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    [Briefkopf III Berlin] 29. 6. 13.

    Lieber Herr Professor,

    Die Totem-Arbeit habe ich nun zweimal gelesen, mit immer wachsendem Genuß und sich immer verstärkender Überzeugung von der Richtigkeit Ihrer Auffassung. Ich möchte heute nicht auf Einzelheiten eingehen; meinen Dank möchte ich durch den zum Kongreß angekündigten Vortrag abstatten, der einige – wie mir scheint – nicht unerhebliche Ergänzungen zum Thema bringen wird. Für heute will ich nur bemerken, daß ich bei meinen Psychoanalysen ein reiches bestätigendes Material finde. Gerade gestern habe ich etwas mir bisher Unbekanntes gefunden: einen ganz klaren Baum-Totemismus in einer Neurose, während ich bisher immer nur Tiere gefunden hatte. Gerade wie bei den Totem der Primitiven wird es hier evident, daß es sich um etwas nicht so Primäres, Urwüchsiges handelt wie es der Tier-Totemismus ist. In letzter Zeit habe ich kaum eine Zeile schreiben können. Bis zu den Ferien wird der Zehnstundenbetrieb wohl andauern; dabei drücken mich verschiedene längst geplante Arbeiten, die ich der Zeitschrift zuwenden möchte. Die Vorarbeiten zur Habilitations- Schrift absorbieren natürlich die wenige freie Zeit. Für Ihre Mitteilungen über Holland besten Dank! Wir haben in Noordwijk Unterkommen gefunden. Meine Frau reist mit den Kindern am 8. Juli, ich selbst fahre erst 

  • S.

    Ende Juli und bleibe dort bis Ende August. Ich behalte dann vor dem Kongreß noch eine bis eineinhalb Wochen übrig. Sollte es sich mit Ihrem Programm vereinigen lassen, so würde ich mich sehr freuen, Sie irgendwann und -wo zu treffen, aber selbstverständlich dürften Sie sich deswegen in keiner Weise derangieren. Der Tag vor dem Kongreß in München wird ja der leidigen inneren Politik gewidmet sein; nach dem Kongreß werden Sie gewiß, wie ich selbst, möglichst bald heimkehren wollen. Die einzige Gelegenheit für wissenschaftliche Besprechungen wäre also vor München. Vorige Woche bot sich in Berlin einmal die Gelegenheit, öffentlich über Psychoanalyse zu reden. In der »Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft« fand nach einem schlechten Referat von Rohleder eine Masturbations-Debatte statt, in der zuerst Koerber, dann ich die Psychoanalyse nachdrücklich vertrat. Die vorhergehende Woche brachte mir ein paar unerquickliche Tage, als Sachverständigem beim Gericht im Verfahren gegen die »Anthropophyteia«. Was sich irgend Gutes sagen ließ, habe ich gesagt. Aber ich mußte mich leider überzeugen, daß ein Teil der Autoren wissenschaftlich sehr schlecht qualifiziert sind, und gegen Krauss persönlich lassen sich auch ernste Einwände machen. – Heute besuchte mich Bjerre aus Stockholm auf der Reise nach Tirol. Er ist vortrefflich orientiert und ein wirklich ernster, zuverlässiger Mensch; Jung und Adler hat er von sich aus vollständig richtig kritisiert. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr ergebener Abraham