S.
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stolz auf diesen Fortschritt. Es hatte den väterlichen
Kern, der von jeher hinter jeder Gottesgestalt
verborgen war, freigelegt; im
Grunde war es eine Rückkehr zu den
historischen Anfängen der Gottesidee. Nun,
da Gott ein Einziger war, konnten die
Beziehungen zu ihm die Innigkeit und
Intensität des kindlichen Verhältnisses
zum Vater wiedergewinnen.No) Wenn man so viel für den Vater getan hatte
wollte man aber auch belohnt werden, zum
mindesten das einzig geliebte Kind sein, das
auserwählte Volk. Sehr viel später
erhebt das fromme Amerika den Anspruch
„God's own country“ zu sein und für eine
der Formen, unter denen die Menschen
die Gottheit verehren, trifft es auch zu.Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusam-
mengefaßt wurden, haben natürlich eine
lange Entwicklungsgeschichte durchgemacht und
von verschiedenen Kulturen in verschiedenen
Phasen festgehalten worden. Ich habe eine
einzelne solche Entwicklungsphase herausge-
griffen, die etwa der Endgestaltung in
unserer heutigen weißen, christlichen
Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken,
daß nicht alle Stücke dieses Ganzen gleich
gut zu einander stimmen, daß nicht alle
dringenden Fragen beantwortet werden,
daß der Widerspruch der täglichen Erfahrung
nur mit Mühe abgewiesen werden
kann. Aber so wie sie sind, werden diese
Vorstellungen – die im weitesten Sinn
religiösen – als der kostbarste Besitz
der Kultur eingeschätzt, als das
Wertvollste, was sie ihren Teilnehmern
zu bieten hat, weit höher geschätzt als
alle Künste, der Erde ihre Schätze zu ent-
locken, die Menschheit mit Nahrung
zu versorgen oder ihren Krankheiten
vorzubeugen usw. Die Menschen meinen,
das Leben nicht ertragen zu können,
wenn sie diesen Vorstellungen nicht
den Wert beilegen, der für sie bean-
sprucht wird. Und nun ist die Frage,
was sind diese Vorstellungen im
Lichte der Psychologie, woher beziehen sie
ihre Hochschätzung und um schüchtern
fortzusetzen: was ist ihr wirklicher
Wert?S.
S.
S.
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Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich
so auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen,
daß die religiösen Vorstellungen aus
demselben Bedürfnis hervorgegangen
sind wie alle anderen Errungenschaften
der Kultur, aus der Notwendigkeit, sich gegen
die erdrückende Übermacht der Natur
zu verteidigen. Dazu kam ein zweites
Motiv, der Drang, die peinlich verspürten
Unvollkommenheiten der Kultur zu korrig-
ieren. Es ist auch besonders zutreffend zu sagen,
daß die Kultur dem Einzelnen diese Vor-
stellungen schenkt, denn er findet sie vor,
sie werden ihm fertig entgegengebracht,
er wäre nicht im Stande sie allein zu
finden. Es ist die Erbschaft vieler Generat-
ionen in die er eintritt, die er über-
nimmt wie das Einmaleins, die Geometrie
u. A. Es giebt hierbei freilich einen Unter-
schied, aber der liegt anderswo, kann
jetzt noch nicht beleuchtet werden.
An dem Gefühl von Befremdung, das Sie
erwähnen, mag es Anteil haben, daß man
uns diesen Besitz von religiösen Vorstellungen
als göttliche Offenbarung vorzuführen
pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück
des religiösen Systems, vernachlässigt ganz
die uns bekannte historische Entwicklung
dieser Ideen und ihre Verschiedenheiten
in verschiedenen Zeiten und Kulturen.„Ein anderer Punkt, der mir wichtiger
erscheint. Sie lassen die Vermenschlichung
der Natur aus dem Bedürfnis hervorgehen,
der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit gegen
deren gefürchtete Kräfte ein Ende zu
machen, sich in Beziehung zu ihnen
zu setzen und sie endlich zu beeinflussen.
Aber ein solches Motiv scheint überflüssig
zu sein. Der primitive Mensch hat ja keine
Wahl, keinen anderen Weg des Denkens.
Es ist ihm natürlich, wie angeboren, daß
er sein Wesen in die Welt hinausprojiziert,
alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußer-
ungen von Wesen ansieht, die im Grunde
ähnlich sind wie er selbst. Es ist das die
einzige Methode seines Begreifens. Und es
ist keineswegs selbstverständlich, vielmehr
ein merkwürdiges Zusammentreffen, wenn
es ihm gelingen sollte, durch solches Gewähren-
lassen seiner natürlichen Anlage, eines
seiner großen Bedürfnisse zu befried-
igen.“S.
