• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    7.7.09

    Lieber Freund

    Ich sende Ihnen hier in Einem das Manuscript
    desRattenmannes und den kleinen
    Beitrag zur Beobachtung der Traumarbeit
    von H. Silberer, beides zu Ihrer Verfügung
    als Redaktor. Meines ist mir sauer geworden
    u unbefriedigend ausgefallen. Ich hätte Lust
    darüber als Motto die schönen Verse von
    Busch über die Kinderzeichnung seines Malers
    Klecksel zu setzen:

    „So blickt man klar, wie selten nur,
    Ins innre Walten der Natur"

    Genug. Sie werden es ja lesen.

    Es ist hohe Zeit, daß dieses Saison zu Ende geht.
    Meine psychische Arbeitsunlust hat bereits
    einen riesig hohen Grad erreicht, ich kann die
    diesmal so kurzen Ferien nicht erwarten.
    Am 14. abds fahren wir über München nach
              Ammerwald, Post Reutte, Tirol.
    Briefe treffen mich natürlich auch im̄er unter
    meiner Wiener Adresse. Vielleicht blüht
    mir noch bis dahin eine Consiliarreise
    nach – Salonichi. Aber ich habe für die 5
    Tage soviel Geld verlangt, daß sich das
    Bedürfnis nach mir wol wieder verlieren
    wird. Es handelt sich gar nicht um ψα Fall.

  • S.

    Marcinowski hat mir mitgetheilt, daß ihm Semon
    in London einen Fall zur Analyse übersendet
    hat. M. will uns bei der Rückkehr in Hamburg
    begrüßen, woselbst ich mich jedenfalls meiner
    alten Schwiegermutter wegen aufhalten
    muß. An Amerika u unsere Reise denke
    ich absichtlich wenig. Ich will mich von allem
    Angenehmen überraschen lassen, mir den
    Genuß nicht durch die überbesetzte Erwartung
    stören, und will alle Enttäuschungen leicht
    nehmen. Thun Sie Dergleichen u nehmen Sie
    auch Ihre Vortragspflichten nicht zu schwer.
    Haben Sie eine Ahnung, wer außer uns
    noch eingeladen ist?

    Unlängst hat ein Mr McCormick als Ihr Patient
    eine Stunde bei mir verlangt, kam aber
    nicht, nachdem er sie bekom̄en hatte.

    Mein zweiter Sohn hat jetzt die Matura
    hinter sich u geht auf seine erste selbständige
    Reise. Der älteste hat sich in einer Mensur
    das Gesicht zerhacken lassen u ganz tapfer
    dabei benom̄en. So wir das junge Volk
    allmälich selbständig u man ist plötzlich
    the old man!

    Mit herzichem Gruße für Sie u Ihre
    liebe Frau 
    Ihr 
    Freud

    P.S. Manuscripte folgen
    doch noch in 2 Tagen als Packet