Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    X

    „Das klingt ja großartig. Eine Menschheit, die
    auf alle Illusionen verzichtet hat und dadurch
    fähig geworden ist sich auf der Erde erträglich
    einzurichten! Ich aber kann Ihre Erwartungen
    nicht teilen. Nicht darum weil ich der hart=
    näckige Reaktionär wäre für den Sie mich
    vielleicht halten. Nein, aus Besonnenheit.
    Ich glaube wir haben nun die Rollen
    getauscht; Sie zeigen sich als der Schwärmer
    der sich von Illusionen fortreißen läßt
    und ich vertrete den Anspruch der Ver=
    nunft, das Recht der Skepsis. Was Sie da
    aufgeführt haben scheint mir auf Irr=
    tümern aufgebaut, die ich nach Ihrem
    Vorgang Illusionen heißen darf, weil
    sie deutlich genug den Einfluß Ihrer
    Wünsche verraten. Sie setzen Ihre Hoff=
    nung darauf, daß Generationen die nicht
    in früher Kindheit den Einfluß der
    religiösen Lehren erfahren haben, leicht
    den ersehnten Primat der Intelligenz
    über das Triebleben erreichen werden.
    Das ist wohl eine Illusion; in diesem
    entscheidenden Punkt wird sich die
    menschliche Natur kaum ändern. Wenn
    ich nicht irre – man weiß so wenig von
    anderen Kulturen – giebt es auch heute
    Völker die nicht unter dem Druck
    eines religiösen Systems aufwachsen und
    sie kommen Ihrem Ideal nicht näher
    als andere. Wenn Sie aus unserer europä=
    ischen Kultur die Religion wegschaffen
    wollen, so kann es nur durch ein
    anderes System von Lehren geschehen
    und dies würde von Anfang an
    alle psychologischen Charaktere der
    Religion übernehmen, dieselbe
    Heiligkeit, Starrheit, Unduldsamkeit, das=
    selbe Denkverbot zu seiner Verteidigung.
    Irgend etwas dieser Art müssen Sie
    haben, um den Anforderungen der
    Erziehung gerecht zu werden. 

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    Auf die Erziehung können Sie aber nicht
    verzichten. Der Weg vom Säugling zum
    Kulturmenschen ist weit, zu viele Mensch-
    lein würden sich auf ihm verirren
    und nicht rechtzeitig zu ihren Lebensauf-
    gaben kommen wenn sie ohne Leitung
    der eigenen Entwicklung überlassen
    werden. Die Lehren die in ihrer Erziehung
    angewendet wurden, werden dem Denken
    ihrer reiferen Jahre immer Schranken
    setzen, genau so wie Sie es heute der
    Religion zum Vorwurf machen.
    Merken Sie nicht daß es der untilgbare Geburts-
    fehler unserer, jeder Kultur ist, daß
    sie dem triebhaften und denkschwachen
    Kinde auferlegt, Entscheidungen zu treffen
    die nur die gereifte Intelligenz des
    Erwachsenen rechtfertigen kann? Sie
    kann aber nicht anders infolge der
    Zusammendrängung der säkularen Menschheits-
    entwicklung auf ein paar Kindheitsjahre und
    das Kind kann nur durch affektive
    Mächte zur Bewältigung der ihm gestellten
    Aufgabe veranlaßt werden. Das sind
    also die Aussichten für Ihr „Primat
    des Intellekts“.

    „Nun sollen Sie sich nicht verwundern, wenn
    ich für die Beibehaltung des religiösen
    Lehrsystems als Grundlage der Erziehung
    und des menschlichen Zusammenlebens
    eintrete. Es ist ein praktisches Problem,
    nicht eine Frage des Realitätswerts. Da wir
    im Interesse der Erhaltung unserer
    Kultur mit der Beeinflussung des
    Einzelnen nicht warten können bis
    er kulturreif geworden ist, – viele
    würden es überhaupt niemals werden –
    da wir genötigt sind, dem Heranwachsenden
    irgendein System von Lehren aufzu=
    drängen, das bei ihm als der Kritik ent=
    zogene Voraussetzung wirken soll,
    erscheint mir das religiöse System
    dazu als das weitaus geeignetste. Natürlich grade
    wegen seiner wunscherfüllenden und tröstenden
    Kraft, an der Sie die „Illusion“ erkannt
    haben wollen. Angesichts der Schwierig-
    keiten etwas von der Realität
    zu erkennen, ja der Zweifel ob
    dies uns überhaupt möglich ist, wollen
    wir doch nicht übersehen, daß auch die
    menschlichen Bedürfnisse ein Stück
    der Realität sind, und zwar ein
    wichtiges, eines, das uns besonders
    nahe angeht.“

