S.
25
„Ist das eine wahre Geschichte?“ Nachdem man es ver=
neint hatte, zog er mit einer geringschätzigen
Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sich die
Menschen gegen die religiösen Märchen bald
ähnlich benehmen werden, trotz der Fürsprache
des „Als ob“.Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz
anders und in vergangenen Zeiten haben
die religiösen Vorstellungen trotz ihres un=
bestreitbaren Mangels an Beglaubigung den
allerstärksten Einfluß auf die Menschheit
geübt. Das ist ein neues psychologisches
Problem. Man muß fragen, worin besteht
die innere Kraft dieser Lehren, welchem
Umstand verdanken sie ihre von der
vernünftigen Anerkennung unabhängige
Wirksamkeit?VI
Ich meine, wir haben die Beantwortung dieser
Fragen genugsam vorbereitet. Sie ergiebt sich,
wenn wir die psychische Genese der religiösen
Vorstellungen einer Untersuchung unterziehen. Diese
Vorstellungen, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate
des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der
ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit;
das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser
Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende
Eindruck der kindlichen Hilflosigkeit hat das Bedürfnis
nach Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt,
dem der Vater abgeholfen hat, die Erkenntnis
von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit das ganze
Leben hindurch hat das Festhalten an
der Existenz eines — aber nun mächtigeren —
Vaters verursacht. Durch das gütige Walten
der göttlichen Vorsehung wird die Angst
vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt,
die Einsetzung einer sittlichen Weltordnung
sichert die Erfüllung der Gerechtigkeit, die
innerhalb der menschlichen Kulturen so oft
unerfüllt geblieben ist, die Verlängerung
der irdischen Existenz durch ein zukünftiges
Leben stellt den örtlichen und zeitlichen Rahmen
her, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen.
Antworten auf die Rätselfragen der menschlichen
Wißbegierde, wie nach der Entstehung
der Welt und der Beziehung zwischen Körperlichem
und Seelischem, werden unter den Voraussetzungen dieses
Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichte=
rung für die Einzelpsyche, wenn die
noch nicht ganz überwundenen Konflikte der Kinder=
zeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen
und einer von allen angenommenen
Lösung zugeführt werden.S.
26
Wenn„Man ich sage das alles sind Fiktionen muß
ich die Bedeutung des Wortes abgrenzen.
Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum,
sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum.
Die Meinung des Aristoteles daß sich Ungeziefer
Unrat ausMisteentwickle an der das unwissende
Volk noch heute festhält war ein Irrtum,
ebenso die einer früheren ärztlichen Generation
daß die Tabes dorsalis die Folge von sexueller
Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich diese
Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war
es eine Illusion des Kolumbus daß er einen
neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der
Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum
ist sehr deutlich. Als Illusion bezeichnen
Behauptung gewisser Nationalisten
wir die Indogermanen die einzige kultur-
fähige Menschenrasse oder den Glauben den
erst die Psychoanalyse zerstört hat das Kind
sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die
Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung
aus menschlichen Wünschen sie nähert sich in
dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee
aber sie scheidet sich abgesehen von dem
komplizierteren Aufbau der Wahnidee auch
von dieser. An der Wahnidee heben wir
als wesentlich den Widerspruch gegen die
Wirklichkeit hervor die Illusion muß
nicht notwendig falsch d. h. unrealisierbar oder
im Widerspruch mit der Realität sein.
Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion
machen daß ein Prinz kommen
wird um sie heimzuholen. Es ist möglich,
einige Fälle dieser Art haben sich ereignet.
Daß der Messias kommen und ein goldenes
Zeitalter begründen wird ist weit weniger
wahrscheinlich je nach der persönlichen Einstellung
des Urteilenden wird er diesen Glauben
als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee
klassifizieren. Beispiele von Illusionen die sich
bewahrheitet haben sind sonst nicht leicht
aufzufinden. Aber die Illusion der Alchim-
isten alle Metalle in Gold verwandeln
zu können könnte eine solche sein. Der
Wunsch sehr viel Gold, soviel Gold als möglich
zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht
in die Bedingungen des Reichtums
sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine
Umwandlung der Metalle in Gold nicht
mehr für unmöglich. Wir heißen also
einen Glauben eine Illusion wenn sich
in seiner Motivierung die Wunscherfüll-
ung vordrängt und sehen dabei von
seinem Verhältnis zur Wirklichkeit
ab ebenso wie die Illusion selbst
auf ihre Beglaubigungen verzichtet.\n\n
S.
