• S.

    Falzeder:

     

    Badgastein 23/8 20

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Dear Mr Viereck

     

    Dank für Ihre freundliche Erkundigung nach der Fleischsendung N 5 Ihrer Unternehmung.  Sie ist endlich angekommen, aber der 9monatliche Transport hatte ihr nicht wolgethan, so dass zwei Drittel der guten Gaben als verschimmelt beseitigt werden mussten.  Was die Hausfrau sehr geschmerzt hat!  Aber unser Dank für Ihre Absicht ist der gleiche.  Ich bitte keinen Versuch eines Ersatzes zu machen; man bekommt jetzt hier alles mögliche für Geld, und es giebt in Wien gewiss Bedürftigere als wir sind.

     

    Sie haben Recht zu vermuten, dass ich nicht nach Amerika zu kommen gedenke.  Die Verleger haben mir zwar eine lecturing tour vorgeschlagen, aber ich bekäme auf geradem Weg doch nicht einmal einen Pass und Gnaden würde ich nicht erbetteln wollen.  Überdiess könnte ich doch nur Deutsch reden, was jetzt nicht gienge.  Und meine Gesundheit ist auch nicht mehr allen Anstrengungen gewachsen.

     

    Dr Tannenbaum, den Sie Ihren Freund nannten, musste ich kürzlich energisch zurückweisen.  Er ist mit einem ungewöhnlichen Mass von Frechheit ausgestattet und scheint zu jenen Juden zu gehören, deren Mission es ist, den Antisemitismus vor dem Erlöschen zu bewahren.

     

    Ihr Brief an den Franzosen ist wiederum glänzend.  Was für grosse und gefährliche Gaben Sie haben!  Bleiben Sie stark genug, allen damit verknüpften Versuchungen zu widerstehen.

     

    In herzlicher Ergebenheit

    Ihr Freud