S.
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aufgeführt, haben sich allein konsequent gezeigt. Der
unvermeidliche Übergang vollzieht sich sonst
über Halbheiten und Unaufrichtigkeiten.Von den Gebildeten und geistigen Arbeitern
ist für die Kultur wenig zu befürchten.AndieDie Ersetzung der religiösen Motive für
kulturelles Benehmen durch andere, weltliche,
würde bei ihnen geräuschlos vor sich gehen,
überdies sind sie zum guten Teil selbst
Kulturträger. Anders steht es um die große
Masse der Ungebildeten, Unterdrückten,
die allen Grund haben Feinde der Kultur
zu sein. Solange sie nicht erfahren, daß man
nicht mehr an Gott glaubt, ist es gut. Aber sie
erfahren es, unfehlbar, auch wenn diese
meine Schrift nicht veröffentlicht wird.
Und sie sind bereit, die Resultate des
wissenschaftlichen Denkens anzunehmen ohne
daß sich in ihnen die Charakterveränderung ein-
gestellt hätte, welche das wissenschaftliche Denken
beim Menschen herbeiführt.
Besteht
da nicht die Gefahr, daß die Kulturfeindschaft
dieser Massen sich auf den schwachen
Punkt stürzen wird, den sie an ihrer
Zwangsfrau erkannt haben? Wenn man
seinen Nebenmenschen nur darum nicht
erschlagen darf, weil der liebe Gott es
verboten hat und es in diesem oder
jenem Leben schwer ahnden wird, man
erfährt aber, es giebt keinen lieben Gott,
man braucht sich vor seiner Strafe nicht
zu fürchten, dann erschlägt man ihn
gewiß unbedenklich und kann nur
durch irdische Gewalt davon abgehalten
werden. Also entweder strengste Nieder-
haltung dieser gefährlichen Massen, sorg-
samste Absperrung von allen Gelegen-
heiten zur geistigen Erweckung oder
gründliche Revision der Beziehung
zwischen Kultur und Religion.VIII.
Man sollte meinen, daß der Ausführung
dieses letzteren Vorschlags keine besonderen
Schwierigkeiten im Wege stehen. Es ist
richtig, daß man dann auf etwas verzichtet,
aber man gewinnt vielleicht mehr
und vermeidet eine große Gefahr.
Aber man schreckt sich davor, als ob man
dadurch die Kultur einer noch größeren
Gefahr aussetzen würde. Als St. (heilige)
Bonifacius den von den Sachsen als
heilig verehrten Baum umhieb, erwar-
teten die Umstehenden ein fürchterliches"
S.
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Ereignis als Folge des Frevels,
esso traf nicht ein
und die Sachsen nahmen die Taufe an.Wenn die Kultur das Gebot aufgestellt
hat, den Nachbar nicht zu töten, den man
haßt, der einem im Wege ist oder dessen
Habe man begehrt, so geschah es offenbar im
Interesse des menschlichen Zusammenlebens,
das sonst undurchführbar wäre. Denn der
Mörder würde die Rache der Angehörigen
des Ermordeten auf sich ziehen und den
dumpfen Neid der anderen, die ebensoviel
innere Neigung zu solcher Gewalttat ver-
spüren.Er würde sich also sei
nes Raubesner Rache oder seines Raubes
nicht lange freuen, sondern hätte alle
Aussicht, bald selbst erschlagen zu werden.
Selbst wenn er sich durch außerordentliche
Kraft und Vorsicht gegen den einzelnen
Gegner schützen würde, müßte er einer
Vereinigung von Schwächeren unterliegen.
Käme eine solche Vereinigung nicht zu Stande,
so würde sich das Morden endlos fortsetzen
und das Ende wäre, daß die Menschen
sich gegenseitig ausrotteten. Es wäre
derselbe Zustand unter Einzelnen, der
in Corsica noch unter Familien, sonst aber
nur unter Nationen fortbesteht. Die für
Alle gleiche Gefahr der Lebensunsicherheit
einigt nun die Menschen zu einer
Gesellschaft, welche dem Einzelnen das
Töten verbietet und sich das Recht der
gemeinsamen Tötung dessen vorbehält, der das Verbot
übertritt. Dies ist dann
Justiz und Strafe.Diese rationelle Begründung des Verbots zu
morden teilen wir aber nicht mit, sondern
wir behaupten, Gott habe das Verbot erlassen.
