Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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    „Ist das eine wahre Geschichte?“ Nachdem man es ver=
    neint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
    Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die
    Menschen gegen die religiösen Märchen bald
    ähnlich benehmen werden, trotz der Fürsprache
    des „Als ob“.

       Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz
    anders und in vergangenen Zeiten haben
    die religiösen Vorstellungen trotz ihres un=
    bestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
    allerstärksten Einfluß auf die Menschheit
    geübt. Das ist ein neues psychologisches
    Problem. Man muß fragen, worin besteht
    die innere Kraft dieser Lehren, welchem
    Umstand verdanken sie ihre von der
    vernünftigen Anerkennung unabhängige
    Wirksamkeit?

    VI

       Ich meine, wir haben die Beantwortung dieser
    Fragen genugsam vorbereitet. Sie ergiebt sich,
    wenn wir die psychische Genese der religiösen
    Vorstellungen einer Untersuchung unterziehen. Diese
    Vorstellungen, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht
    Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate
    des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der
    ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit;
    das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser
    Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende
    Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis
    nach Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt,
    dem der Vater abgeholfen hat, die Erkenntnis
    von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit das ganze
    Leben hindurch hat das Festhalten an
    der Existenz eines — aber nun mächtigeren —
    Vaters verursacht. Durch das gütige Walten
    der göttlichen Vorsehung wird die Angst
    vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt,
    die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung
    sichert die Erfüllung der Gerechtigkeit, die
    innerhalb der menschlichen Kulturen so oft
    unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung
    der irdischen Existenz durch ein zukünftiges
    Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen
    her, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen.
    Antworten auf die Rätselfragen der menschlichen
    Wißbegierde, wie nach der Entstehung
    der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem
    und Seelischem, werden unter den Voraussetzungen dieses
    Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichte=
    rung für die Einzelpsyche, wenn die
    noch nicht ganz überwundenen Konflikte der Kinder=
    zeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen
    und einer von allen angenommenen
    Lösung zugeführt werden.

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    Wenn „Man ich sage das alles sind Fiktionen muß
    ich die Bedeutung des Wortes abgrenzen.
    Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum,
    sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum.
    Die Meinung des Aristoteles daß sich Ungeziefer
    Unrat aus Miste entwickle an der das unwissende
    Volk noch heute festhält war ein Irrtum,
    ebenso die einer früheren ärztlichen Generation
    daß die Tabes dorsalis die Folge von sexueller
    Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich diese
    Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war
    es eine Illusion des Kolumbus daß er einen
    neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der
    Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum
    ist sehr deutlich. Als Illusion bezeichnen
    Behauptung gewisser Nationalisten
    wir die Indogermanen die einzige kultur-
    fähige Menschenrasse oder den Glauben den
    erst die Psychoanalyse zerstört hat das Kind
    sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die
    Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung
    aus menschlichen Wünschen sie nähert sich in
    dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee
    aber sie scheidet sich abgesehen von dem
    komplizierteren Aufbau der Wahnidee auch
    von dieser. An der Wahnidee heben wir
    als wesentlich den Widerspruch gegen die
    Wirklichkeit hervor die Illusion muß
    nicht notwendig falsch d. h. unrealisierbar oder
    im Widerspruch mit der Realität sein.
    Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion
    machen daß ein Prinz kommen
    wird um sie heimzuholen. Es ist möglich,
    einige Fälle dieser Art haben sich ereignet.
    Daß der Messias kommen und ein goldenes
    Zeitalter begründen wird ist weit weniger
    wahrscheinlich je nach der persönlichen Einstellung
    des Urteilenden wird er diesen Glauben
    als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee
    klassifizieren. Beispiele von Illusionen die sich
    bewahrheitet haben sind sonst nicht leicht
    aufzufinden. Aber die Illusion der Alchim-
    isten alle Metalle in Gold verwandeln
    zu können könnte eine solche sein. Der
    Wunsch sehr viel Gold, soviel Gold als möglich
    zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht
    in die Bedingungen des Reichtums
    sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine
    Umwandlung der Metalle in Gold nicht
    mehr für unmöglich. Wir heißen also
    einen Glauben eine Illusion wenn sich
    in seiner Motivierung die Wunscherfüll-
    ung vordrängt und sehen dabei von
    seinem Verhältnis zur Wirklichkeit
    ab ebenso wie die Illusion selbst
    auf ihre Beglaubigungen verzichtet.