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Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn, daß
das Denken des Menschen keine praktischen
Motive kennt, bloß der Ausdruck einer
uneigennützigen Wißbegierde ist? Das ist doch
sehr unwahrscheinlich. Eher glaube ich, daß der Mensch
auch wenn er die Naturkräfte personifiziert,
einem infantilen Vorbild folgt. Er hat an
den Personen seiner ersten Umgebung gelernt,
daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt,
dies der Weg ist, um sie zu beeinflussen,
und darum behandelt er später in der
gleichen Absicht alles Andere, was ihm
begegnet wie jene Personen. Ich wider-
spreche also Ihrer deskriptiven Bemer-
kung nicht, es ist wirklich dem Menschen
natürlich, alles was er begreifen will,
zu personifizieren um es später zu beherrschen,
– die psychische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen
– aber ich gebe Motiv und Genese dieser
Eigentümlichkeit des menschlichen Denkens
dazu.„Und jetzt noch ein Drittes: Sie haben ja
den Ursprung der Religion früher einmal
behandelt, in Ihrem Buch „Totem und Tabu“.
Aber dort sieht es anders aus. Alles
ist das Sohn - Vaterverhältnis, Gott ist der
erhöhte Vater, die Vatersehnsucht ist die
Wurzel des religiösen Bedürfnisses.
Seither, scheint es, haben Sie das Moment
der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit
entdeckt, dem ja allgemein die größte
Rolle bei der Religionsbildung zugeschrieben
wird, und nun schreiben Sie alles auf
Hilflosigkeit um, was früher Vaterkomplex
war. Darf ich Sie um Auskunft über
diese Wandlung bitten?“Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung.
Wenn es wirklich eine Wandlung ist.
In „Totem und Tabu“ sollte nicht die Entstehung
der Religionen erklärt werden,
sondern nur die des Totemismus. Können Sie von
irgend einem der Ihnen bekannten
Standpunkte verständlich machen, daß
die erste Form, in der sich die schützende
Gottheit dem Menschen offenbarte, die tierische
war, daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu
töten und zu verzehren, und doch die feierliche Sitte,
es einmal im Jahr gemeinsam zu töten
und zu verzehren? Grade das hat im
Totemismus statt. Und es ist kaum zweck-
mäßig, darüber zu streiten, ob man den
Totemismus eine Religion heißen soll.S.
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Er hat innige Beziehungen zu den späteren Gottes-
religionen, die Totemtiere werden zu den
heiligen Tieren der Götter, und die ersten,
aber tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen
– das Mord- und das Inzestverbot – entstehen
auf dem Boden des Totemismus. Ob Sie
nun die Folgerungen von „Totem und Tabu“ annehmen
oder nicht, ich hoffe Sie werden zugeben,
daß in dem Buch eine Anzahl von sehr
merkwürdigen versprengten Tatsachen zu
einem konsistenten Ganzen zusammengefaßt
sind.Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht
genügte und durch den menschlichen abgelöst wurde, das
ist in „Totem und Tabu“ kaum gestreift
worden, andere Probleme der Religions-
bildung finden dort überhaupt keine Er-
wähnung. Halten Sie solche Beschränkung für
identisch mit einer Verleugnung? Meine
Arbeit ist ein gutes Beispiel von
strenger Isolierung des Anteils den
die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung
des religiösen Problems leisten kann. Wenn
ich jetzt versuche, das andere, weniger tief
Versteckte, hinzuzufügen, so sollten Sie mich
nicht des Widerspruchs beschuldigen, wie
früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich
meine Aufgabe, die Verbindungswege
zwischen dem früher Gesagten und dem
jetzt Vorgebrachten, der tieferen und der
manifesten Motivierung, dem Vaterkom-
plex und der Hilflosigkeit und Schutzbe-
dürftigkeit des Menschen aufzuzeigen.
Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden.
Es sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des
Kindes zu der sie fortsetzenden des Erwachsenen,
so daß wie zu erwarten stand, die psycho-
analytische Motivierung der Religionsbildung der
infantile Beitrag zu ihrer manifesten
Motivierung wird. Versetzen wir uns in das
Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erin-
nern sich an die Objektwahl nach dem
Anlehnungstypus von dem die Psychoanalyse
spricht? Die Libido folgt den Wegen der
narzißtischen Bedürfnisse und heftet sich
an die Objekte, welche deren Befried-
igung versichern. So wird die Mutter, die
den Hunger befriedigt zum ersten
Liebesobjekt und gewiß auch zum ersten
Schutz gegen alle die unbestimmten Gefahren,
die in der Außenwelt drohen,als Sagenwirzum ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.S.
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In dieser Funktion wird die Mutter aber bald
von dem stärkeren Vater abgelöst dem sie
nun über die ganze Kindheit verbleibt. Das Ver-
hältnis zum Vater ist aber mit einer eigentüm-
lichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine
Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhältnis
zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht
minder als man sich nach ihm sehnt und ihn
bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz
des Vaterverhältnisses sind allen Religionen
tief eingeprägt, wie auch in Totem und Tabu
ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein
Kind zu bleiben, daß er des Schutzes gegen
fremde Übermächte nie entbehren kann,
verleiht er diesen die Züge der Vatergestalt,
er schafft sich die Götter, vor denen er sich
fürchtet, die er zu gewinnen sucht, und
denen er doch seinen Schutz überträgt. So ist
das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit
dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen
der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr
der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der
Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der
Erwachsene anerkennen muß, eben der
Religionsbildung, ihre charakteristischen
Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die
Entwicklung der Gottesidee weiter zu erfor-
schen, wir haben es hier mit dem fertigen
Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun,
wie ihn die Kultur dem Einzelnen über-
mittelt.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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