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[Briefkopf VI Berlin] 8. 9. 25
Lieber Herr Professor,
Bereits in Homburg hatte ich einen Bericht über meine Eindrücke vom Kongreß begonnen, den ich Ihnen zusenden wollte. Aber von hundert Dingen in Anspruch genommen konnte ich ihn nicht fertigstellen. Inzwischen haben Sie über das Tatsächliche bereits authentische Berichte erhalten, auch schon die gut gelungene Photographie in Händen. So will ich lieber noch einmal anfangen und nur das herausheben, was ich vielleicht etwas anders sehe als Ihre Berichterstatter. Vorab die Versicherung, daß der Kongreß wissenschaftlich auf zufriedenstellender Höhe stand und daß überwiegend Gutes zu berichten ist. Der Besuch war stärker als in Salzburg, vor allem auch internationaler. Amerika war stark vertreten, und – zu meiner Freude – erwiesen sich einige der Kollegen als tüchtiger und besser unterrichtet als wir geglaubt hatten. Den gediegensten Eindruck hatte ich von Coriat; die Vorträge der andern waren geringer, immerhin bei Pierce Clark ein interessanter Kern. Unter den sonstigen Vorträgen war nur ein einziger -
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wirklich schlecht, nämlich Groddeck, der bei seinem ersten Auftreten so sprühend gedankenreich erschien und dieses Mal von einer unsäglichen Plattheit und Eintönigkeit war. Vortrefflich sprachen Reik, Ophuijsen, Reich, Alexander und Roheim. Ferenczis neue Stellungnahme zu Fragen der Therapie bedeutete eine Annäherung, die mich sehr erfreute, aber sein Vortrag war dieses Mal nicht so reich an originellen Ideen wie sonst. Rank hat sich in anerkennenswerter Weise bemüht, uns andern näher zu kommen, und wir haben unsrerseits, glaube ich, seine Absicht gut unterstützt. Am Bankettabend hatte ich eine längere Aussprache mit ihm, die sicher von guter Wirkung für unser zukünftiges Verhältnis sein wird. Nur konnte ich ihm eines nicht sagen: daß er mir auch jetzt durchaus krank erscheint. Er trug seinen Vortrag in einem rasenden Tempo vor, sodaß niemand folgen konnte, und wieder waren alle Behauptungen in die Luft gestellt, ohne das geringste Beweismaterial. Dazu die euphorische Stimmung und die abermalige Amerika-Reise. Alles in allem heißt das für mich: ein neuer manischer Zustand, dieses Mal allerdings mehr mit euphorischer als mit reizbarer Färbung. So konnte ich dieses Zusammenseins nicht wirklich froh werden.
Seine neue Amerika-Fahrt ist den Amerikanern -
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sehr unwillkommen und wäre sicher besser unterblieben. Eine meiner hauptsächlichen Bemühungen auf dem Kongreß war die Herstellung guter persönlicher Beziehungen zu den Amerikanern, nicht nur um ein Gegengewicht gegen die peinlichen Vorfälle des letzten Jahres (Ranks Auftreten, der Fall Newton etc.) zu schaffen, sondern um den Sezessionsgelüsten entgegenzutreten. Ich glaube, daß die geschäftliche Sitzung sehr viel dazu beigetragen hat. In der Frage der »lay-analysts« ist eine Annäherung erzielt. Der Antrag auf möglichst gleichmäßige Ausbildung der Analytiker in
verschiedenen Ländern fand sehr viel Verständnis, und streng durchgeführte Forderungen in diesem Sinne würden viel besser wirken als gedruckte Aufnahme-Paragraphen. Günstig wirkte, daß Federn die in Wien gemachten Fehler freimütig zugab, und daß ich immer wieder zur Rücksichtnahme auf die andern Verhältnisse in andern Gruppen aufforderte. Auch die Frage der Dis-
kussionen auf künftigen Kongressen wurde in ganz günstiger Weise geregelt. Meine Wiederwahl erfolgte in einer Form, die ich durchaus als einen Vertrauensbeweis betrachten darf. Daß statt des -
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bisherigen »Beirats« der sämtlichen Gruppenpräsidenten zwei Beisitzer eingesetzt wurden, bot mir die willkommene Gelegenheit, Hitschmann als Beisitzer in den Vorstand zu bringen.
