Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    stolz auf diesen Fortschritt. Es hatte den väterlichen
    Kern, der von jeher hinter jeder Gottesgestalt
    verborgen war, freigelegt; im
    Grunde war es eine Rückkehr zu den
    historischen Anfängen der Gottesidee. Nun,
    da Gott ein Einziger war, konnten die
    Beziehungen zu ihm die Innigkeit und
    Intensität des kindlichen Verhältnisses
    zum Vater wiedergewinnen.

    No) Wenn man so viel für den Vater getan hatte
    wollte man aber auch belohnt werden, zum
    mindesten das einzig geliebte Kind sein, das
    auserwählte Volk. Sehr viel später
    erhebt das fromme Amerika den Anspruch
    „God's own country“ zu sein und für eine
    der Formen, unter denen die Menschen
    die Gottheit verehren, trifft es auch zu.

       Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusam-
    mengefaßt wurden, haben natürlich eine
    lange Entwicklungsgeschichte durchgemacht und
    von verschiedenen Kulturen in verschiedenen
    Phasen festgehalten worden. Ich habe eine
    einzelne solche Entwicklungsphase herausge-
    griffen, die etwa der Endgestaltung in
    unserer heutigen weißen, christlichen
    Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken,
    daß nicht alle Stücke dieses Ganzen gleich
    gut zu einander stimmen, daß nicht alle
    dringenden Fragen beantwortet werden,
    daß der Widerspruch der täglichen Erfahrung
    nur mit Mühe abgewiesen werden
    kann. Aber so wie sie sind, werden diese
    Vorstellungen – die im weitesten Sinn
    religiösen – als der kostbarste Besitz
    der Kultur eingeschätzt, als das
    Wertvollste, was sie ihren Teilnehmern
    zu bieten hat, weit höher geschätzt als
    alle Künste, der Erde ihre Schätze zu ent-
    locken, die Menschheit mit Nahrung
    zu versorgen oder ihren Krankheiten
    vorzubeugen usw. Die Menschen meinen,
    das Leben nicht ertragen zu können,
    wenn sie diesen Vorstellungen nicht
    den Wert beilegen, der für sie bean-
    sprucht wird. Und nun ist die Frage,
    was sind diese Vorstellungen im
    Lichte der Psychologie, woher beziehen sie
    ihre Hochschätzung und um schüchtern
    fortzusetzen: was ist ihr wirklicher
    Wert?

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    Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich
    so auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen,
    daß die religiösen Vorstellungen aus
    demselben Bedürfnis hervorgegangen
    sind wie alle anderen Errungenschaften
    der Kultur, aus der Notwendigkeit, sich gegen
    die erdrückende Übermacht der Natur
    zu verteidigen. Dazu kam ein zweites
    Motiv, der Drang, die peinlich verspürten
    Unvollkommenheiten der Kultur zu korrig-
    ieren. Es ist auch besonders zutreffend zu sagen,
    daß die Kultur dem Einzelnen diese Vor-
    stellungen schenkt, denn er findet sie vor,
    sie werden ihm fertig entgegengebracht,
    er wäre nicht im Stande sie allein zu
    finden. Es ist die Erbschaft vieler Generat-
    ionen in die er eintritt, die er über-
    nimmt wie das Einmaleins, die Geometrie
    u. A. Es giebt hierbei freilich einen Unter-
    schied, aber der liegt anderswo, kann
    jetzt noch nicht beleuchtet werden.
    An dem Gefühl von Befremdung, das Sie
    erwähnen, mag es Anteil haben, daß man
    uns diesen Besitz von religiösen Vorstellungen
    als göttliche Offenbarung vorzuführen
    pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück
    des religiösen Systems, vernachlässigt ganz
    die uns bekannte historische Entwicklung
    dieser Ideen und ihre Verschiedenheiten
    in verschiedenen Zeiten und Kulturen.

       „Ein anderer Punkt, der mir wichtiger
    erscheint. Sie lassen die Vermenschlichung
    der Natur aus dem Bedürfnis hervorgehen,
    der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit gegen
    deren gefürchtete Kräfte ein Ende zu
    machen, sich in Beziehung zu ihnen
    zu setzen und sie endlich zu beeinflussen.
    Aber ein solches Motiv scheint überflüssig
    zu sein. Der primitive Mensch hat ja keine
    Wahl, keinen anderen Weg des Denkens.
    Es ist ihm natürlich, wie angeboren, daß
    er sein Wesen in die Welt hinausprojiziert,
    alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußer-
    ungen von Wesen ansieht, die im Grunde
    ähnlich sind wie er selbst. Es ist das die
    einzige Methode seines Begreifens. Und es
    ist keineswegs selbstverständlich, vielmehr
    ein merkwürdiges Zusammentreffen, wenn
    es ihm gelingen sollte, durch solches Gewähren-
    lassen seiner natürlichen Anlage, eines
    seiner großen Bedürfnisse zu befried-
    igen.“

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    Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn, daß
    das Denken des Menschen keine praktischen
    Motive kennt, bloß der Ausdruck einer
    uneigennützigen Wißbegierde ist? Das ist doch
    sehr unwahrscheinlich. Eher glaube ich, daß der Mensch
    auch wenn er die Naturkräfte personifiziert,
    einem infantilen Vorbild folgt. Er hat an
    den Personen seiner ersten Umgebung gelernt,
    daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt,
    dies der Weg ist, um sie zu beeinflussen,
    und darum behandelt er später in der
    gleichen Absicht alles Andere, was ihm
    begegnet wie jene Personen. Ich wider-
    spreche also Ihrer deskriptiven Bemer-
    kung nicht, es ist wirklich dem Menschen
    natürlich, alles was er begreifen will,
    zu personifizieren um es später zu beherrschen,
    – die psychische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen
    – aber ich gebe Motiv und Genese dieser
    Eigentümlichkeit des menschlichen Denkens
    dazu.