    „Einen anderen Vorzug der religiösen
    Lehre finde ich in einer ihrer Eigen-
    tümlichkeiten an der Sie besonderen  

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    Anstoß zu nehmen scheinen. Sie gestattet eine
    begriffliche Läuterung und Sublimierung
    in welcher das meiste abgestreift werden
    kann, das die Spur primitiven und infantilen
    Denkens an sich trägt. Was dann erübrigt,
    ist ein Gehalt von Ideen, denen die
    Wissenschaft nicht mehr widerspricht und
    die diese auch nicht widerlegen kann.
    Diese Umbildungen der religiösen Lehren,
    die Sie als Halbheiten und Kompromisse
    verurteilen, machen es möglich, den
    Riß zwischen der ungebildeten Masse
    und dem philosophischen Denker zu ver=
    meiden, erhalten die Gemeinsamkeit unter
    ihnen, die für die Sicherung der Kultur
    so wichtig ist. Es ist dann nicht zu
    befürchten, der Mann aus dem Volk
    werde erfahren, daß die Oberschichten
    der Gesellschaft „nicht mehr an Gott glauben“.
    Nun glaube ich gezeigt zu haben, daß
    Ihre Bemühung sich auf den Versuch
    reduziert, eine erprobte und affektiv
    wertvolle Illusion durch eine andere,
    unerprobt und indifferent, zu ersetzen.“
    Sie sollen mich nicht für Ihre Kritik unzu=
    gänglich finden. Ich weiß, wie schwer es
    ist Illusionen zu vermeiden; vielleicht
    sind auch die Hoffnungen zu denen ich
    mich bekenne illusorischer Natur.
    Aber einen Unterschied halte ich fest. Meine
    Illusionen – abgesehen davon daß keine
    Strafe darauf steht sie nicht zu teilen –
    sind nicht unkorrigierbar wie die religiösen,
    haben nicht den wahnhaften Charakter.
    Wenn die Erfahrung – nicht mir, sondern
    anderen nach mir die ebenso denken –
    zeigen sollte, daß wir uns geirrt haben, so
    werden wir auf unsere Erwartungen
    verzichten. Nehmen Sie doch meinen
    Versuch für das, was er ist. Ein Psychologe,
    der sich nicht darüber täuscht, wie schwer
    es ist sich in dieser Welt zurechtzufinden,
    bemüht sich die Entwicklung der Menschheit
    nach dem bißchen Einsicht zu beurteilen, das er
    sich durch das Studium der seelischen Vorgänge
    beim Einzelmenschen während dessen Ent=
    wicklung vom Kind zum Erwachsenen
    erworben hat. Dabei drängt sich ihm die Auf=
    fassung auf, daß die Religion einer Kindheits=
    neurose vergleichbar sei, und er ist optimistisch
    genug anzunehmen, daß die Menschheit
    diese neurotische Phase überwinden
    wird, wie so viele Kinder ihre