27
Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder
zu den religiösen Lehren so dürfen wir wiederholend
sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar,
niemand darf gezwungen werden sie für wahr
zu halten an sie zu glauben. Einige von ihnen
sind so unwahrscheinlich so sehr im Widerspruch
zu allem was wir mühselig über die Realität
der Welt erfahren haben, daß man sie –
mit entsprechender Berücksichtigung der psychol-
ogischen Unterschiede – den Wahnideen ver-
gleichen kann. Über den Realitätswert der
meisten von ihnen kann man nicht urteilen.
So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un-
widerlegbar. Man weiß noch zu wenig um
ihnen kritisch näher zu rücken. Die Rätsel der
Welt entschleiern sich unserer Forschung nur
langsam, die Wissenschaft kann auf viele
Fragen heute noch keine Antwort geben. Die
wissenschaftliche Arbeit ist aber für uns
der einzige Weg der zur Kenntnis der
Realität außer uns führen kann. Es ist
wiederum nur Illusion wenn man von der
Intuition und der Selbstversenkung etwas
erwartet; sie kann uns nichts geben als –
schwer deutbare – Aufschlüsse über unser
eigenes Seelenleben, niemals Auskunft über
die Fragen, deren Beantwortung der
religiösen Lehre so leicht wird. Die eigene
Willkür in die Lücke eintreten zu lassen
und nach persönlichem Ermessen dies oder
jenes Stück des religiösen Systems für
mehr oder weniger annehmbar zu erklären
wäre frevelhaft, dafür sind diese Fragen zu
bedeutungsvoll, man möchte sagen: zu heilig
und der Willkür ist die Erkennt-
nis ...S.
28
sind es nur Bemühungen um sich oder anderen
vorzuspiegeln man halte noch an der Religion
fest während man sich längst von ihr abgelöst
hat. Wenn es sich um Fragen der Religion
handelt machen sich die Menschen aller
möglichen Unaufrichtigkeiten und intellekt-
uellen Unarten schuldig. Philosophen
überdehnen die Bedeutung von Worten
bis diese kaum etwas von ihrem ursprüng-
lichen Sinn übrig behalten, sie heißen irgend-
eine verschwommene Abstraktion,
die sie sich geschaffen haben „Gott“ und
sind nun auch Deisten, Gottesgläubige,
vor aller Welt, können sich selbst rühmen
einen höheren reineren Gottesbegriff
erkannt zu haben obwohl ihr Gott nur
mehr ein wesenloser Schatten ist und
nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit
der religiösen Lehre. Kritiker beharren
darauf, einen Menschen, der sich zum Gefühl
der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht
vor dem Ganzen der Welt bekennt
für tief religiös zu erklären, obwohl
nicht dieses Gefühl das Wesen der Religiösität
ausmacht, sondern erst der nächste Schritt
die Reaktion darauf, die gegen dies
Gefühl eine Abhilfe sucht. Wer nicht
weiter geht, wer sich demütig mit der
geringfügigen Rolle des Menschen in
der großen Welt bescheidet, der
ist vielmehr irreligiös im wahrsten
Sinne des Wortes.\n\n
Es liegt aber nicht im Plane dieser Unter-
suchung, zum Wahrheitswert der religi-
ösen Lehren Stellung zu nehmen. Es
genügt uns sie in ihrer psychologischen
Natur als Illusionen zu verstehen
Aber wir brauchen nicht zu verhehlen
daß diese Aufdeckung auch unsere Einstellung
zur Frage die vielen als die wichtigste erscheinen
muß mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr
zu welchen Zeiten die religiösen Lehren
geschaffen worden sind und von was für
Menschen. Erfahren wir noch aus welchen
Motiven es geschah, so erfährt unser Standpunkt
zum religiösen Problem eine merkliche
Verschiebung.
