-
weite zu begreifen. Verzögerung der sexuel-
len Entwicklung und Verfrühung des relig-
iösen Einflusses, das sind doch die beiden
Hauptpunkte im Programm der heutigen
Pädagogik, nicht wahr? Wenn dann
das Denken des Kindes erwacht, sind die
religiösen Lehren bereits unangreifbar
geworden. Meinen Sie aber, daß es für
die Erstarkung der Denkfunktion
sehr förderlich ist, wenn ihr ein so
bedeutsames Gebiet durch die Androhung
der Höllenstrafen verschlossen wird?
Wer sich einmal dazu gebracht hat, alle die
Absurditäten, die die religiösen Lehren
ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen,
und selbst die Widersprüche zwischen
ihnen zu übersehen, dessen Denkschwäche
braucht uns nicht arg zu verwundern. Nun
haben wir aber kein anderes Mittel zur
Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als
unsere Intelligenz. Wie kann man von
Personen, die unter der Herrschaft von
Denkverboten stehen, erwarten, daß sie
das psychologische Ideal, den Primat der
Intelligenz erreichen werden? Sie
wissen auch, daß man den Frauen im
allgemeinen den sogenannten „physiologischen
Schwachsinn“ nachsagt, d. h. eine geringere Intel-
ligenz als die des Mannes. Die Tatsache
selbst ist strittig, ihre Auslegung zweifel-
haft, aber ein Argument für die sekun-
däre Natur dieser intellektuellen
Verkümmerung lautet, die Frauen litten
unter der Härte des frühen Verbots, ihr Denken
an das zu wenden, was sie am meisten
interessiert hätte, nämlich an dieRätsel des Ge-sexuellen Probleme
schlechtslebens. Solange außer der sexuellen
Denkhemmung die religiöse und
die von ihr abgeleitete loyale auf
die frühen Jahre des Menschen ein-
wirken, können wir wirklich nicht
sagen, wie er eigentlich ist.S.
43
Aber ich will meinen Eifer ermäßigen und
die Möglichkeit zugestehen, daß auch ich einer
Illusion nachjage. Vielleicht ist die Wirkung
des religiösen Denkverbots nicht so arg
wie ich's annehme, vielleicht stellt es sich
heraus, daß die menschliche Natur dieselbe
bleibt, auch wenn man die Erziehung
nicht zur Unterwerfung unter die
Religion mißbraucht. Ich weiß es nicht und
Sie können es auch nicht wissen. Nicht nur
die großen Probleme dieses Lebens
scheinen derzeit unlösbar, sondern
auch viele geringere Fragen sind schwer
zu entscheiden. Aber gestehen Sie mir zu,
daß hier eine Berechtigung für eine
Zukunftshoffnung vorhanden ist, daß
vielleicht ein Schatz zu heben ist, der
die Kultur bereichern kann, daß es
sich der Mühe lohnt, den Versuch
einer irreligiösen Erziehung zu unter-
nehmen. Fällt er unbefriedigend aus,
so bin ich bereit, die Reform aufzu-
geben und zum früheren, rein deskriptiven
Urteil zurückzukehren: der
Mensch ist ein Wesen von schwacher
Intelligenz, das von seinen Triebwünschen
beherrscht wird.In einem anderen Punkte stimme ich Ihnen
ohne Rückhalt bei. Es ist gewiß ein unsinniges
Beginnen, die Religion gewaltsam und mit
einem Schlage aufheben zu wollen. Vor
allem darum weil es aussichtslos ist. Der
Gläubige läßt sich seinen Glauben nicht
entreißen, nicht durch Argumente und nicht
durch Verbote. Gelänge es aber bei einigen
so wäre es eine Grausamkeit. Wer durch
Dezennien Schlafmittel genommen hat, kann
natürlich nicht schlafen, wenn man ihm das
Mittel entzieht. Daß die Wirkung der
religiösen Tröstungen der eines Narkotikums
gleichgesetzt werden darf, wird durch einen
Vorgang in Amerika hübsch illustriert.