Wir getrauen uns also seine Absichten zu erraten
und finden, auch er will nicht, daß die Menschen
einander ausrotten. Indem wir so verfahren,
umkleiden wir das Kulturverbot mit
einer ganz besonderen Feierlichkeit, riskieren
aber dabei, daß wir dessen Befolgung
von dem Glauben an Gott abhängig
machen. Wenn wir diesen Schritt zurück-
nehmen, unseren Willen nicht mehr
Gott zuschieben und uns mit der sozialen
Begründung begnügen, haben wir zwar
auf jene Verklärung des Kulturverbots
verzichtet, aber auch seine Gefährdung vermieden.
Wir gewinnen aber auch etwas Anderes.
Durch eine Art von Diffusion oder Infektion
hat sich der Charakter der Heiligkeit,
Unverletzlichkeit, der Jenseitigkeit möchte
man sagen, von einigen wenigenS.
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großen Verboten auf alle weiteren kulturell-
en Einrichtungen Gesetze und Verordnungen
ausgebreitet. Diesen steht aber der Heiligenschein
oft schlecht zu Gesicht; nicht nur daß sie einander
selbst entwerten, indem sie je nach Zeit
und Örtlichkeit entgegengesetzte Entscheid-
ungen treffen, sie tragen auch sonst alle
Anzeichen menschlicher Unzulänglichkeit zur
Schau. Man erkennt unter ihnen leicht
was nur Produkt einer kurzsichtigen
Ängstlichkeit, Äußerung engherziger
Interessen sind oder Folgerung aus unzu-
reichenden Voraussetzungen sein kann.
Die Kritik, die man an ihnen üben muß,
setzt in unerwünschtem Maße auch den
Respekt vor anderen, besser gerechtfertigten
Kulturforderungen herab. Da es eine
mißliche Aufgabe ist, zu scheiden, was Gott
selbst gefordert hat und was sich eher
von der Autorität eines allvermögenden
Parlaments oder eines hohen Magistrats
ableitet, wäre es ein unzweifelhafter
Vorteil, Gott überhaupt aus dem Spiele
zu lassen und ehrlich den rein mensch-
lichen Ursprung aller kulturellen
Einrichtungen und Vorschriften einzu-
gestehen. Mit der beanspruchten Heilig-
keit würde auch die Starrheit und Un-
wandelbarkeit dieser Gebote und Gesetze
fallen. Die Menschen könnten verstehen,
daß diese geschaffen sind, nicht so sehr um
sie zu beherrschen, sondern vielmehr um
ihren Interessen zu dienen, sie würden ein
freundlicheres Verhältnis zu ihnen gewinnen,
sich anstatt ihrer Abschaffung nur ihre Verbes-
serung zum Ziel setzen. Dies wäre ein wichtiger
Fortschritt auf dem Wege, der zur
Versöhnung mit dem Druck der
Kultur führt.Unser Plaidoyer für eine rein rationelle
Begründung der Kulturvorschriften, also
für ihre Zurückführung auf soziale
Notwendigkeit, wird aber hier plötzlich
durch ein Bedenken unterbrochen.
Wir haben die Entstehung des Mordverbots
zum Beispiel gewählt. Entspricht denn unsere
Darstellung davon der historischen Wahrheit?
Wir fürchten nein, sie scheint nur eine
rationalistische Konstruktion zu sein.
Wir haben grade dieses Stück menschlicher
Kulturgeschichte mit Hilfe der Psycho-
analyse studiert, und auf diese BemühungS.
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gestützt, müssen wir sagen, in Wirklichkeit war es
anders. Rein vernünftige Motive richten
noch beim heutigen Menschen wenig gegen
leidenschaftliche Antriebe aus, um wieviel
ohnmächtiger müssen sie bei jenem Menschen-
thier der Urzeit gewesen sein. Vielleicht
würden sich dessen Nachkommen noch heute
hemmungslos einer den anderen erschlagen wenn
unter jenen Mordtaten nicht eine
gewesen wäre, der Totschlag des primitiven
Vaters, die eine unwiderstehliche, folgen-
schwere Gefühlsreaktion heraufbeschworen
hatte. Von dieser stammt das Gebot: du
sollst nicht töten, das erst im Totemismus
auf den Vaterersatz beschränkt war, noch
später auf andere ausgedehnt wurde und
heute nicht ausnahmslos durchgeführt ist.
