Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    ein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine
    Widersetzlichkeit grade an diesem Eindruck
    anknüpft. Wir sind zur Überzeugung gekommen,
    daß es besser ist, die Mitteilung solcher
    symbolischer Verschleierungen der Wahrheit
    zu unterlassen und dem Kind die
    Kenntnis der realen Verhältnisse in
    Anpassung an seine intellektuelle Stufe
    nicht zu versagen.

    IX

    „Sie gestatten sich Widersprüche die schwer mit-
    einander zu vereinbaren sind. Zuerst behaupten
    Sie, eine Schrift wie die Ihrige sei ganz
    ungefährlich. Niemand werde sich durch solche
    Erörterungen seinen religiösen Glauben rauben
    lassen. Da es aber doch Ihre Absicht ist, diesen
    Glauben zu stören, wie sich später herausstellt,
    darf man fragen: warum veröffent-
    lichen Sie sie eigentlich? An einer anderen
    Stelle geben Sie aber doch zu, daß es gefährlich
    ja sogar sehr gefährlich werden kann, wenn jemand
    erfährt, daß man nicht mehr an Gott glaubt.
    Er war bis dahin gefügig und nun wirft
    er den Gehorsam gegen die Kulturvor-
    schriften beiseite. Ihr ganzes Argument,
    daß die religiöse Motivierung der Kulturgebote
    eine Gefahr für die Kultur bedeute, ruht
    ja auf der Annahme, daß der Gläubige zum
    Ungläubigen gemacht werden kann, das
    ist doch ein voller Widerspruch.“

    „Ein anderer Widerspruch ist, wenn Sie einerseits
    zugeben, der Mensch sei durch Intelligenz
    nicht zu lenken, er werde durch seine Leiden-
    schaften und Triebansprüche beherrscht, andererseits
    aber den Vorschlag machen, die affek-
    tiven Grundlagen seines Kulturgehorsams
    durch rationelle zu ersetzen. Das verstehe
    wer kann. Mir scheint es, entweder das
    eine oder das andere.“

    „Übrigens haben Sie nichts aus der Geschichte
    gelernt? Ein solcher Versuch, die Religion
    durch die Vernunft abzulösen, zu lassen,
    ist ja schon einmal gemacht worden, offiziell
    und in großem Stil. Sie erinnern sich
    doch an die französische Revolution und
    Robespierre? Aber auch an die
    Kurzlebigkeit und klägliche Erfolglosigkeit
    des Experiments. Es wird jetzt in Rußland
    wiederholt, wir brauchen nicht neugierig
    zu sein, wie es ausgehen wird. Meinen
    Sie nicht, daß wir annehmen dürfen,
    der Mensch kann die Religion
    nicht entbehren?“

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    „Sie haben selbst gesagt die Religion ist mehr als
    eine Zwangsneurose. Aber von dieser ihrer
    anderen Seite haben Sie nicht gehandelt. Es
    genügt Ihnen die Analogie mit der Neurose
    durchzuführen. Von einer Neurose muß
    man die Menschen befreien. Was dabei
    sonst verloren geht kümmert Sie nicht.“

       Der Anschein des Widerspruchs ist wahrscheinlich
    entstanden weil ich komplizierte Dinge zu eilig
    behandelt habe. Einiges können wir nachholen.
    Ich behaupte noch immer, daß meine Schrift
    in einer Hinsicht ganz ungefährlich ist. Kein
    Glaubender wird sich durch diese oder ähnliche
    Argumente in seinem Glauben beirren lassen.
    Ein Glaubender hat bestimmte zärtliche
    Bindungen an den Inhalten der Religion.
    Es giebt gewiß ungezählt viele Andere, die
    nicht in demselben Sinne gläubig sind. Sie
    sind den Kulturvorschriften gehorsam
    weil sie sich durch die Drohungen der Religion
    einschüchtern lassen, und sie fürchten
    die Religion, solange sie dieselbe für
    ein Stück der sie einschränkenden
    Realität halten müssen. Diese sind es
    die losbrechen, sobald sie den Glauben
    an ihren Realitätswert aufgeben dürfen
    aber auch darauf haben Argumente keinen
    Einfluß. Sie hören auf, die Religion zu
    fürchten wenn sie merken, daß auch andere
    sie nicht fürchten und von ihnen habe
    ich behauptet daß sie vom Niedergang
    des religiösen Einflusses erfahren würden
    auch wenn ich meine Schrift nicht publizierte.