Dort will man jetzt den Menschen –
offenbar unter dem Einfluß der Frauenherrschaft – alle
Reiz-, Rausch- und Genußmittel
entziehen und übersättigt sie
zur Entschädigung mit Gottesfurcht. Auch
auf den Ausgang dieses Experiments
braucht man nicht neugierig zu sein.Ich widerspreche Ihnen also, wenn Sie
weiter folgern, daß der Mensch überhaupt
den Trost der religiösen Illusion
nicht entbehren kann, daß er ohne sie
die Schwere des Lebens, die grausame
Wirklichkeit, nicht ertragen würde.S.
29b
einer Feindseligkeit deren Grund auch schwer zuerraten ist d. h. wenigstens Menschen pflegendas, was die Wissenschaft geben kannsuchen bei ihr Trost Erhebung oder ästhetischeBefriedigung und sind enttäuscht wenn sienichts davon finden. Vor allem aber fordernsie von der Wissenschaft den Ersatz fürden religiösen Glauben an dem sie irregeworden sind. Sie meinenaber die Wissenschaft, die auf ihrem lang-samen Entwicklungsweg fortbauen mußvermeidet es, ihre Sache schützt uns nichtzeitweilig mit Annäherungen und Wahr-scheinlichkeiten gut bescheiden läßt undIllusionen verwerfen muß. Hier ist es wohlbeide? Illusion und... dieser Frage nämlichkann. Nach der... Entscheidung von Ihnen43 es haben ob wir... sagen können wirerwartet. Sie könnten sagen wozu soll kann esReligion abgelöst werden. Ein Teil von diesenwird durch eine andere psychologischeErsetzung ...... Die Religion ...sein Teil...Verteidigung... Dazu... der Ausdruckder ...erhoffen...das alte ...darauf antworte ich: das ist nicht dieBedingung...... warum ... können daß es...27b) ...
S.
44
ja, der Mensch nicht, dem sie das süße – oder
bittersüße – Gift von Kindheit an eingeflößt
haben. Aber der andere, der nüchtern aufge-
zogen wurde? Vielleicht braucht der, der nicht
an der Neurose leidet, auch keine Intoxikation
um sie zu betäuben. Gewiß wird der Mensch
sich dann in einer schwierigen Situation befinden,
er wird sich seine ganze Hilflosigkeit, seine
Geringsfügigkeit im Getriebe der Welt einge-
stehen müssen, nicht mehr der Mittelpunkt
der Schöpfung, nicht mehr das Objekt zärtlicher
Fürsorge einer gütigen Vorsehung. Er wird
in derselben Lage sein wie das Kind, welches
das Vaterhaus verlassen hat, in dem es so
warm und behaglich war. Aber nicht wahr
der Infantilismus ist dazu bestimmt über-
wunden zu werden? Der Mensch kann nicht
ewig Kind bleiben, er muß endlich
hinaus in's „feindliche Leben“. Man darf
das „die Erziehung zur Realität“ heißen,
brauche ich Ihnen noch zu verraten, daß
es die einzige Absicht meiner Schrift ist
auf die Notwendigkeit dieses Fortschritts
aufmerksam zu machen?VII Sie fürchten wahrscheinlich er wird die schwere
Probe nicht bestehen? Nun lassen Sie uns
immerhin hoffen. Es macht schon etwas aus
wenn man weiß, daß man auf seine eigenen
Kräfte angewiesen ist. Man lernt dann sie
recht zu gebrauchen. Ganz ohne Hilfsmittel
ist der Mensch nicht, seine Wissenschaft
hat ihn seit der Zeit des Diluviums viel
gelehrt und wird seine Macht noch weiter
vergrößern. Und was die großen Schicksals-
notwendigkeiten betrifft gegen die es
keine Abhilfe giebt, die wird er eben
mit Ergebung ertragen lernen. Was soll
ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes
auf dem Mond, von dessen Ertrag doch
noch nie jemand etwas gesehen hat? Als
ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde wird
er seine Scholle zu bearbeiten wissen so
daß sie ihn nährt. Dadurch daß er seine
Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle
frei gewordenen Kräfte auf das irdische
Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich
erreichen können, daß das Leben für alle
erträglich wird und die Kultur keinen
mehr erdrückt. Dann wird er ohne
Bedauern mit einem unserer Un-
glaubensgenossen sagen können:
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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