Aber jener Urvater ist, nach Ausführungen
die ich hier nicht zu wiederholen brauche,
das Urbild Gottes gewesen, das
Modell nach dem spätere Generationen
die Gottesgestalt gebildet haben. Somit hat
die religiöse Darstellung Recht, Gott war
wirklich an der Entstehung jenes Verbots
beteiligt, sein Einfluß, nicht die Einsicht
in die soziale Notwendigkeit hat es
geschaffen. Und die Verschiebung des
menschlichen Willens auf Gott ist vollberechtigt,
die Menschen wußten ja, daß sie den
Vater gewalttätig beseitigt hatten und
in der Reaktion auf ihre Freveltat setzten
sie sich vor, seinen Willen fortan
zu respektieren. Die religiöse Lehre
teilt uns also die historische Wahrheit
mit, freilich in einer gewissen Umformung
und Verkleidung; unsere rationelle
Darstellung verleugnet sie.Wir bemerken jetzt, daß der Schatz der relig-
iösen Vorstellungen nicht allein Wunsch-
erfüllungen enthält, sondern auch bedeut-
same historische Reminiszenzen. Dies
Zusammenwirken von Vergangenheit und
Zukunft, welch unvergleichliche Machtfülle
muß es der Religion verleihen!
Aber vielleicht dämmert uns mit Hilfe
einer Analogie auch schon eine andere
Einsicht. Es ist nicht gut, Begriffe weit weg
von dem Boden zu versetzen, auf dem
sie erwachsen sind, aber wir müssen der
Übereinstimmung Ausdruck geben. Über
das Menschenkind wissen wir, daß es seine
Entwicklung zur Kultur nicht gut durch-
machen kann, ohne durch eine bald
mehr bald minder deutliche Phase vonS.
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Neurose zu passieren. Das kommt daher, daß das Kind
so viele der für später unbrauchbaren Trieb-
ansprüche nicht durch rationelle Geistesarbeit
unterdrücken kann, sondern durch Ver-
drängungsakte bändigen muß, hinter denen
in der Regel ein Angstmotiv steht. Die
meisten dieser Kinderneurosen werden
während des Wachstums spontan überwunden
besonders die Zwangsneurosen der Kindheit
haben dies Schicksal. Mit dem Rest soll
auch noch später die psychoanalytische Behandlung
aufräumen. In ganz ähnlicher Weise hätte
man anzunehmen, daß die Menschheit als
Ganzes in ihrer säkularen Entwicklung
in Zustände gerät, welche den Neurosen
analog sind, und zwar aus denselben
Gründen, weil sie in den Zeiten ihrer
Unwissenheit und intellektuellen Schwäche
die für das menschliche Zusammenleben un-
erläßlichen Triebverzichte nur durch affektive
Kräfte zustande gebracht hat. Die Nieder-
schläge der in der Vorzeit vorgefallenen
verdrängungsähnlichen Vorgänge hafteten
der Kultur dann noch lange an. Die Religion
wäre die allgemein menschliche Zwangsneurose,
wie die des Kindes stammte sie aus dem
Oedipuskomplex, der Vaterbeziehung. Nach
dieser Auffassung wäre vorauszusehen, daß
sich die Abwendung von der Religion
mit der schicksalsmäßigen Unerbittlichkeit
eines Wachstumsvorganges vollziehen
muß, und daß wir uns grade jetzt mitten
in dieser Entwicklungsphase befinden.
Unser Verhalten sollte sich dann nach dem
Vorbild eines verständigen Erziehers
richten, der sich einer bevorstehenden
Neugestaltung nicht widersetzt, sondern sie
zu fördern und die Gewaltsamkeit ihres
Durchbruchs einzudämmen sucht.Das Wesen der Religion ist mit dieser
Analogie nicht erschöpft. Bringt sie einer-
seits Zwangseinschränkungen wie
eine individuelle Zwangsneurose,
so enthält sie anderseits ein System
von Wunschillusionen mit Verleugnung
der Wirklichkeit, wie wir es isoliert
nur bei einer Amentia, einer glück-
seligen halluzinatorischen Verworren-
heit, finden. Es sind eben nur Ver-
gleichungen, mit denen wir uns um
das Verständnis des sozialen Phänomens
bemühen, die Individualpsychologie
giebt uns kein vollwertiges
Stück dazu.S.
