Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    In dieser Funktion wird die Mutter aber bald
    von dem stärkeren Vater abgelöst dem sie
    nun über die ganze Kindheit verbleibt. Das Ver-
    hältnis zum Vater ist aber mit einer eigentüm-
    lichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine
    Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhältnis
    zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht
    minder als man sich nach ihm sehnt und ihn
    bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz
    des Vaterverhältnisses sind allen Religionen
    tief eingeprägt, wie auch in Totem und Tabu
    ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
    merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein
    Kind zu bleiben, daß er des Schutzes gegen
    fremde Übermächte nie entbehren kann,
    verleiht er diesen die Züge der Vatergestalt,
    er schafft sich die Götter, vor denen er sich
    fürchtet, die er zu gewinnen sucht, und
    denen er doch seinen Schutz überträgt. So ist
    das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit
    dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen
    der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr
    der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der
    Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der
    Erwachsene anerkennen muß, eben der
    Religionsbildung, ihre charakteristischen
    Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die
    Entwicklung der Gottesidee weiter zu erfor-
    schen, wir haben es hier mit dem fertigen
    Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun,
    wie ihn die Kultur dem Einzelnen über-
    mittelt.

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    Wir hören da: Constanz liegt am Bodensee.
    Ein Studentenlied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt,
    geh' hin und seh. Ich war zufällig dort und
    kann bestätigen, die schöne Stadt liegt
    am Ufer eines weiten Gewässers, das
    alle Umwohnenden Bodensee heißen.
    Ich bin jetzt auch von der Richtigkeit dieser
    geographischen Behauptung vollkommen
    überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein
    anderes sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich war
    schon ein gereifter Mann, als ich
    zum ersten Mal auf dem Hügel der
    athenischen Akropolis stand, zwischen den
    Tempelruinen, mit dem Blick aufs blaue
    Meer. In meine Beglückung mengte sich
    ein Gefühl von Erstaunen, das mir die
    Deutung eingab: Also ist das wirklich so, wie
    wir's in der Schule gelernt haben! Was
    für seichten und kraftlosen Glauben an
    die reale Wahrheit des Gehörten muß ich
    damals erworben haben, wenn ich heute
    so erstaunt sein kann! Aber ich will
    die Bedeutung dieses Erlebnisses nicht zu
    sehr betonen; es ist noch eine andere
    Erklärung meines Erstaunens
    möglich, die mir damals nicht einfiel,
    die durchaus subjektiver Natur ist und
    mit der Besonderheit des Ortes zusammen=
    hängt.

       Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben
    für ihre Inhalte, aber nicht ohne ihre
    Ansprüche zu begründen. Sie geben sich als
    das abgekürzte Resultat eines längeren,
    auf Beobachtung, eventuell auch Schlußfolger=
    ung, gegründeten Denkprozesses; wer die
    Absicht hat, diesen Prozeß selbst durchzu=
    machen, anstatt sein Ergebnis anzunehmen,
    dem zeigen sie den Weg dazu.
    Es wird immer auch hinzugefügt, woher man die Kennt=
    nis hat, die der Lehrsatz verkündet, wo
    es nicht wie bei geographischen Behaupt=
    ungen, selbsterklärend ist. Z. B. die Erde
    ist eine Kugel; als Beweise hiefür werden
    angeführt der Foucault'sche Pendelversuch, das
    Verhalten des Horizonts, die Möglichkeit,
    die Erde zu umschiffen. Da es, wie
    alle Beteiligten einsehen, untunlich ist, alle
    Schulkinder auf Erdumseglungen zu schicken,
    bescheidet man sich damit, die Lehren
    der Schule „auf Treu und Glauben“ an=
    nehmen zu lassen, aber man weiß, der
    Weg zur persönlichen Überzeugung bleibt
    offen.

       Versuchen wir die religiösen
    Lehrsätze mit demselben Maß zu messen.
    Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr
    Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten
    wir die drei Antworten, die

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    mir denkwürdig schlecht zusammenstimmen. Erstens sie
    verdienen Glauben, weil schon unsere Urvor=
    väter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir
    Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit
    überliefert sind, und drittens ist es überhaupt
    verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung
    aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde
    früher mit den allerhärtesten Strafen
    belegt und noch heute sieht es die Gesell=
    schaft ungern, daß jemand es erneuert.

       Dieser dritte Punkt muß unsere stärksten Be=
    denken wecken. Ein solches Verbot kann
    doch nur die eine Motivierung haben,
    daß die Gesellschaft die Unsicherheit des
    Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre
    religiösen Lehren erhebt. Wäre es anders,
    so würde sie gewiß jedem, der sich selbst eine
    Überzeugung schaffen will, das Material
    dazu bereitwilligst zur Verfügung stellen.
    Wir gehen darum mit einem nicht leicht
    zu beschwichtigenden Mißtrauen an die
    Prüfung der beiden anderen Beweisgründe.