       Ich glaube aber Sie legen selbst mehr Wert
    auf den anderen Widerspruch, den Sie
    mir vorhalten. Die Menschen sind Ver-
    nunftgründen so wenig zugänglich, werden
    ganz von ihren Triebwünschen beherrscht.
    Warum also ihnen eine Triebbefriedigung
    wegnehmen und durch Vernunftgründe
    ersetzen wollen? Freilich sind die Menschen
    so, aber haben Sie sich gefragt ob sie so
    sein müßten, ob ihre innerste Natur sie
    dazu nötigt? Kann der Anthropologe
    den Schädelindex Schädelindex eines Volkes angeben das
    die Sitte hat die Köpfchen seiner Kinder
    von früh auf durch Bandagen zu deformieren? Denken Sie an den betrübenden Kontrast
    zwischen der strahlenden Intelligenz eines
    gesunden Kindes und der Denkschwäche
    des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es
    so ganz unmöglich daß grade die religiöse
    Erziehung einen großen Anteil an
    dieser relativen Verkümmerung
    trägt? Ich meine es würde 

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    sehr lange dauern bis ein nicht beeinflußtes
    Kind anfinge sich Gedanken über Gott
    und die Dinge jenseits dieser Welt
    zu machen. Vielleicht würden diese
    Gedanken dann dieselben Wege einschlagen
    die sie bei seinen Urahnen gegangen sind, aber
    man wartet diese Entwicklung nicht ab,
    man führt ihm die religiösen Lehren zu
    einer Zeit zu, da es weder Interesse
    für sie noch die Fähigkeit hat, ihre Trag-
    weite zu begreifen. Verzögerung der sexuel-
    len Entwicklung und Verfrühung des relig-
    iösen Einflusses, das sind doch die beiden
    Hauptpunkte im Programm der heutigen
    Pädagogik, nicht wahr? Wenn dann
    das Denken des Kindes erwacht, sind die
    religiösen Lehren bereits unangreifbar
    geworden. Meinen Sie aber, daß es für
    die Erstarkung der Denkfunktion
    sehr förderlich ist, wenn ihr ein so
    bedeutsames Gebiet durch die Androhung
    der Höllenstrafen verschlossen wird?
    Wer sich einmal dazu gebracht hat, alle die
    Absurditäten, die die religiösen Lehren
    ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen,
    und selbst die Widersprüche zwischen
    ihnen zu übersehen, dessen Denkschwäche
    braucht uns nicht arg zu verwundern. Nun
    haben wir aber kein anderes Mittel zur
    Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als
    unsere Intelligenz. Wie kann man von
    Personen, die unter der Herrschaft von
    Denkverboten stehen, erwarten, daß sie
    das psychologische Ideal, den Primat der
    Intelligenz erreichen werden? Sie
    wissen auch, daß man den Frauen im
    allgemeinen den sogenannten „physiologischen
    Schwachsinn“ nachsagt, d. h. eine geringere Intel-
    ligenz als die des Mannes. Die Tatsache
    selbst ist strittig, ihre Auslegung zweifel-
    haft, aber ein Argument für die sekun-
    däre Natur dieser intellektuellen
    Verkümmerung lautet, die Frauen litten
    unter der Härte des frühen Verbots, ihr Denken
    an das zu wenden, was sie am meisten
    interessiert hätte, nämlich an die
    sexuellen Probleme Rätsel des Ge-
    schlechtslebens. Solange außer der sexuellen
    Denkhemmung die religiöse und
    die von ihr abgeleitete loyale auf
    die frühen Jahre des Menschen ein-
    wirken, können wir wirklich nicht
    sagen, wie er eigentlich ist.

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    Aber ich will meinen Eifer ermäßigen und
    die Möglichkeit zugestehen, daß auch ich einer
    Illusion nachjage. Vielleicht ist die Wirkung
    des religiösen Denkverbots nicht so arg
    wie ich's annehme, vielleicht stellt es sich
    heraus, daß die menschliche Natur dieselbe
    bleibt, auch wenn man die Erziehung
    nicht zur Unterwerfung unter die
    Religion mißbraucht. Ich weiß es nicht und
    Sie können es auch nicht wissen. Nicht nur
    die großen Probleme dieses Lebens
    scheinen derzeit unlösbar, sondern
    auch viele geringere Fragen sind schwer
    zu entscheiden. Aber gestehen Sie mir zu,
    daß hier eine Berechtigung für eine
    Zukunftshoffnung vorhanden ist, daß
    vielleicht ein Schatz zu heben ist, der
    die Kultur bereichern kann, daß es
    sich der Mühe lohnt, den Versuch
    einer irreligiösen Erziehung zu unter-
    nehmen. Fällt er unbefriedigend aus,
    so bin ich bereit, die Reform aufzu-
    geben und zum früheren, rein deskriptiven
    Urteil zurückzukehren: der
    Mensch ist ein Wesen von schwacher
    Intelligenz, das von seinen Triebwünschen
    beherrscht wird.