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Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden
(von mir und besonders von Th. Reik), bis in
welche Einzelheiten sich die Analogie der
Religion mit einer Zwangsneurose verfolgen,
wieviel von den Sonderheiten und den Schick-
salen der Religionsbildung sich auf diesem
Wege verstehen läßt. Es stimmt dazu auch gut,
daß der Frommgläubige in hohem Grade
gegen die Gefahr gewisser neurotischer Erkrank-
ungen geschützt ist; die Annahme der
allgemeine Neurose überhebt ihn der
Aufgabe, eine persönliche Neurose auszubilden.Die Erkenntnis des historischen Werts
gewisser religiöser Lehren steigert unseren
Respekt vor ihnen, macht aber unseren
Vorschlag, sie aus der Motivierung der
kulturellen Vorschriften zurückzuziehen,
nicht wertlos. Im Gegenteil! Mit Hilfe
dieser historischen Reste hat sich uns die
Auffassung der religiösen Lehrsätze als
gleichsam neurotischer Relikte ergeben
und nun dürfen wir sagen, es ist wahr-
scheinlich an der Zeit, wie in der analyt-
ischen Behandlung des Neurotikers die
Erfolge der Verdrängung durch die Ergebnisse
der rationellen Geistesarbeit zu ersetzen.
Daß es bei dieser Umarbeitung nicht beim
Verzicht auf die feierliche Verklärung
der kulturellen Vorschriften bleiben
wird, daß eine allgemeine Revision
derselben für viele die Aufhebung
zur Folge habenwirdmuß, ist vorauszusehen
aber kaum zu bedauern. Die uns gestellte
Aufgabe,derdie Versöhnung der Menschen
mit der Kulturistwird auf diesem
Wege weitgehend gelöst werden. Um den
Verzicht auf die historische Wahrheit bei
rationeller Motivierung der Kulturvor-
schriften darf es uns nicht leid tun.
Die Wahrheiten, welche die religiösen
Lehren enthalten, sind doch so entstellt
und systematisch verkleidet, daß die Masse
der Menschen sie nicht als Wahrheit
erkennen kann. Es ist ein ähnlicher
Fall, wie wenn wir dem Kind erzählen,
daß der Storch die Neugeborenen bringt.
Auch damit sagen wir die Wahrheit in
symbolischer Verhüllung, denn wir wissen
was der große Vogel bedeutet. Aber
das Kind greift es nicht, es hört nur den
Anteil der Entstellung heraus, fühlt sich
für betrogen, und wir wissen, wie oftS.
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ein Mißtrauen gegen die Erwachsenen und seine
Widersetzlichkeit grade an diesem Eindruck
anknüpft. Wir sind zur Überzeugung gekommen,
daß es besser ist, die Mitteilung solcher
symbolischer Verschleierungen der Wahrheit
zu unterlassen und dem Kind die
Kenntnis der realen Verhältnisse in
Anpassung an seine intellektuelle Stufe
nicht zu versagen.IX
„Sie gestatten sich Widersprüche die schwer mit-
einander zu vereinbaren sind. Zuerst behaupten
Sie, eine Schrift wie die Ihrige sei ganz
ungefährlich. Niemand werde sich durch solche
Erörterungen seinen religiösen Glauben rauben
lassen. Da es aber doch Ihre Absicht ist, diesen
Glauben zu stören, wie sich später herausstellt,
darf man fragen: warum veröffent-
lichen Sie sie eigentlich? An einer anderen
Stelle geben Sie aber doch zu, daß es gefährlich
ja sogar sehr gefährlich werden kann, wenn jemand
erfährt, daß man nicht mehr an Gott glaubt.
Er war bis dahin gefügig und nun wirft
er den Gehorsam gegen die Kulturvor-
schriften beiseite. Ihr ganzes Argument,
daß die religiöse Motivierung der Kulturgebote
eine Gefahr für die Kultur bedeute, ruht
ja auf der Annahme, daß der Gläubige zum
Ungläubigen gemacht werden kann, das
ist doch ein voller Widerspruch.“„Ein anderer Widerspruch ist, wenn Sie einerseits
zugeben, der Mensch sei durch Intelligenz
nicht zu lenken, er werde durch seine Leiden-
schaften und Triebansprüche beherrscht, andererseits
aber den Vorschlag machen, die affek-
tiven Grundlagen seines Kulturgehorsams
durch rationelle zu ersetzen. Das verstehe
wer kann. Mir scheint es, entweder das
eine oder das andere.“„Übrigens haben Sie nichts aus der Geschichte
gelernt? Ein solcher Versuch, die Religion
durch die Vernunft abzulösen,zu lassen,
ist ja schon einmal gemacht worden, offiziell
und in großem Stil. Sie erinnern sich
doch an die französische Revolution und
Robespierre? Aber auch an die
Kurzlebigkeit und klägliche Erfolglosigkeit
des Experiments. Es wird jetzt in Rußland
wiederholt, wir brauchen nicht neugierig
zu sein, wie es ausgehen wird. Meinen
Sie nicht, daß wir annehmen dürfen,
der Mensch kann die Religion
nicht entbehren?“
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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