       Wir sollen glauben, weil unsere
    Urväter geglaubt haben. Aber diese unsere
    Ahnen waren weit unwissender als wir,
    sie haben an Dinge geglaubt, die wir heute
    unmöglich annehmen können. Die Möglichkeit
    regt sich, daß auch die religiösen Lehren
    von solcher Art sein könnten. Die Beweise,
    die sie uns hinterlassen haben, sind in
    Schriften niedergelegt, die selbst alle Charak=
    tere der Unzuverlässigkeit an sich tragen.
    Sie sind widerspruchsvoll, überarbeitet, ver=
    fälscht, wo sie von tatsächlichen Beglaubig=
    ungen berichten, selbst unbeglaubigt.
    Es hilft nicht viel, wenn für ihren Wort=
    laut oder auch nur für ihren Inhalt
    die Herkunft von göttlicher Offenbarung
    behauptet wird, denn diese Behauptung
    ist ja selbst ein Stück jener Lehren,
    die auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht
    werden sollen und kein Satz kann
    sich doch selbst beweisen.

       So kommen wir zu dem sonderbaren
    Ergebnis, daß grade diejenigen Mitteil=
    ungen unseres Kulturbesitzes, die
    die größte Bedeutung für uns haben
    könnten, denen die Aufgabe zugeteilt
    ist, uns die Rätsel der Welt
    aufzuklären und uns mit den Leiden
    des Lebens zu versöhnen, daß grade sie
    die allerschwächste Beglaubigung haben.
    Wir würden uns nicht entschließen können,
    eine so gleichgiltige Tatsache anzunehmen,
    wie daß Walfische Junge gebären anstatt
    Eier abzulegen, wenn sie nicht
    besser erweisbar wäre.

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    Dieser Sachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges
    psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben,
    daß die vorstehenden Bemerkungen über die
    Unbeweisbarkeit der religiösen Lehren etwas
    Neues enthalten. Sie ist zu jeder Zeit verspürt
    worden, gewiß auch von den Urahnen, die
    solche Erbschaft hinterlassen haben. Wahrschein=
    lich haben viele von ihnen dieselben
    Zweifel genährt wie wir, es lastete aber ein
    zu starker Druck auf ihnen, als daß sie gewagt
    hätten, dieselben zu äußern. Und seither haben
    sich unzählige Menschen mit den nämlichen
    Zweifeln gequält, die sie unterdrücken
    wollten, weil sie sich für verpflichtet hielten
    zu glauben, sind viele glänzende Intellekte
    an diesem Konflikt gescheitert, haben
    viele Charaktere an den Kompromissen
    Schaden gelitten, in denen sie einen Ausweg
    suchten.

       Wenn alle Beweise, die man für die Glaub=
    würdigkeit der religiösen Lehrsätze vorbringt,
    aus der Vergangenheit stammen, so liegt es
    nahe umzuschauen, ob nicht die besser zu
    beurteilende Gegenwart auch solche Beweise
    liefern kann. Wenn es gelänge, nur
    ein einzelnes Stück des religiösen Systems
    solcher Art dem Zweifel zu entziehen, so
    würde dadurch das Ganze außerordentlich
    an Glaubwürdigkeit gewinnen. Hier setzt
    die Tätigkeit der Spiritisten ein, die
    von der Fortdauer der individuellen
    Seele überzeugt sind und uns diesen einen
    Satz der religiösen Lehren zweifelsfrei demonstrieren
    wollen. Es gelingt ihnen leider nicht
    zu widerlegen, daß die Erscheinungen
    und Äußerungen ihrer Geister nur
    Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit
    sind. Sie haben die Geister der größten
    Menschen, der hervorragendsten Denker
    zitiert, aber alle Äußerungen und Aus=
    künfte, die sie von ihnen erhielten, waren
    so läppisch, so trostlos nichtssagend, daß
    man nichts anderes glaubwürdig finden kann
    als die Fähigkeit der Geister, sich dem
    Kreis von Menschen anzupassen, der sie
    heraufbeschwört.