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    ähnliche Neurose auswachsen. Diese Einsichten aus
    der Individualpsychologie mögen ungenügend
    sein, die Übertragung auf das Menschen=
    geschlecht nicht gerechtfertigt, der Optimismus
    unbegründet; ich gebe Ihnen alle diese
    Unsicherheiten zu. Aber man kann sich
    oft nicht abhalten zu sagen was man
    meint und entschuldigt sich damit daß
    man es nicht für mehr ausgiebt als es ist.
    Und bei zwei Punkten muß ich noch
    verweilen. Erstens die Schwäche meiner
    Position bedeutet keine Stärkung
    der Ihrigen. Ich meine Sie verteidigen
    eine verlorene Sache. Wir mögen noch
    so oft betonen, der menschliche Intellekt
    sei kraftlos im Vergleich zum
    menschlichen Triebleben, und Recht damit
    haben. Aber es ist doch etwas Besonderes
    um diese Schwäche; die Stimme des
    Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht,
    ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am
    Ende, nach unzählig oft wiederholten Ab=
    weisungen, findet sie es doch. Dies ist einer
    der wenigen Punkte in denen
    man für die Zukunft der Menschheit
    optimistisch sein darf, aber er bedeutet
    an sich nicht wenig. An ihn kann man
    noch andere Hoffnungen anknüpfen.
    Der Primat des Intellekts liegt gewiß
    in weiter, weiter, aber nicht in unendlicher
    Ferne. Und da er voraussichtlich dieselben Ziele
    sich setzen wird, deren Verwirklichung Sie
    von Ihrem Gott erwarten – in mensch=
    licher Ermäßigung natürlich, soweit
    die äußere Realität, die Ἀνάγκη, es
    gestattet –, die Menschenliebe und die
    Einschränkung des Leidens, dürfen
    wir uns sagen, daß unsere Feindschaft
    nur eine einstweilige ist, keine unver=
    söhnliche. Wir erhoffen dasselbe, aber
    Sie sind ungeduldiger, anspruchsvoller
    und, warum soll ich es nicht sagen?
    selbstsüchtiger als ich und die Meinigen.
    Sie wollen die Seligkeit gleich nach dem
    Tod beginnen lassen, verlangen von
    ihr das Unmögliche und wollen den An=
    spruch der Einzelperson nicht aufgeben.
    Unser Gott Λόγος wird von diesen Wünschen
    verwirklichen, was die Natur außer uns
    gestattet, aber sehr allmählich, erst in
    unabsehbarer Zeit und für neue
    Menschenkinder. Eine Entschädigung

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    für uns, die wir schwer am Leben leiden ver=
    spricht er nicht. Auf dem Wege zu diesem
    fernen Ziel müssen Ihre religiösen Lehren
    fallen gelassen werden, gleichgiltig ob die
    ersten Versuche mißlingen, gleichgiltig
    ob sich die ersten Ersatzbildungen als
    haltlos erweisen. Sie wissen warum; auf
    die Dauer kann der Vernunft und der
    Erfahrung nichts widerstehen und der
    Widerspruch der Religion gegen beide
    ist allzu greifbar. Auch die geläuterten
    religiösen Ideen können sich diesem Schicksal
    nicht entziehen, solange sie noch etwas
    vom Trostgehalt der Religion retten
    wollen. Freilich, wenn sie sich auf die
    Behauptung eines höheren geistigen Wesens
    einschränken, dessen Eigenschaften unbe=
    stimmbar, dessen Absichten unerkennbar
    sind, dann sind sie gegen den
    Einspruch der Wissenschaft gefeit, dann
    werden sie aber auch vom Interesse
    der Menschen verlassen.
    Und zweitens: Beachten Sie die Verschiedenheit
    Ihres und meines Verhaltens gegen die
    Illusion. Sie müssen die religiöse Illusion
    mit allen Ihren Kräften verteidigen;
    wenn sie entwertet wird, – und sie ist wahrlich
    bedroht genug, – dann stürzt Ihre Welt zusammen,
    es bleibt Ihnen nichts übrig
    als an allem zu verzweifeln, an der
    Kultur und an der Zukunft der Menschheit.
    Von dieser Leibeigenschaft bin ich, sind wir frei.
    Da wir bereit sind, auf ein gutes Stück unserer
    infantilen Wünsche zu verzichten, können
    wir es vertragen, wenn sich einige unserer
    Erwartungen als Illusionen herausstellen.
    Die vom Druck der religiösen Lehren befreite
    Erziehung wird vielleicht nicht viel am psycho=
    logischen Wesen des Menschen ändern, unser
    Gott Λόγος ist vielleicht nicht sehr all=
    mächtig, kann nur einen kleinen Teil
    von dem erfüllen, was seine Vorgänger
    versprochen haben. Wenn wir es ein=
    sehen müssen, werden wir es in
    Ergebung hinnehmen. Das Interesse an
    Welt und Leben werden wir darum
    nicht verlieren, denn wir haben
    an einer Stelle einen sicheren An=
    halt der Ihnen fehlt. Wir glauben
    daran, daß es der wissenschaftlichen
    Arbeit möglich ist, etwas über
    die Realität der Welt zu erfahren,

