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PROF. DR. FREUD. WIEN, IX. BERGGASSE 19.
17. 2. 1911
Lieber Freund
Ich sehe, Sie glauben mir nicht u halten mich
für einen Periodiker, der durch den
Ablauf seiner Zeit plötzlich die Welt rosig
zu sehen genötigt ist. So muß ich Ihnen
denn weitere Einzelheiten geben. Bei Tag
war ein Gasgeruch nicht zu verspüren, weil
bei geschloßenem Hahn die Ausströmung
nicht stattfand. Wenn ich aber am Abend von
10‑1h bei der Schreibtischlampe saß, strömte
das Gas aus der Lockerung zwischen dem
metallenen Gasrohr u dem Kautschukan-
satz, der zum überspon̄enen Lampenrohr
führt. An dieser Stelle schoß bei der Unter-
suchung eine Flamme empor. Ich roch nichts,
weil ich in Zigarrenrauch eingehüllt dasaß
während sich das Gas langsam in die
Atmosphäre mengte. Ich bin noch heute
sehr stolz darauf, daß ich die sonderbaren
Kopfschmerzen, die gerade bei der Arbeit
am Abend kamen oder sich verstärkten,
u die lästige Sehwerbesinnlichkeit bei
Tag, so daß ich mich beständig fragen mußte,
wer hat denn das gesagt, wann ist das
vorgefallen etc, nicht auf Neurose bezog.
Dagegen gestehe ich, mich auf arteriosklerotische
Zustände resignirt zu haben. Nun ist der
ganze Spuk spurlos geschwunden. Die -
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Kopfschmerzen zogen innerhalb 3 Tage nach dem
Austausch des Ansatzstückes langsam
ab.Von den geheimen Motiven meines Sohnes
waren mir die sozialen oder, wenn Sie
wollen, homosexuellen allerdings gut be-
kannt, so daß ich den Unfall bestim̄t
erwartete. Er hatte mir keine Mitteilung
von seiner Absicht gemacht auf die Tour
zu gehen. Ich wußte, daß er wenige Tage
vorher einen Raufhandel im Kasernen-
hof bestanden u deshalb in ehrengericht-
liche Untersuchung zu kom̄en erwartete.
Die erotischen oder heterosex. Motive
habe ich erst später wahrscheinlich aus der
gleichen Quelle wie Sie erfahren. Das
Abenteuer dürfte ihn ein Jahr kosten;
hoffentlich behält er zwei fast gleichlange
Beine. An Ihren Kombinationen scheint
etwas dann nicht zu stimmen. Er ist nicht
der Lieblingssohn seiner Mutter, sondern
wird im Gegenteil von ihr fast ungerecht
behandelt. Sie entschädigt sich bei ihm
für ihre allzu große Konnivenz gegen
ihren Bruder, an den er sehr erinnert,
während ich merkwürdiger Weise meine
Härte gegen die nämliche Person (jetzt
in New York)jetztbei ihm kompensire. -
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Ich finde es auch sehr zweck-
mäßig, daß Sie in Zürich zu den Adler’schen
Arbeiten Stellung nehmen. Die zwei Dis-
kussionsabende hier haben ihm sehr geschadet.
Von Putnam wissen Sie bereits auch, daß
er seine Abreise auf den 1 Okt verschoben
hat, so daß wir ganz ungehem̄t sind.
Das Zukunftsbild, das Sie von dem Seminar
in Zürich entwerfen, ist sehr verlockend
aber zwei gegen einen, wir beide werden
mehr Interesse daran haben, wenn Sie für
uns Vorstellung geben.Für Ihre Bemerkungen z. Traumbuch schönsten
Dank. Allem wird prinzipiell stattgegeben,
aber nicht alles kann verändernd auf die
dritte Auflage wirken. Der Literatur-
nachtrag, den Sie wünschen, war von Rank
bereits angefertigt. Der Satz p 92 von den
Tr der kleinen Kindern wird durch den
Zusatz eines „scheinen“ ins richtige Licht ge-
rückt werden. Daß die Kinderträume
p 94 nur oberflächlich gedeutet sind, ohne daß
auf die sex Triebkräfte derselben
hingewiesen wäre ist unbestreitbar, aber
Sie geben selbst die Erklärung, wenn Sie
die darstellerischeoder paedagogische Absichtn
hervorholen. Es ist unmöglich, bei dem Leser
der Trdeutung die Ken̄tnis der Sexual-
theorie vorauszusetzen, und unmöglich, -
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ihm diese beizubringen, während man ihn in die
elementarste Kenntnis der Traumauffassung
einführt. Somit haben die Befunde von 1905
auf den Text von 1899 keinen Einfluß geübt.Die Lücke im Verständnis des Traumes, die
durch die unvollständige Aufklärung meiner
eigenen Träume entsteht, haben Sie sehr treffend
hervorgehoben, aber auch hier die unaus-
weichliche Motivirung bereits dazu gegeben.