    \n\n

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    Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder
    zu den religiösen Lehren so dürfen wir wiederholend
    sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar,
    niemand darf gezwungen werden sie für wahr
    zu halten an sie zu glauben. Einige von ihnen
    sind so unwahrscheinlich so sehr im Widerspruch
    zu allem was wir mühselig über die Realität
    der Welt erfahren haben, daß man sie –
    mit entsprechender Berücksichtigung der psychol-
    ogischen Unterschiede – den Wahnideen ver-
    gleichen kann. Über den Realitätswert der
    meisten von ihnen kann man nicht urteilen.
    So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un-
    widerlegbar. Man weiß noch zu wenig um
    ihnen kritisch näher zu rücken. Die Rätsel der
    Welt entschleiern sich unserer Forschung nur
    langsam, die Wissenschaft kann auf viele
    Fragen heute noch keine Antwort geben. Die
    wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns
    der einzige Weg der zur Kenntnis der
    Realität außer uns führen kann. Es ist
    wiederum nur Illusion wenn man von der
    Intuition und der Selbstversenkung etwas
    erwartet; sie kann uns nichts geben als –
    schwer deutbare – Aufschlüsse über unser
    eigenes Seelenleben, niemals Auskunft über
    die Fragen, deren Beantwortung der
    religiösen Lehre so leicht wird. Die eigene
    Willkür in die Lücke eintreten zu lassen
    und nach persönlichem Ermessen dies oder
    jenes Stück des religiösen Systems für
    mehr oder weniger annehmbar zu erklären
    wäre frevelhaft, dafür sind diese Fragen zu
    bedeutungsvoll, man möchte sagen: zu heilig
    und der Willkür ist die Erkennt-
    nis ...

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    sind es nur Bemühungen um sich oder anderen
    vorzuspiegeln man halte noch an der Religion
    fest während man sich längst von ihr abgelöst
    hat. Wenn es sich um Fragen der Religion
    handelt machen sich die Menschen aller
    möglichen Unaufrichtigkeiten und intellekt-
    uellen Unarten schuldig. Philosophen
    überdehnen die Bedeutung von Worten
    bis diese kaum etwas von ihrem ursprüng-
    lichen Sinn übrig behalten, sie heißen irgend-
    eine verschwommene Abstraktion,
    die sie sich geschaffen haben „Gott“ und
    sind nun auch Deisten, Gottesgläubige,
    vor aller Welt, können sich selbst rühmen
    einen höheren reineren Gottesbegriff
    erkannt zu haben obwohl ihr Gott nur
    mehr ein wesenloser Schatten ist und
    nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit
    der religiösen Lehre. Kritiker beharren
    darauf, einen Menschen, der sich zum Gefühl
    der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht
    vor dem Ganzen der Welt bekennt
    für tief religiös zu erklären, obwohl
    nicht dieses Gefühl das Wesen der Religiösität
    ausmacht, sondern erst der nächste Schritt
    die Reaktion darauf, die gegen dies
    Gefühl eine Abhilfe sucht. Wer nicht
    weiter geht, wer sich demütig mit der
    geringfügigen Rolle des Menschen in
    der großen Welt bescheidet, der
    ist vielmehr irreligiös im wahrsten
    Sinne des Wortes.

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       Es liegt aber nicht im Plane dieser Unter-
    suchung, zum Wahrheitswert der religi-
    ösen Lehren Stellung zu nehmen. Es
    genügt uns sie in ihrer psychologischen
    Natur als Illusionen zu verstehen
    Aber wir brauchen nicht zu verhehlen
    daß diese Aufdeckung auch unsere Einstellung
    zur Frage die vielen als die wichtigste erscheinen
    muß mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr
    zu welchen Zeiten die religiösen Lehren
    geschaffen worden sind und von was für
    Menschen. Erfahren wir noch aus welchen
    Motiven es geschah, so erfährt unser Standpunkt
    zum religiösen Problem eine merkliche
    Verschiebung.
    Wir sagen uns es wäre
    gewiß sehr schön wenn es eine
    gütige und allmächtige Vorsehung ein
    sittliches Weltgesetze, eine aus-
    gleichende Gerechtigkeit ein künftiges Leben
    gäbe, aber es ist doch sehr auffällig,
    daß dies alles so ist, wie wir es uns
    wünschen müssen. Und es wäre noch sonderbarer
    daß unseren armen unwissenden,
    unfreien Vorvätern die Lösung

  • S.

