• S.

    Falzeder:

    7. 2. 1928

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Dear Mr Viereck

     

    Sie sind immer interessant.  Natürlich kann ich nicht so leichthin über Ihre Kindheitserinnerugen urteilen, aber ich glaube mit Ihnen, dass Sie Ihren Vater[Rest des Wortes dick durchgestrichen] Komplex gestreift haben.  Wenn Sie den Mythos vom kinderfressenden Kronos, die von[1] mir unlängst (Laienanalyse) erwähnte Angst des Kindes, vom Vater gefressen zu werden und meine Totemtheorie zusammenbringen, werden Ihnen Ihre kannibalischen Sensationen bei Todesfällen doch näher gerückt scheinen.

     

    Unlängst fand ich Ihren Namen im Buch (The Locomotive God) eines Mannes, der auch unter demselben Komplex leidet.

     

    Ihr Artikel über den Besuch beim Papst, musste ein sentiment d'incomplétude zurücklassen.  Aber hoffentlich kommt die Schilderung Ihrer Audienz später.  Keyserling hat Ihnen einige gescheite Dinge gesagt (Ich meine natürlich nicht den Copernicus-Vergleich).  Ich habe ihn zweimal bei mir gesehen, fand einen sehr interessanten Menschen in ihm; seine Weisheit verstehe ich nicht.  Es macht mir den Eindruck, dass er sich sorglos und reichlich widerspricht.  Emil Ludwig hat mich auch einmal besucht.  Wir haben uns wirklich nicht gut vertragen.  Ich machte ihm den Vorwurf, dass er es sich mit einer amateurischen Psychologie bei seinen Helden oder Opfern zu leicht macht.  Während Psychologie eine ernsthafte und schwere Sache ist.  Das Übrige hat dann Ihr im Namen der Analyse und zu Gunsten Ihres Kaisers unternommener Angriff verdorben.

     

    Auf dem Semmering werden Sie mit Ihrer Frau willkommen sein.  Sie werden alle Rosen pflücken dürfen.

     

    Ich grüsse Sie herzlich

    Ihr Freud

     

     

     

    [1]          Dieses Wort eingefügt.