       In einem anderen Punkte stimme ich Ihnen
    ohne Rückhalt bei. Es ist gewiß ein unsinniges
    Beginnen, die Religion gewaltsam und mit
    einem Schlage aufheben zu wollen. Vor
    allem darum weil es aussichtslos ist. Der
    Gläubige läßt sich seinen Glauben nicht
    entreißen, nicht durch Argumente und nicht
    durch Verbote. Gelänge es aber bei einigen
    so wäre es eine Grausamkeit. Wer durch
    Dezennien Schlafmittel genommen hat, kann
    natürlich nicht schlafen, wenn man ihm das
    Mittel entzieht. Daß die Wirkung der
    religiösen Tröstungen der eines Narkotikums
    gleichgesetzt werden darf, wird durch einen
    Vorgang in Amerika hübsch illustriert.
    Dort will man jetzt den Menschen –
    offenbar unter dem Einfluß der Frauenherrschaft – alle
    Reiz-, Rausch- und Genußmittel
    entziehen und übersättigt sie
    zur Entschädigung mit Gottesfurcht. Auch
    auf den Ausgang dieses Experiments
    braucht man nicht neugierig zu sein.

       Ich widerspreche Ihnen also, wenn Sie
    weiter folgern, daß der Mensch überhaupt
    den Trost der religiösen Illusion
    nicht entbehren kann, daß er ohne sie
    die Schwere des Lebens, die grausame
    Wirklichkeit, nicht ertragen würde.

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    29b

    einer Feindseligkeit deren Grund auch schwer zu
    erraten ist d. h. wenigstens Menschen pflegen
    das, was die Wissenschaft geben kann
    suchen bei ihr Trost Erhebung oder ästhetische
    Befriedigung und sind enttäuscht wenn sie
    nichts davon finden. Vor allem aber fordern
    sie von der Wissenschaft den Ersatz für
    den religiösen Glauben an dem sie irre
    geworden sind. Sie meinen
    aber die Wissenschaft, die auf ihrem lang-
    samen Entwicklungsweg fortbauen muß
    vermeidet es, ihre Sache schützt uns nicht
    zeitweilig mit Annäherungen und Wahr-
    scheinlichkeiten gut bescheiden läßt und
    Illusionen verwerfen muß. Hier ist es wohl
    beide? Illusion und... dieser Frage nämlich
    kann. Nach der... Entscheidung von Ihnen
    43 es haben ob wir... sagen können wir
    erwartet. Sie könnten sagen wozu soll kann es
    Religion abgelöst werden. Ein Teil von diesen
    wird durch eine andere psychologische
    Ersetzung ... 
    ... Die Religion ... 
    sein Teil... 
    Verteidigung... Dazu... der Ausdruck
    der ... 
    erhoffen...
    das alte ...
    darauf antworte ich: das ist nicht die
    Bedingung...
    ... warum ... können daß es
    ...
    27b) ...
     

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    ja, der Mensch nicht, dem sie das süße – oder
    bittersüße – Gift von Kindheit an eingeflößt
    haben. Aber der andere, der nüchtern aufge-
    zogen wurde? Vielleicht braucht der, der nicht
    an der Neurose leidet, auch keine Intoxikation
    um sie zu betäuben. Gewiß wird der Mensch
    sich dann in einer schwierigen Situation befinden,
    er wird sich seine ganze Hilflosigkeit, seine
    Geringsfügigkeit im Getriebe der Welt einge-
    stehen müssen, nicht mehr der Mittelpunkt
    der Schöpfung, nicht mehr das Objekt zärtlicher
    Fürsorge einer gütigen Vorsehung. Er wird
    in derselben Lage sein wie das Kind, welches
    das Vaterhaus verlassen hat, in dem es so
    warm und behaglich war. Aber nicht wahr
    der Infantilismus ist dazu bestimmt über-
    wunden zu werden? Der Mensch kann nicht
    ewig Kind bleiben, er muß endlich
    hinaus in's „feindliche Leben“. Man darf
    das „die Erziehung zur Realität“ heißen,
    brauche ich Ihnen noch zu verraten, daß
    es die einzige Absicht meiner Schrift ist
    auf die Notwendigkeit dieses Fortschritts
    aufmerksam zu machen?

    VII     Sie fürchten wahrscheinlich er wird die schwere
    Probe nicht bestehen? Nun lassen Sie uns
    immerhin hoffen. Es macht schon etwas aus
    wenn man weiß, daß man auf seine eigenen
    Kräfte angewiesen ist. Man lernt dann sie
    recht zu gebrauchen. Ganz ohne Hilfsmittel
    ist der Mensch nicht, seine Wissenschaft
    hat ihn seit der Zeit des Diluviums viel
    gelehrt und wird seine Macht noch weiter
    vergrößern. Und was die großen Schicksals-
    notwendigkeiten betrifft gegen die es
    keine Abhilfe giebt, die wird er eben
    mit Ergebung ertragen lernen. Was soll
    ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes
    auf dem Mond, von dessen Ertrag doch
    noch nie jemand etwas gesehen hat? Als
    ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde wird
    er seine Scholle zu bearbeiten wissen so
    daß sie ihn nährt. Dadurch daß er seine
    Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle
    frei gewordenen Kräfte auf das irdische
    Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich
    erreichen können, daß das Leben für alle
    erträglich wird und die Kultur keinen
    mehr erdrückt. Dann wird er ohne
    Bedauern mit einem unserer Un-
    glaubensgenossen sagen können:
              Den Himmel überlassen wir
              Den Engeln und den Spatzen.