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S.
Falzeder:
Semmering
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
20. 7. 1928
Dear Mr Viereck
Ich bin in der Anerkennung Ihrer freundlichen Zusendungen längst im Rückstand und es wäre nicht zu rechtfertigen, wenn ich Sie länger warten liesse. Die Days in Doorn habe ich nicht gleich beantwortet, weil . . . ja weil etwas an diesem Buch mich recht geärgert hat. Ich will Ihre Empfindlichkeiten gerne schonen, wiewol ich zugestehe, dass Sie in Ihrem Verkehr mit mir auffällig wenig Empfindlichkeit gezeigt haben. Beweis einer grossen Toleranz und liebenswürdigen Natur
Ihr Clemenceau hat mir ausserordentlich gefallen. Man verspürt es, so ist der merkwürdige Mann, grossartig und unbekümmert um das, was die Menschen Grösse sein [sic]. In einem langen Gespräch, das ich mit G. Brandes im Jahr vor seinem Tode hatte, kam die Rede auch auf den "Tiger". Ich liess mich hinreissen, ihn den grössten heute lebenden Verbrecher an der Menschheit zu nennen. Ich wusste damals nicht, dass er und Brandes intime Freunde gewesen waren bis, ich glaube, der Weltkrieg sie von einander riss. Der weise alte Mann wies mich nicht zurecht, er drückte mit freundlicher Miene meine Hand, und gieng auf anderes über. Ich verstand, dass er sagen wollte: Lass das, mein Lieber, das verstehst Du nicht. Bei der Lektüre Ihres Interviews wurde ich zu meinem Erstaunen inne, dass ich für diesen gehassten Feind eine tiefe Sympathie empfinden könnte. Als fiele es mir gar nicht schwer, mich in ihn einzufühlen, was mir bei anderen Despoten wie Lenin, Mussolini, nie gelingen will. Ich glaube, die Gemeinsamkeit der Weltanschauung hat mich überwältigt. Kein Groll darüber, dass er von der Psychoanalyse nie gehört haben will.
Den Bericht über den Vortrag von Prof. Herget (Hergott?) mit den eigenhändigen Spuren des Kaisers werde ich gewiss respektvoll aufbewahren. S. M. hat sich sicherlich gefreut, dass meine "Religionspsychologie" nun erledigt ist. Mir ist natürlich nicht unbekannt geblieben, dass die Ansichten besonders von Robertson Smith, auf denen ich baue, nicht ohne Widerspruch geblieben sind. Aber das ist kein Grund, sich von ihnen abzuwenden. Wenn ein B. dem A. widerspricht, so entsteht erst die Frage, wer Recht hat, A oder B, und nur für die, die von Anfang an wollten, dass A. Unrecht haben soll, ist die Frage durch die Tatsache, dass B. widersprochen hat, erledigt. In dem Referat von Herget kann ich kein Anzeichen von besonderer Hochachtung entdecken. Wer den Hund durchaus hängen will, findet leicht einen Strick, sagt das Sprichwort.
Die Memoiren Ihres "Ewigen Juden" sind meines vollsten Interesses sicher. Ich werde sie besonders nach den Richtungen, die Sie selbst andeuten, studiren. Mein Urteil darüber wird nicht viel taugen, denn erstens fallen mir literarische Einschätzungen überhaupt schwer und anderseits wird meine Sympathie für den Autor gewiss meine Kritik fälschen.
Es thut mir leid, dass Sie mich in diesem Jahr nicht besuchen werden. Ich hätte Ihrer lieben Frau ein Bouquet der schönsten in unserem Garten wachsenden Rosen überreicht. Sie hätten die Fortschritte feststellen können, die das Alter in der Zerstörung meiner wertvollen Persönlichkeit zustande gebracht hat. Meine Frauen, auch Ihre angebliche Feindin, hätten Sie Beide herzlich empfangen.
With kindest regards
Yours sincerely
Freud
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