• S.

    Falzeder:

    Answered: George Sylvester Viereck

     

    Grundlsee

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    20. 8. 1930.

     

    Lieber Herr Viereck

     

    Von meinem Fenster übersehe ich das ganze Seebecken dieser herrlichen Alpenlandschaft, mein reizendes Chow-weibchen Yo Fi hat die Schnauze durch das Gitter der Terasse gesteckt u lauert auf interessante Passanten, besonders Hunde, ich habe nichts Ernsthaftes zu thun, bin menschenfreundlicher aufgelegt als sonst u lese darum mit Befriedigung, dass Sie auf dem Land leben, im See und in der Sonne baden usw, bis ich zu den zwei Sekretairinnen komme, die nicht weit von Ihrer Hütte auf Sie warten.  Das ist wieder ganz sinnlos amerikanisch.  Könnt Ihr denn nie Ruhe halten und geniessen?

     

    Zu Ihrem Glückwunsch will ich nur anführen, was unser grosser Wiener Humorist J. Nestroy einmal gesagt hat:  A jed's wird amal Hofrath, nur erlebt er's nit immer.

     

    Ihre literarischen Nachrichten sind diesmal besonders interessant u da Sie mir normale europäische Diskretion zugesichert haben, will ich mich ungehemmt äussern.  Die Germs of Hate habe ich gelesen, habe Ihnen nur nicht geantwortet, weil ich Sie nicht kränken wollte, den Amerikaner meine ich, nicht den Autor.  Ich hätte nur schreiben können: das sind also die Erfolge von einigen Jahrhunderten Freiheit u Demokratie.  Schöne Aussichten für die Zukunft usw.  Die Vorgänge, die Sie beschreiben, haben meine Vorurteile in anderen Punkten schmerzlich berührt.  Sie wissen, ich habe nicht viel deutsche Sympathien gehabt, war eigentlich immer Anglomane u seit dem Ausgang des südafrik. Kriegs bekam ich auch Zutrauen zu den Zielen englischer Staatskunst.  Das Übermass von rücksichtsloser Brutalität, das die Propaganda im Weltkrieg auch bei den Engländern enthüllte, hat mich beinahe auf die deutsche Seite gedrängt.  Wenn Sie nun die deutsche Ausgabe dieses Buch[s] unter Berufung auf meinen seinerzeitigen Essay mir widmen wollen, werde ich es als grosse, nicht ganz verdiente Ehrung annehmen.

     

    Ich bin kein unbedingter Lobpreiser Ihres ewigen Juden, gegen die Salome, sein angebliches Gegenstück fühle ich besondere Antipathie.  Ich meine, es ist kein Zufall u nichts, was man korrigiren soll, wenn die Sage zum Faust, Don Juan u Ahasver keine feminine Ergänzung geschaffen hat.  Dagegen hat Ihre andere Idee, den Rotikokura [?] zum Helden eines satirischen Kulturromans zu machen, sofort bei mir eingeschlagen.  Die Idee mit dem Penisknochen scheint mir wirklich geistreich, eines Swift würdig und wer immer ihr Urheber ist, Sie oder Eldridge, muss sich meine Gratulation gefallen lassen.  Man ahnt auch, dass für sehr viel lustige Einfälle u kluge Gedanken Raum ist in diesem Rahmen.  Somit herzlich gute Wünsche für's Gelingen von Ihrem

     

    Freud