Aber nun komme ich zum Besten des ganzen Kongresses. Die Nachricht, daß Fräulein Anna eine Arbeit von Ihnen verlesen werde, rief zu Anfang des Kongresses eine spontane Freudenäußerung hervor, die Sie hätten beobachten müssen! Durch die sehr klare Vortragsweise kam der Inhalt voll zur Geltung; aber nicht der wissenschaftliche Inhalt gab dem Kongreß einen glänzenden Auftakt. Die persönliche Note gewisser Gedankengänge rief bei uns allen eine starke Bewegung hervor. Die gleichzeitig verteilte Imago-Nummer mit drei Beiträgen von Ihnen verstärkte den Eindruck, daß die eineinhalb Jahre seit dem vorigen Kongreß einen ungeheuren Fortschritt Ihrer Gesundheit und Arbeitsfrische bedeuten.
Unmittelbar vor dem Kongreß erschien in der Frankfurter Zeitung ein Artikel von Drill, der sich zur Psychoanalyse in höchstem Maße anerkennend stellt, sie nur nicht an die Religion rühren lassen will.
Im Ganzen bin ich von dem Kongreß also befriedigt. Ich verstand übrigens gut, warum Sie sich ferngehalten haben. Ich habe wirklich ein paar strapaziöse Tage -
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durchgemacht. Alle die Leute, die einen auf eine »halbe Minute« sprechen wollen, muteten mir ein Quantum von Sprechleistung zu, das mir sehr schwer fiel, und ich brauche jetzt einige Tage, um meine Atmungsorgane wieder zu erholen. Ich muß übrigens sowieso eine Nasen- und Halsbehandlung bei Fließ durchmachen. Würde dieser Brief nicht schon übermäßig lang, so würde ich Ihnen gern berichten, wie meine Krankheit in geradezu frappanter Art alle Fließschen Ansichten von der Periodizität bestätigt hat.
Ich habe noch auf den Streitfall mit Storfer und Bernfeld einzugehen. Ich habe auf jede Weise versucht, den Frieden herzustellen und nicht zum wenigsten bei diesen stundenlangen Bespre-
chungen mich mehr angestrengt als mir gut war. Aber der Erfolg war negativ. Storfer verhielt sich schroff ablehnend. Bernfeld gab den von ihm und St. gemachten Fehler offen zu, im weiteren aber erhielt ich von ihm einen recht schlechten Eindruck. Mit dem Versprechen phantastischer Dollar-Summen wollte er mich bewegen, den von mir im Juli unterzeichneten Vertrag nicht zu achten, um an seinem Projekt teilzunehmen. Als ich ihm zeigte, daß das juristisch und -
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moralisch gleich unzulässig sei, fing er an, mir Vorschläge dafür zu machen, die ich nur als dirty tricks bezeichnen kann. Wie ich höre, scheint er sich nachträglich anders zu stellen. Aber mein nie sehr günstiges Urteil über ihn hat sich bestätigt. So wenig wie ich ihm je ein Kind als pädagogisches Objekt anvertrauen möchte, so wenig erwarte ich sonst Gutes von ihm. Glück-
licherweise scheint sich eine Kontroverse in der Presse vermeiden zu lassen. In einer Besprechung wegen unsres Films heute Abend werde ich nochmals darauf hinwirken. Übrigens will ich noch einmal betonen, daß Sachs viel zu viel Affekt an diese Sache verwendet hat, wodurch vielleicht manches erschwert worden ist. Aber ich meine, daß dies nicht in Betracht kommt neben dem ganz unfairen Vorgehen der andern Seite. Wie Sie von Eitingon gehört haben werden, hat Storfer demissioniert. Aber in allen den Verlag angehenden Fragen hat er sich so ins Zeug gelegt, als wenn er in alle Zukunft an seinem Platz bliebe. Ob man sein Gehen oder Bleiben wünschen soll, ist sehr zweifelhaft. An Eifer und guten Ideen wird es ihm nicht leicht einer gleichtun. Anderseits ist er sicher schuld an den immer wiederholten Finanznöten des Verlags; zum Kalkulieren ist er offenbar -
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nicht fähig. Und daß alle mit ihm stets unter Beachtung seiner krankhaften Empfindlichkeit verkehren müssen, ist auch nicht sehr angenehm.