       Man muß nun zweier Versuche gedenken,
    die den Eindruck krampfhafter Bemühung
    machen, dem Problem zu entgehen. Der
    eine, gewaltsamer Natur, ist alt, der andere
    subtil und modern. Der erstere ist das
    „Credo quia absurdum“ des Kirchenvaters.
    Das will besagen, die religiösen Lehren sind
    den Ansprüchen der Vernunft entzogen,
    sie stehen über der Vernunft. Man muß
    ihre Wahrheit innerlich verspüren, braucht

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    sie nicht zu begreifen. Allein dieses Credo
    ist als Selbstbekenntnis interessant, als Macht=
    spruch ist es ohne Verbindlichkeit. Soll
    ich verpflichtet werden, jede Absurdität
    zu glauben? Und wenn nicht, warum
    grade diese? Es giebt keine Instanz über
    der Vernunft. Wenn die Wahrheit der
    religiösen Lehren abhängig ist von einem
    inneren Erlebnis, das diese Wahrheit
    bezeugt, was macht man mit den vielen
    Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis
    nicht haben? Man kann von allen
    Menschen verlangen, daß sie die Gabe
    der Vernunft anwenden, die sie besitzen,
    aber man kann nicht eine für alle
    gültige Verpflichtung auf ein Motiv
    aufbauen, das nur bei ganz wenigen existiert.
    Wenn der Eine aus einem ihn tief er=
    greifenden ekstatischen Zustand die un=
    erschütterliche Überzeugung von der
    realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen
    hat, was bedeutet das dem Anderen?

       Der zweite Versuch ist der der
    Philosophie des „Als ob“. Er führt aus, daß
    es in unserer Denktätigkeit reichlich
    Annahmen giebt, deren Grundlosigkeit,
    ja deren Absurdität wir voll einsehen.
    Sie werden „Fiktionen“ geheißen, aber
    aus mannigfachen praktischen Motiven
    müßten wir uns so benehmen, „als ob“
    wir an diese Fiktionen glaubten.
    Dies treffe für die religiösen Lehren
    wegen ihrer unvergleichlichen Wichtig=
    keit für die Aufrechterhaltung der
    menschlichen Gesellschaft zu. Diese Ar=
    gumentation ist von dem Credo quia ab=
    surdum nicht weit entfernt. Aber ich
    meine, die Forderung des „Als ob“ ist
    eine solche, wie sie nur ein Philosoph auf=
    stellen kann. Der durch die Künste
    der Philosophie in seinem Denken nicht
    beeinflußte Mensch wird sie nie
    annehmen können. Für ihn ist mit dem
    Zugeständnis der Absurdität, der Ver=
    nunftwidrigkeit, alles erledigt. Er kann
    nicht dazu verhalten werden, grade in
    der Behandlung seiner wichtigsten
    Interessen auf die Sicherheiten zu
    verzichten, die er sonst für alle seine
    gewöhnlichen Tätigkeiten verlangt. Ich
    erinnere mich an eines meiner Kinder,
    das sich frühzeitig durch eine besondere
    Betonung der Sachlichkeit auszeichnete.
    Wenn den Kindern ein Märchen
    erzählt wurde, dem sie andächtig
    lauschten, kam er hinzu und fragte:

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    „Ist das eine wahre Geschichte?“ Nachdem man es ver=
    neint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
    Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die
    Menschen gegen die religiösen Märchen bald
    ähnlich benehmen werden, trotz der Fürsprache
    des „Als ob“.

       Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz
    anders und in vergangenen Zeiten haben
    die religiösen Vorstellungen trotz ihres un=
    bestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
    allerstärksten Einfluß auf die Menschheit
    geübt. Das ist ein neues psychologisches
    Problem. Man muß fragen, worin besteht
    die innere Kraft dieser Lehren, welchem
    Umstand verdanken sie ihre von der
    vernünftigen Anerkennung unabhängige
    Wirksamkeit?

    VI

       Ich meine, wir haben die Beantwortung dieser
    Fragen genugsam vorbereitet. Sie ergiebt sich,
    wenn wir die psychische Genese der religiösen
    Vorstellungen einer Untersuchung unterziehen. Diese
    Vorstellungen, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht
    Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate
    des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der
    ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit;
    das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser
    Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende
    Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis
    nach Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt,
    dem der Vater abgeholfen hat, die Erkenntnis
    von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit das ganze
    Leben hindurch hat das Festhalten an
    der Existenz eines — aber nun mächtigeren —
    Vaters verursacht. Durch das gütige Walten
    der göttlichen Vorsehung wird die Angst
    vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt,
    die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung
    sichert die Erfüllung der Gerechtigkeit, die
    innerhalb der menschlichen Kulturen so oft
    unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung
    der irdischen Existenz durch ein zukünftiges
    Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen
    her, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen.
    Antworten auf die Rätselfragen der menschlichen
    Wißbegierde, wie nach der Entstehung
    der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem
    und Seelischem, werden unter den Voraussetzungen dieses
    Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichte=
    rung für die Einzelpsyche, wenn die
    noch nicht ganz überwundenen Konflikte der Kinder=
    zeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen
    und einer von allen angenommenen
    Lösung zugeführt werden.