• S.

    Grunewald, 4. 5. 25

    Lieber Herr Professor,
    Ihr Geburtstag steht vor der Tür, und da es mir auch in diesem Jahre nicht möglich ist, Ihnen persönlich meine guten Wünsche darzubringen, so geschieht es wiederum auf brieflichem Wege (und mit dem Verzicht auf briefliche Antwort!). Wenn auch Ihr Gesundheitszustand noch oft zu wünschen übrig läßt, so glaube ich doch, daß der Fortschritt zum Guten seit dem letzten Geburtstag nicht zu verkennen ist. Möge also das neue Lebens- jahr in beschleunigtem Tempo auf dem guten Wege fortfahren! Damit Sie auch am Geburtstag hören, daß in Berlin in psychoanalytischen Dingen kein Stillstand eintritt (wovon Ihnen ja auch Eitingon berichten wird), will ich Ihnen erzählen, daß ich außer den drei Vorträgen in Berlin über »Verbrechen« in diesem Monat noch drei Vorträge in Holland zu halten habe, und zwar einen im Haag (Medizinische Gesellschaft) über »Das hysterische Symptom«, zwei in Leiden vor Psychiatern über »Psychoanalytische Behandlung schizophrener Zustände«.
    In der Berliner Medizinischen Gesellschaft hat Moll eine

  • S.

    Attacke voll übelster Gehässigkeit gegen die Psychoanalyse gerichtet. Wir haben überhaupt nicht reagiert und freuen uns dessen. Kraus als Vorsitzender hat in sehr loyaler Weise M’s Verhalten zurückgewiesen, und die Zuhörer waren insgesamt von M’s taktlosem Vorgehen peinlich berührt. Er hat uns indirekt genützt statt zu schaden. Das Verhalten des Vorsitzenden und der Versammlung ist auch ein Zeichen der Zeit.
    Von uns wäre zu melden, daß meine Tochter ins letzte Gymnasialjahr eingetreten ist. Im Sommer wird sie die Ferien mit einer Freundin in der Westschweiz zubringen. Gerd hat bereits die Größe seiner Schwester und Mutter erreicht. Er entwickelt sich intellektuell wie körperlich sehr zu unsrer Freude. Im Sommer gedenke ich mit ihm eine hochtouristische Tournee durch Berner Oberland und Wallis zu machen. Meine Frau will mich nach dem Kongreß für kurze Zeit nach Paris begleiten und dann einige Wochen in Italien zubringen.
    Wenn alles nach Wunsch geht, hoffe ich Sie, lieber Herr Professor, und die Ihrigen in genau vier Monaten in Homburg zu sehen. Nehmen Sie alle von uns allen recht herzliche Grüße! Mit vielen guten Wünschen
    Ihr Abraham