S.
20
In dieser Funktion wird die Mutter aber bald
von dem stärkeren Vater abgelöst dem sie
nun über die ganze Kindheit verbleibt. Das Ver-
hältnis zum Vater ist aber mit einer eigentüm-
lichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine
Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhältnis
zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht
minder als man sich nach ihm sehnt und ihn
bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz
des Vaterverhältnisses sind allen Religionen
tief eingeprägt, wie auch in Totem und Tabu
ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein
Kind zu bleiben, daß er des Schutzes gegen
fremde Übermächte nie entbehren kann,
verleiht er diesen die Züge der Vatergestalt,
er schafft sich die Götter, vor denen er sich
fürchtet, die er zu gewinnen sucht, und
denen er doch seinen Schutz überträgt. So ist
das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit
dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen
der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr
der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der
Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der
Erwachsene anerkennen muß, eben der
Religionsbildung, ihre charakteristischen
Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die
Entwicklung der Gottesidee weiter zu erfor-
schen, wir haben es hier mit dem fertigen
Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun,
wie ihn die Kultur dem Einzelnen über-
mittelt.S.
21
Wir hören da: Constanz liegt am Bodensee.
Ein Studentenlied setzt hinzu: Wer's nicht glaubt,
geh' hin und seh. Ich war zufällig dort und
kann bestätigen, die schöne Stadt liegt
am Ufer eines weiten Gewässers, das
alle Umwohnenden Bodensee heißen.
Ich bin jetzt auch von der Richtigkeit dieser
geographischen Behauptung vollkommen
überzeugt. Dabei erinnere ich mich an ein
anderes sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich war
schon ein gereifter Mann, als ich
zum ersten Mal auf dem Hügel der
athenischen Akropolis stand, zwischen den
Tempelruinen, mit dem Blick aufs blaue
Meer. In meine Beglückung mengte sich
ein Gefühl von Erstaunen, das mir die
Deutung eingab: Also ist das wirklich so, wie
wir's in der Schule gelernt haben! Was
für seichten und kraftlosen Glauben an
die reale Wahrheit des Gehörten muß ich
damals erworben haben, wenn ich heute
so erstaunt sein kann! Aber ich will
die Bedeutung dieses Erlebnisses nicht zu
sehr betonen; es ist noch eine andere
Erklärung meines Erstaunens
möglich, die mir damals nicht einfiel,
die durchaus subjektiver Natur ist und
mit der Besonderheit des Ortes zusammen=
hängt.Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben
für ihre Inhalte, aber nicht ohne ihre
Ansprüche zu begründen. Sie geben sich als
das abgekürzte Resultat eines längeren,
auf Beobachtung, eventuell auch Schlußfolger=
ung, gegründeten Denkprozesses; wer die
Absicht hat, diesen Prozeß selbst durchzu=
machen, anstatt sein Ergebnis anzunehmen,
dem zeigen sie den Weg dazu.
Es wird immer auch hinzugefügt, woher man die Kennt=
nis hat, die der Lehrsatz verkündet, wo
es nicht wie bei geographischen Behaupt=
ungen, selbsterklärend ist. Z. B. die Erde
ist eine Kugel; als Beweise hiefür werden
angeführt der Foucault'sche Pendelversuch, das
Verhalten des Horizonts, die Möglichkeit,
die Erde zu umschiffen. Da es, wie
alle Beteiligten einsehen, untunlich ist, alle
Schulkinder auf Erdumseglungen zu schicken,
bescheidet man sich damit, die Lehren
der Schule „auf Treu und Glauben“ an=
nehmen zu lassen, aber man weiß, der
Weg zur persönlichen Überzeugung bleibt
offen.Versuchen wir die religiösen
Lehrsätze mit demselben Maß zu messen.
Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr
Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten
wirdiedrei Antworten, dieS.
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mir denkwürdig schlecht zusammenstimmen. Erstens sie
verdienen Glauben, weil schon unsere Urvor=
väter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir
Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit
überliefert sind, und drittens ist es überhaupt
verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung
aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde
früher mit den allerhärtesten Strafen
belegt und noch heute sieht es die Gesell=
schaft ungern, daß jemand es erneuert.Dieser dritte Punkt muß unsere stärksten Be=
denken wecken. Ein solches Verbot kann
doch nur die eine Motivierung haben,
daß die Gesellschaft die Unsicherheit des
Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre
religiösen Lehren erhebt. Wäre es anders,
so würde sie gewiß jedem, der sich selbst eine
Überzeugung schaffen will, das Material
dazu bereitwilligst zur Verfügung stellen.
