• S.

    Falzeder:

    dz: Badersee b. Garmisch

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    28 Aug 19

     

    Hochgeehrter Herr

     

    Ich danke Ihnen sehr für die Zusendung Ihres Buches über Roosevelt.  Es hat mich ungemein interessirt, ist es doch durch und durch amerikanisch u führt den Leser in Beziehungen und Verhältnisse ein die uns ganz fremdartig anmuten.

     

    Ich meine, es war sehr verdienstvoll, sich der Kriegs­psy­cho­se zu widersetzen, wie Sie es versucht haben.  Nur durfte man Anerkennung dafür nicht erwarten, wenigstens nicht eher, als bis die Hochflut abgelaufen ist.  Das agonale Moment scheint im öffentlichen Leben Amerika's eine ähnliche Rolle zu spielen wie im alten Griechenland, Rücksichts- und Schonungs­losigkeit gegen den Gegner ungehemmter zu sein als durch­schnitt­lich in Europa.

     

    Einer meiner Patienten äusserte einmal während dieser Jahre: Nach Beendigung des Krieges werden alle Parteien vor dem Weltgericht erscheinen müssen.  Freigesprochen werden dann -- die Sieger.

     

    Was an Ihrem Buche persönlich ist, habe ich mit der Sympathie gelesen, die das Alter für die Jugend haben kann.  Sie haben gewiss Recht, wenn Sie Ihr Verhältnis zu ihm (R.)[1] durch die Beziehung auf den Vaterkomplex aufklären.  Im Ganzen fällt mehr Licht auf Ihre als auf seine Person.

     

    Praesident Wilson war für uns Unterlegene eine Enttäuschung, die nicht so bald in Vergessenheit geraten wird.

     

    Ich freue mich zu erfahren, dass die Psychoanalyse einen so weiten Raum in Ihrem Interesse einnimmt, u begrüsse Sie in

     

    vorzüglicher Hochachtung

    Ihr Freud

     

    Answered:

    George Sylvester Viereck

     

    [1]          Eingefügt.