    29b

    einer Feindseligkeit deren Grund auch schwer zu
    erraten ist d. h. wenigstens Menschen pflegen
    das, was die Wissenschaft geben kann
    suchen bei ihr Trost Erhebung oder ästhetische
    Befriedigung und sind enttäuscht wenn sie
    nichts davon finden. Vor allem aber fordern
    sie von der Wissenschaft den Ersatz für
    den religiösen Glauben an dem sie irre
    geworden sind. Sie meinen
    aber die Wissenschaft, die auf ihrem lang-
    samen Entwicklungsweg fortbauen muß
    vermeidet es, ihre Sache schützt uns nicht
    zeitweilig mit Annäherungen und Wahr-
    scheinlichkeiten gut bescheiden läßt und
    Illusionen verwerfen muß. Hier ist es wohl
    beide? Illusion und... dieser Frage nämlich
    kann. Nach der... Entscheidung von Ihnen
    43 es haben ob wir... sagen können wir
    erwartet. Sie könnten sagen wozu soll kann es
    Religion abgelöst werden. Ein Teil von diesen
    wird durch eine andere psychologische
    Ersetzung ... 
    ... Die Religion ... 
    sein Teil... 
    Verteidigung... Dazu... der Ausdruck
    der ... 
    erhoffen...
    das alte ...
    darauf antworte ich: das ist nicht die
    Bedingung...
    ... warum ... können daß es
    ...
    27b) ...
     

  • S.

    29

    all dieser schwerwiegenden Welträtsel geglückt sein
    sollte!

    VII.

    Wenn Sind nun gewissermaßen auf das Feld der
    Wissenschaft der verbotenen Religion
    gezogen ob unserer Verbotenen Thätigkeit.
    Man sagt das Erforschte ist wäre man stelle keine
    ja recht lobenswert aber man stelle die Wohn-
    Ausgrabungen an wenn man durch sie die Wohn-
    stätten der Lebenden untergräbt so daß sie
    einstürzen und die Menschen unter ihren
    Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren
    sind kein Gegenstand über den man
    klügeln kann wie über einen beliebigen
    anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen aufge-
    baut die Erhaltung der menschlichen Gesell-
    schaft hat zur Voraussetzung daß die
    Menschen in ihrer Überzahl an die Wahrheit
    dieser Lehren glaubt. Wenn man sie lehrt
    daß es keinen allmächtigen und allgerechten
    Gott giebt, keine göttliche Weltordnung und
    kein künftiges Leben, so werden sie sich
    aller Verpflichtung zur Befolgung der
    Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder
    wird ungehemmt angstfrei seinen asozialen,
    egoistischen Trieben folgen, seine Macht zu
    betätigen suchen, das Chaos wird wieder
    beginnen, das wir in vieltausendjähriger
    Kulturarbeit gebannt haben. Selbst wenn
    man es wüßte und beweisen könnte
    daß die Religion nicht im Besitz der
    Wahrheit ist, müßte man es verschweigen
    und sich benehmen wie es die Philosophie des
    „als ob“ verlangt. Im Interesse der Erhaltung
    Aller! Und von der Gefährlichkeit des
    Unternehmens abgesehen, es ist auch eine
    zwecklose Grausamkeit! Unzählige Menschen
    finden in den Lehren der Religion
    ihren einzigen Trost können nur durch
    ihre Hilfe das Leben ertragen. Man will
    ihnen diese ihre Stütze rauben und hat
    ihnen nichts Besseres dafür zu geben. Es ist
    zugestanden worden, daß die Wissenschaft
    derzeit nicht viel leistet, aber auch wenn
    sie viel weiter fortgeschritten wäre – würde
    sie den Menschen nicht genügen. Der Mensch
    hat noch andere imperative Bedürfnisse
    die nie durch die kühle Wissenschaft be-
    friedigt werden können, und es ist sehr
    sonderbar, geradezu ein Gipfel der In-
    konsequenz, wenn ein Psychologe
    der immer betont hat, wie sehr
    im Leben der Menschen die Intelligenz gegen
    das Triebleben zurücktritt, sich nun bemüht,
    den Menschen eine kostbare Wunschbefriedig-
    ung zu rauben und sie dafür mit intell-
    ektueller Kost entschädigen will.