Wir gehen darum mit einem nicht leicht
zu beschwichtigenden Mißtrauen an die
Prüfung der beiden anderen Beweisgründe.Wir sollen glauben, weil unsere
Urväter geglaubt haben. Aber diese unsere
Ahnen waren weit unwissender als wir,
sie haben an Dinge geglaubt, die wir heute
unmöglich annehmen können. Die Möglichkeit
regt sich, daß auch die religiösen Lehren
von solcher Art sein könnten. Die Beweise,
die sie uns hinterlassen haben, sind in
Schriften niedergelegt, die selbst alle Charak=
tere der Unzuverlässigkeit an sich tragen.
Sie sind widerspruchsvoll, überarbeitet, ver=
fälscht, wo sie von tatsächlichen Beglaubig=
ungen berichten, selbst unbeglaubigt.
Es hilft nicht viel, wenn für ihren Wort=
laut oder auch nur für ihren Inhalt
die Herkunft von göttlicher Offenbarung
behauptet wird, denn diese Behauptung
ist ja selbst ein Stück jener Lehren,
die auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht
werden sollen und kein Satz kann
sich doch selbst beweisen.So kommen wir zu dem sonderbaren
Ergebnis, daß grade diejenigen Mitteil=
ungen unseres Kulturbesitzes, die
die größte Bedeutung für uns haben
könnten, denen die Aufgabe zugeteilt
ist, uns die Rätsel der Welt
aufzuklären und uns mit den Leiden
des Lebens zu versöhnen, daß grade sie
die allerschwächste Beglaubigung haben.
Wir würden uns nicht entschließen können,
eine so gleichgiltige Tatsache anzunehmen,
wie daß Walfische Junge gebären anstatt
Eier abzulegen, wenn sie nicht
besser erweisbar wäre.S.
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Dieser Sachverhalt ist an sich ein sehr merkwürdiges
psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben,
daß die vorstehenden Bemerkungen über die
Unbeweisbarkeit der religiösen Lehren etwas
Neues enthalten. Sie ist zu jeder Zeit verspürt
worden, gewiß auch von den Urahnen, die
solche Erbschaft hinterlassen haben. Wahrschein=
lich haben viele von ihnen dieselben
Zweifel genährt wie wir, es lastete aber ein
zu starker Druck auf ihnen, als daß sie gewagt
hätten, dieselben zu äußern. Und seither haben
sich unzählige Menschen mit den nämlichen
Zweifeln gequält, die sie unterdrücken
wollten, weil sie sich für verpflichtet hielten
zu glauben, sind viele glänzende Intellekte
an diesem Konflikt gescheitert, haben
viele Charaktere an den Kompromissen
Schaden gelitten, in denen sie einen Ausweg
suchten.Wenn alle Beweise, die man für die Glaub=
würdigkeit der religiösen Lehrsätze vorbringt,
aus der Vergangenheit stammen, so liegt es
nahe umzuschauen, ob nicht die besser zu
beurteilende Gegenwart auch solche Beweise
liefern kann. Wenn es gelänge, nur
ein einzelnes Stück des religiösen Systems
solcher Art dem Zweifel zu entziehen, so
würde dadurch das Ganze außerordentlich
an Glaubwürdigkeit gewinnen. Hier setzt
die Tätigkeit der Spiritisten ein, die
von der Fortdauer der individuellen
Seele überzeugt sind und uns diesen einen
Satz der religiösen Lehren zweifelsfrei demonstrieren
wollen. Es gelingt ihnen leider nicht
zu widerlegen, daß die Erscheinungen
und Äußerungen ihrer Geister nur
Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit
sind. Sie haben die Geister der größten
Menschen, der hervorragendsten Denker
zitiert, aber alle Äußerungen und Aus=
künfte, die sie von ihnen erhielten, waren
so läppisch, so trostlos nichtssagend, daß
man nichts anderes glaubwürdig finden kann
als die Fähigkeit der Geister, sich dem
Kreis von Menschen anzupassen, der sie
heraufbeschwört.Man muß nun zweier Versuche gedenken,
die den Eindruck krampfhafter Bemühung
machen, dem Problem zu entgehen. Der
eine, gewaltsamer Natur, ist alt, der andere
subtil und modern. Der erstere ist das
„Credo quia absurdum“ des Kirchenvaters.
Das will besagen, die religiösen Lehren sind
den Ansprüchen der Vernunft entzogen,
sie stehen über der Vernunft. Man muß
ihre Wahrheit innerlich verspüren, brauchtS.
