• S.

    Falzeder:

    dz. Tegel - Berlin  14. 5. 1930

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Dear Mr Viereck

     

    Wiederum muss ich Ihnen für die Zusendung eines Ihrer Bücher danken.  Wiederum bin ich in der peinlichen Verlegenheit, dass ich Ihnen kein Wort des Lobes und der Anerkennung sagen kann, weil dies nach den Gesetzen amerikanischen Schrifttums sofort zur Reklame verwendet würde -- was ich nicht vertrage.  Begnügen Sie sich also mit nachstehenden Einwendungen u Ausstellungen, die unter uns bleiben dürfen.

     

    Die Sammlung ist unvollständig; natürlich, das soll kein Tadel sein.  Einige der Grössten fehlen: Edison, Marconi, der eben verstorbene Nansen.  Aber irgend wer hätte dem Herausgeber abraten sollen, zwei so unbedeutende Menschen wie Hirschfeld und Moll aufzunehmen, von denen er letztere noch ein ungewöhnlicher schlechter Kerl ist.  Emil Ludwig halte ich für allzu bescheiden, als dass er sich selbst einen Platz in dieser Galerie zugesprochen hätte.  Em Ende kommt man auf den Verdacht, Bedingung des Einlasses sei das Ausmass des derzeitigen Geredes über eine Person, nicht immer der wirklichen Grösse entsprechend.

     

    Der Inhalt aber -- bald [?][1] liesse ich mich hinreissen und sagte: Wie interessant!  Welche Mannigfaltigkeit, welche Widersprüche und wenn mich die Tyrannei der modernen Relativität nicht schrecken würde, könnte ich auch bewundernd ausrufen: Wieviel Unsinn!  Ich verschweige natürlich, welchem Grossen ich die Palme des Unsinns reichen möchte.

     

    Dass ich mit meinem eigenen Portrait zufrieden sein werde, haben Sie gewiss selbst nicht erwartet.  Wer war denn je mit seinem Portrait zufrieden u hat sich gern in ihm erkannt?  Die Rosen sind allerdings weggeblieben, aber Sie hatten es einmal auf einen sentimentalen Eindruck angelegt u dabei ist es geblieben.  Wenn es nicht so gleichgiltig wäre, was sich die Nachwelt denkt, würde ich beten, dass Gott Ihnen verzeihe, sie [die Nachwelt] so irre geführt zu haben.

     

    Es hat mich amüsirt, dass Sie eine Probe meiner an Ihnen geübten analytischen Deutungskunst mitteilen, mich sagen lassen, Sie suchten mit all diesen Interviews einen Vater.  Aber da Sie nicht so indiskret sein können anzugeben, auf welche Unsicherheit Ihrer Familiengeschichte sich diese Deutung stützt, kommt sie gewiss um alle Wirkung und muss den Lesern sehr seicht und überflüssig erscheinen.  Es ist nicht leicht mit der Analyse umzugehen.

     

    Mit nochmaligem Dank u besten Grüssen, auch an Ihre Frau,

     

    Ihr

    Freud

     

    [1]          Oberer Rand der Kopie "abgeschnitten".