Der Leser verdient es nicht, daß man sich noch
weiter vor ihm auskleide. Man darf also
von keinem Traum mehr verlangen als
wofür er hingestellt wird; der eine erläutert
die Entstellung, der andere das infantile
Material, der dritte die Wunscherfüllung
u keiner alles zugleich, was man vom Traum
verlangen kann, weil es eben meine
persönlichen Träume sind. Was aber die
corpora vilia betrifft, an deren Träumen
man schonungslos alles aufdecken dürfte,
so können es nur Neurotiker, Patienten
sein, und die Mittheilung ihrer Tr schloß
sich dadurch aus, daß die Geheimniße
der Neurose nicht vorausgesetzt werden
konnten, zu deren Erschließung ja die
Trdeutung erst den Weg zeigen sollte.
(Im Monographietraum betraf das entscheidende
Gespräch mit Königstein gerade das
Thema, das wir in München gestreift
haben. (Siehe das aegyptische Bild für angeblich -
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10,000 Kr.) Der Vater hatte mir
seinerzeit Geldausgaben für Bücher zum Vor-
wurf gemacht, die damals meine nobeln
Passionen repraesentirten. Wie Sie sehen,
nichts fürs Volk.)Wenn also der Kritiker u das Seminar voll-
kommen Recht haben, so kann doch der
Autor daran nichts ändern. Das Buch
beweist die Lehren der Trdeutung gewißer-
maßen an seinem eigenen Wesen, durch
seine eigenen Mängel. Der Autor hat aber
vor, dem Unfug auf andere Art abzuhelfen.
In der bereits fertig gestellten Vorrede
heißt es, daß dieses Buch nicht wieder
herausgegeben, sondern durch ein neues,
unpersönliches ersetzt werden soll, für
welches ich mit Ranks Hilfe nun in den
nächsten 3‑4 Jahren Material sam̄eln
werden. Ich werde dann den Tr unter Voraus-
setzung, eventuell Mittheilung der Ergebniße
der Neurosenlehre darstellen, während
Rank die literarischen u mytholog. Bezieh-
ungen verfolgen wird. Zur Motivirung
dieses Vorsatzes, der bereits gefaßt
war, werden die von Ihnen erhobenen
Einwendungen sehr gut brauchbar sein,
u ich gedenke, wenn Sie es gestatten, die-
selben so ziemlich mit Ihren Worten in der
Vorrede vorzubringen. -
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Die letzte so sehr verschlampte Num̄er des Zentral-
blattes fällt Adler zur Last – er und Stekel
wechseln in der Redaktion ab – und ist psycho-
analytisch sehr interessant. Ich habe mich bei
Adler beschwert und natürlich anstatt einer
Einsicht in die geheimen Motive dieser
Irrungen lahme Entschuldigungen erzielt.
Detaildeutung werden Sie selbst finden. Daß
Silberer in seinem Vortrag über Magie
nicht das gesagt haben kann, liegt auf
der Hand. Das Kuckucksei stam̄t aus einem
Referat über Adlers Vortrag, das für
die nächste Num̄er bestim̄t war.Die Society for Psychical Research hat mich
aufgefordert, für die Wal zum korresp. Mit-
glied zu kandidiren, was wol mit der
Wal selbst zusam̄enfällt. Das erste
Zeichen von Interesse in diesem Dear old
England. Die List of members ist ganz
großartig.Ich grüße Sie herzlich, mitsamt den
Ihrigen, Groß u Klein,
Ihr getreuer
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
1003 Seestraße
Küsnacht 8700
Schweiz
C32F22