24
sie nicht zu begreifen. Allein dieses Credo
ist als Selbstbekenntnis interessant, als Macht=
spruch ist es ohne Verbindlichkeit. Soll
ich verpflichtet werden, jede Absurdität
zu glauben? Und wenn nicht, warum
grade diese? Es giebt keine Instanz über
der Vernunft. Wenn die Wahrheit der
religiösen Lehren abhängig ist von einem
inneren Erlebnis, das diese Wahrheit
bezeugt, was macht man mit den vielen
Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis
nicht haben? Man kann von allen
Menschen verlangen, daß sie die Gabe
der Vernunft anwenden, die sie besitzen,
aber man kann nicht eine für alle
gültige Verpflichtung auf ein Motiv
aufbauen, das nur bei ganz wenigen existiert.
Wenn der Eine aus einem ihn tief er=
greifenden ekstatischen Zustand die un=
erschütterliche Überzeugung von der
realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen
hat, was bedeutet das dem Anderen?Der zweite Versuch ist der der
Philosophie des „Als ob“. Er führt aus, daß
es in unserer Denktätigkeit reichlich
Annahmen giebt, deren Grundlosigkeit,
ja deren Absurdität wir voll einsehen.
Sie werden „Fiktionen“ geheißen, aber
aus mannigfachen praktischen Motiven
müßten wir uns so benehmen, „als ob“
wir an diese Fiktionen glaubten.
Dies treffe für die religiösen Lehren
wegen ihrer unvergleichlichen Wichtig=
keit für die Aufrechterhaltung der
menschlichen Gesellschaft zu. Diese Ar=
gumentation ist von dem Credo quia ab=
surdum nicht weit entfernt. Aber ich
meine, die Forderung des „Als ob“ ist
eine solche, wie sie nur ein Philosoph auf=
stellen kann. Der durch die Künste
der Philosophie in seinem Denken nicht
beeinflußte Mensch wird sie nie
annehmen können. Für ihn ist mit dem
Zugeständnis der Absurdität, der Ver=
nunftwidrigkeit, alles erledigt. Er kann
nicht dazu verhalten werden, grade in
der Behandlung seiner wichtigsten
Interessen auf die Sicherheiten zu
verzichten, die er sonst für alle seine
gewöhnlichen Tätigkeiten verlangt. Ich
erinnere mich an eines meiner Kinder,
das sich frühzeitig durch eine besondere
Betonung der Sachlichkeit auszeichnete.
Wenn den Kindern ein Märchen
erzählt wurde, dem sie andächtig
lauschten, kam er hinzu und fragte:S.
25
„Ist das eine wahre Geschichte?“ Nachdem man es ver=
neint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die
Menschen gegen die religiösen Märchen bald
ähnlich benehmen werden, trotz der Fürsprache
des „Als ob“.Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz
anders und in vergangenen Zeiten haben
die religiösen Vorstellungen trotz ihres un=
bestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
allerstärksten Einfluß auf die Menschheit
geübt. Das ist ein neues psychologisches
Problem. Man muß fragen, worin besteht
die innere Kraft dieser Lehren, welchem
Umstand verdanken sie ihre von der
vernünftigen Anerkennung unabhängige
Wirksamkeit?VI
Ich meine, wir haben die Beantwortung dieser
Fragen genugsam vorbereitet. Sie ergiebt sich,
wenn wir die psychische Genese der religiösen
Vorstellungen einer Untersuchung unterziehen. Diese
Vorstellungen, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate
des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der
ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit;
das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser
Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende
Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis
nach Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt,
dem der Vater abgeholfen hat, die Erkenntnis
von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit das ganze
Leben hindurch hat das Festhalten an
der Existenz eines — aber nun mächtigeren —
Vaters verursacht. Durch das gütige Walten
der göttlichen Vorsehung wird die Angst
vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt,
die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung
sichert die Erfüllung der Gerechtigkeit, die
innerhalb der menschlichen Kulturen so oft
unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung
der irdischen Existenz durch ein zukünftiges
Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen
her, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen.
Antworten auf die Rätselfragen der menschlichen
Wißbegierde, wie nach der Entstehung
der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem
und Seelischem, werden unter den Voraussetzungen dieses
Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichte=
rung für die Einzelpsyche, wenn die
noch nicht ganz überwundenen Konflikte der Kinder=
zeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen
und einer von allen angenommenen
Lösung zugeführt werden.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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