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    wodurch wir unsere Macht steigern und wonach
    wir unser Leben einrichten können. Wenn
    dieser Glaube eine Illusion ist, dann sind
    wir in derselben Lage wie Sie, aber
    die Wissenschaft hat uns durch zahlreiche
    und bedeutsame Erfolge den Beweis
    erbracht, daß sie keine Illusion ist.
    Sie hat viele offene und noch mehr verkappte
    Feinde unter denen, die ihr nicht
    verzeihen können, daß sie den relig=
    iösen Glauben entkräftet hat und
    ihn zu stürzen droht. Man wirft ihr
    vor, wie wenig sie uns gelehrt hat und
    wie unvergleichlich mehr sie im Dunkel
    gelassen hat. Aber dabei vergißt man
    wie jung sie ist, wie beschwerlich ihre
    Anfänge waren und wie verschwindend
    klein der Zeitraum, seitdem der mensch=
    liche Intellekt für ihre Aufgaben er=
    starkt ist. Fehlen wir nicht alle darin, daß wir
    unseren Urteilen zu kurze Zeiträume
    zu Grunde legen? Wir sollten uns an den
    Geologen ein Beispiel nehmen. Man beklagt sich
    über die Unsicherheit der Wissen=
    schaft, daß sie heute als Gesetz ver=
    kündet, was die nächste Generation
    als Irrtum erkennt und durch ein neues
    Gesetz von ebenso kurzer Geltungsdauer
    ablöst. Aber das ist ungerecht und zum
    Teil unwahr. Die Wandlungen der wissen=
    schaftlichen Meinungen sind Entwicklung,
    Fortschritt und nicht Umsturz. Ein Gesetz,
    das man zunächst für unbedingt giltig
    gehalten hat, erweist sich als Spezial=
    fall einer umfassenderen Gesetzmäßigkeit
    oder wird eingeschränkt durch
    ein anderes Gesetz, das man erst später
    kennen lernt; eine rohe Annäherung
    an die Wahrheit wird ersetzt durch
    eine sorgfältiger angepaßte, die ihrerseits
    wieder eine weitere Vervollkommnung
    erwartet. Auf verschiedenen Gebieten
    hat man eine Phase der Forschung noch
    nicht überwunden, in der man Annahmen
    versucht, die man bald als unzulänglich
    verwerfen muß; auf anderen giebt es
    aber bereits einen gesicherten und
    fast unveränderlichen Kern von Er=
    kenntnis. Man hat endlich versucht,
    die wissenschaftliche Bemühung
    radikal zu entwerten durch die Erwägung,
    daß sie, an die Bedingungen
    unserer eigenen Organisation gebunden,
    nichts anderes als subjektive Ergebnisse
    liefern kann, während ihr die wirk=
    liche Natur der Dinge außer uns
    unzugänglich bleibt. Dabei setzt man
    sich über einige Momente hinweg,
    die für die Auffassung der wissen=
    schaftlichen Arbeit entscheidend sind,
    daß unsere Organisation, d. h. unser

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    seelischer Apparat, eben im Bemühen um die
    Erkundung der Außenwelt entwickelt worden
    ist, also ein Stück Zweckmäßigkeit in seiner
    Struktur realisiert haben muß, daß er
    selbst ein Bestandteil jener Welt
    ist, die wir erforschen sollen, und daß er
    solche Erforschung sehr wohl zuläßt, daß
    die Aufgabe der Wissenschaft voll um=
    schrieben ist, wenn wir sie darauf ein=
    schränken zu zeigen, wie uns die Welt in=
    folge der Eigenart unserer Organisation
    erscheinen muß, daß die endlichen Resultate
    der Wissenschaft gerade wegen der
    Art ihrer Erwerbung nicht nur durch
    unsere Organisation bedingt sind, sondern
    auch durch das, was auf diese Organisation
    gewirkt hat, und endlich, daß das Problem
    einer Weltbeschaffenheit ohne Rücksicht
    auf unseren wahrnehmenden seelischen
    Apparat eine leere Abstraktion ist, ohne
    praktisches Interesse.
    Nein, unsere Wissenschaft ist keine Illusion.
    Eine Illusion aber wäre es zu glauben,
    daß wir anderswoher bekommen könnten,
    was sie uns nicht geben kann.

    x) Götterpaar Λόγος καὶ Ἀνάγκη des
    holländ. Multatuli.