       „Und jetzt noch ein Drittes: Sie haben ja
    den Ursprung der Religion früher einmal
    behandelt, in Ihrem Buch „Totem und Tabu“.
    Aber dort sieht es anders aus. Alles
    ist das Sohn - Vaterverhältnis, Gott ist der
    erhöhte Vater, die Vatersehnsucht ist die
    Wurzel des religiösen Bedürfnisses.
    Seither, scheint es, haben Sie das Moment
    der menschlichen Ohnmacht und Hilflosigkeit
    entdeckt, dem ja allgemein die größte
    Rolle bei der Religionsbildung zugeschrieben
    wird, und nun schreiben Sie alles auf
    Hilflosigkeit um, was früher Vaterkomplex
    war. Darf ich Sie um Auskunft über
    diese Wandlung bitten?“

       Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung.
    Wenn es wirklich eine Wandlung ist.
    In „Totem und Tabu“ sollte nicht die Entstehung
    der Religionen erklärt werden,
    sondern nur die des Totemismus. Können Sie von
    irgend einem der Ihnen bekannten
    Standpunkte verständlich machen, daß
    die erste Form, in der sich die schützende
    Gottheit dem Menschen offenbarte, die tierische
    war, daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu
    töten und zu verzehren, und doch die feierliche Sitte,
    es einmal im Jahr gemeinsam zu töten
    und zu verzehren? Grade das hat im
    Totemismus statt. Und es ist kaum zweck-
    mäßig, darüber zu streiten, ob man den
    Totemismus eine Religion heißen soll.

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    Er hat innige Beziehungen zu den späteren Gottes-
    religionen, die Totemtiere werden zu den
    heiligen Tieren der Götter, und die ersten,
    aber tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen
    – das Mord- und das Inzestverbot – entstehen
    auf dem Boden des Totemismus. Ob Sie
    nun die Folgerungen von „Totem und Tabu“ annehmen
    oder nicht, ich hoffe Sie werden zugeben,
    daß in dem Buch eine Anzahl von sehr
    merkwürdigen versprengten Tatsachen zu
    einem konsistenten Ganzen zusammengefaßt
    sind.

       Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht
    genügte und durch den menschlichen abgelöst wurde, das
    ist in „Totem und Tabu“ kaum gestreift
    worden, andere Probleme der Religions-
    bildung finden dort überhaupt keine Er-
    wähnung. Halten Sie solche Beschränkung für
    identisch mit einer Verleugnung? Meine
    Arbeit ist ein gutes Beispiel von
    strenger Isolierung des Anteils den
    die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung
    des religiösen Problems leisten kann. Wenn
    ich jetzt versuche, das andere, weniger tief
    Versteckte, hinzuzufügen, so sollten Sie mich
    nicht des Widerspruchs beschuldigen, wie
    früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich
    meine Aufgabe, die Verbindungswege
    zwischen dem früher Gesagten und dem
    jetzt Vorgebrachten, der tieferen und der
    manifesten Motivierung, dem Vaterkom-
    plex und der Hilflosigkeit und Schutzbe-
    dürftigkeit des Menschen aufzuzeigen.
        Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden.
    Es sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des
    Kindes zu der sie fortsetzenden des Erwachsenen,
    so daß wie zu erwarten stand, die psycho-
    analytische Motivierung der Religionsbildung der
    infantile Beitrag zu ihrer manifesten
    Motivierung wird. Versetzen wir uns in das
    Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erin-
    nern sich an die Objektwahl nach dem
    Anlehnungstypus von dem die Psychoanalyse
    spricht? Die Libido folgt den Wegen der
    narzißtischen Bedürfnisse und heftet sich
    an die Objekte, welche deren Befried-
    igung versichern. So wird die Mutter, die
    den Hunger befriedigt zum ersten
    Liebesobjekt und gewiß auch zum ersten
    Schutz gegen alle die unbestimmten Gefahren,
    die in der Außenwelt drohen, als Sagen
    wir zum ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.

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    In dieser Funktion wird die Mutter aber bald
    von dem stärkeren Vater abgelöst dem sie
    nun über die ganze Kindheit verbleibt. Das Ver-
    hältnis zum Vater ist aber mit einer eigentüm-
    lichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine
    Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhältnis
    zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht
    minder als man sich nach ihm sehnt und ihn
    bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz
    des Vaterverhältnisses sind allen Religionen
    tief eingeprägt, wie auch in Totem und Tabu
    ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende
    merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein
    Kind zu bleiben, daß er des Schutzes gegen
    fremde Übermächte nie entbehren kann,
    verleiht er diesen die Züge der Vatergestalt,
    er schafft sich die Götter, vor denen er sich
    fürchtet, die er zu gewinnen sucht, und
    denen er doch seinen Schutz überträgt. So ist
    das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit
    dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen
    der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr
    der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der
    Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der
    Erwachsene anerkennen muß, eben der
    Religionsbildung, ihre charakteristischen
    Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die
    Entwicklung der Gottesidee weiter zu erfor-
    schen, wir haben es hier mit dem fertigen
    Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun,
    wie ihn die Kultur dem Einzelnen über-
    mittelt.