Ich nehme meine Arbeit allmählich wieder auf, zunächst mit einigen Stunden am Tage. Nach den Monaten wissenschaftlicher Sterilität will ich jetzt zunächst einen kleinen Aufsatz kriminalpsychologischen Inhalts schreiben (Geschichte eines Hochstaplers).
Im Berliner Tageblatt fand ich die beiliegende kleine Geschichte, die von Interesse ist als Beweismittel für die Natur der »Ahnungen« als Wünsche. Nur müßte man wissen, ob sie authentisch ist.
Und nun noch alle guten Wünsche für den Rest des Semmering-Aufenthaltes Ihnen und den Ihrigen und herzlichste Grüße!
Ihr Karl Abraham -
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Der Traum.
Die Frau eines Bergmannes hatte eines Nachts einen schreck-lichen Traum. Sie träumte, daß die Wände des Grubenganges, in dem ihr Mann arbeitete, zusammenbrachen, so daß alle Bergleute verschüttet wurden. Sie sah im Traum, wie man die Leichen, schrecklich verstümmelte, zutage förderte, und auch ihr Mann, den sie liebte, war darunter.
Als sie am Morgen erwachte, beeilte sie sich, den Traum ihrem Manne zu erzählen, und dann beschwor sie ihn, an diesem Tage nicht in die Tiefe zu fahren, da sie wisse, daß ihm Verderben drohe. Der Mann lachte erst und suchte die Ahnungen seiner Frau zu verscheuchen; dann aber, als sie nicht abließ, ihn anzuflehen, erklärte er sich bereit, an diesem Tage die Arbeit auszusetzen und bat seine Frau, ihn auf dem Geschäftszimmer krank zu melden.
Er genoß das Licht das Tages, das er fast immer entbehren mußte, sah von seinem einsamen Zimmer sehnsüchtig in die Landschaft, und als es dunkelte, setzte er sich auf die Ofenbank und stieß blaue Tabakwolken, die er aus seiner Pfeife zog, vor sich hin. Da trat sein Weib ins Zimmer und sagte ernst:
»Das Unglück, das ich im Traume sah, ist eingetroffen.« »Nein,« sprach er, »du scherzest!«
»Ich scherze bei Gott nicht. Ein Grubengang ist eingestürzt; glücklicherweise ist niemand ernstlich verletzt. Deine Kameraden sind schon zutage gefördert, sie sind wohlauf, nur einige haben harmlose Verwundungen davongetragen. Wie gut, daß du auf meine Bitte zu Hause geblieben bist – wer weiß, ob dir das Schicksal auch so hold gewesen wäre wie den anderen.« -
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Er lehnte sich verwundert, erfüllt von Gefühlen der Dankbarkeit, gegen den Ofen zurück.
Da stürzte ein Plätteisen, das seine Frau oben auf die Kante des Ofens gelegt hatte, herab, ihm mit der Spitze gerade auf die empfindlichste Stelle der Schädeldecke, so daß er mit einem leisen Schrei umsank und auf der Stelle verschied.
Hans Bethge.
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Villa Schüler
Semmering 2680
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