Wir sagen uns es wäre
gewiß sehr schön wenn es eine
gütige und allmächtige Vorsehung ein
sittliches Weltgesetze, eine aus-
gleichende Gerechtigkeit ein künftiges Leben
gäbe, aber es ist doch sehr auffällig,
daß dies alles so ist, wie wir es uns
wünschen müssen. Und es wäre noch sonderbarer
daß unseren armen unwissenden,
unfreien Vorvätern die LösungS.
S.
29b
einer Feindseligkeit deren Grund auch schwer zuerraten ist d. h. wenigstens Menschen pflegendas, was die Wissenschaft geben kannsuchen bei ihr Trost Erhebung oder ästhetischeBefriedigung und sind enttäuscht wenn sienichts davon finden. Vor allem aber fordernsie von der Wissenschaft den Ersatz fürden religiösen Glauben an dem sie irregeworden sind. Sie meinenaber die Wissenschaft, die auf ihrem lang-samen Entwicklungsweg fortbauen mußvermeidet es, ihre Sache schützt uns nichtzeitweilig mit Annäherungen und Wahr-scheinlichkeiten gut bescheiden läßt undIllusionen verwerfen muß. Hier ist es wohlbeide? Illusion und... dieser Frage nämlichkann. Nach der... Entscheidung von Ihnen43 es haben ob wir... sagen können wirerwartet. Sie könnten sagen wozu soll kann esReligion abgelöst werden. Ein Teil von diesenwird durch eine andere psychologischeErsetzung ...... Die Religion ...sein Teil...Verteidigung... Dazu... der Ausdruckder ...erhoffen...das alte ...darauf antworte ich: das ist nicht dieBedingung...... warum ... können daß es...27b) ...
S.
29
all dieser schwerwiegenden Welträtsel geglückt sein
sollte!VII.
WennSind nun gewissermaßen auf das FeldderWissenschaftder verbotenen Religion
gezogen ob unserer Verbotenen Thätigkeit.
Man sagt das Erforschteistwäre man stelle keine
ja recht lobenswert aber man stelle die Wohn-
Ausgrabungen an wenn man durch sie die Wohn-
stätten der Lebenden untergräbt so daß sie
einstürzen und die Menschen unter ihren
Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren
sind kein Gegenstand über den man
klügeln kann wie über einen beliebigen
anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen aufge-
baut die Erhaltung der menschlichen Gesell-
schaft hat zur Voraussetzung daß die
Menschen in ihrer Überzahl an die Wahrheit
dieser Lehren glaubt. Wenn man sie lehrt
daß es keinen allmächtigen und allgerechten
Gott giebt, keine göttliche Weltordnung und
kein künftiges Leben, so werden sie sich
aller Verpflichtung zur Befolgung der
Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder
wird ungehemmt angstfrei seinen asozialen,
egoistischen Trieben folgen, seine Macht zu
betätigen suchen, das Chaos wird wieder
beginnen, das wir in vieltausendjähriger
Kulturarbeit gebannt haben. Selbst wenn
man es wüßte und beweisen könnte
daß die Religion nicht im Besitz der
Wahrheit ist, müßte man es verschweigen
und sich benehmen wie es die Philosophie des
„als ob“ verlangt. Im Interesse der Erhaltung
Aller! Und von der Gefährlichkeit des
Unternehmens abgesehen, es ist auch eine
zwecklose Grausamkeit! Unzählige Menschen
finden in den Lehren der Religion
ihren einzigen Trost können nur durch
ihre Hilfe das Leben ertragen. Man will
ihnen diese ihre Stütze rauben und hat
ihnen nichts Besseres dafür zu geben. Es ist
zugestanden worden, daß die Wissenschaft
derzeit nicht viel leistet, aber auch wenn
sie viel weiter fortgeschritten wäre – würde
sie den Menschen nicht genügen. Der Mensch
hat noch andere imperative Bedürfnisse
die nie durch die kühle Wissenschaft be-
friedigt werden können, und es ist sehr
sonderbar, geradezu ein Gipfel der In-
konsequenz, wenn ein Psychologe
der immer betont hat, wie sehr
im Leben der Menschen die Intelligenz gegen
das Triebleben zurücktritt, sich nun bemüht,
den Menschen eine kostbare Wunschbefriedig-
ung zu rauben und sie dafür mit intell-
ektueller Kost entschädigen will.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1927.01
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