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S.
Falzeder:
6. XI. 1929
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
Lieber Herr Viereck
Ich danke Ihnen sehr für die Übersendung des Einstein-Interviews. Ich glaube, es ist das beste das Sie je gemacht haben. Sie haben diesen seltenen Menschen, das Echte, Wahrhafte, fast Naive seiner Grösse, seine Freiheit von ungezälten menschlichen Schwächen treffend herausgebracht. Es war schön von ihm, dass er sich so ohne Rückhalt vor Ihnen aufschloss, allerdings im irrigen Glauben, dass Sie auch Jude sind. Sind Sie gewiss keiner, wenigstens von einer Seite? Was macht Sie also den Juden so sympathisch?
Einstein's Stellung zur Psychoanalyse war mir bereits bekannt. Ich hatte vor einigen Jahren eine lange Unterhaltung mit ihm, in der ich zu meiner Belustigung feststellte, dass er von der Psychologie nicht mehr versteht als ich von der Mathematik. Ja ich glaube, ich bin ihm darin vor; während ich wenigstens die Berechtigung des mathematischen Denkens voll einsehe, bestreitet er die Berechtigung der Psychologie. Denn das thut jeder, der etwa in der Endokrinologie eine Konkurrenz der Psychologie erblickt. Man sollte meinen, die Welt unserer Empfindungen, Äusserungen und was dazwischen vorgeht, sei reich und wichtig genug, um eine besondere Wissenschaft -- eben die Psychologie, von der die Analyse die Tiefenforschung ist -- zu rechtfertigen. All dies sog. Psychische ist aber derzeit weder anatomisch, noch chemisch oder organologisch zu erfassen, sondern muss nach den ihm eigenen Gesetzmässigkeiten studirt und verstanden werden. Ihre Landsleute, die Behaviouristen, sind einfältig (silly) genug, um zu glauben, dass sie die Psychologie erledigt haben, wenn sie sich nur um die Reaktionen bekümmern und die Welt der Empfindungen vernachlässigen.
Wenn Einstein meinen Stil und meine Darstellungskunst lobt, zeigt das nur, ein wie wolmeinender Mensch er ist. Er möchte mich anerkennen, für den Inhalt meiner Schriften fehlt im aber das Verständnis. Darum lobt er wenigstens den Stil.
Auch ich habe bedauert, dass ich Sie kein zweites Mal in Berchtg. aufgenommen habe. Wir waren damals in einem Zustand von chronic irritation infolge der unaufhörlichen Besuche, die uns überfielen. Dagegen bedaure ich nicht, dass ich die Kaiserin Hermine nicht kennen gelernt habe. Meine Schülerin, Prinzessin Marie v. Griechenland, die sie in Bchtg. besucht hat, sagte mir, sie sei steif und langweilig.
Ich bin nicht ohne Interesse zu erfahren, ob Ihre Frau sich meinen Rat zu Nutze machen konnte.
Mit herzlichem Gruss
Ihr Freud
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S.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
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