• S.

    Allenstein, 2. 11. 17. Lieber Herr Professor, Die großen Ereignisse der letzten Tage lenkten meine Gedanken oft nach Wien. Ich will heute zuerst der Hoffnung Ausdruck geben, daß Ihre Söhne unversehrt geblieben sind! Gewiß haben sie große Strapazen durchzumachen gehabt. Möchten wir dieses Mal die Früchte des beispiellosen Erfolges bald in Gestalt eines günstigen Friedens pflücken können! Nun muß ich Ihnen für Ihren letzten Brief nebst Illustrations- Beilage danken. Damit Sie sehen, daß ich nicht immer bloß Gutes entdecke, will ich den Eindruck hervorheben, daß die drei Kriegsjahre auch an Ihnen offenbar nicht spurlos vorübergegangen sind. Ganz unberührt an Körper und Seele ist wohl keiner von uns geblieben. Sie würden auch mich stark ergraut und – trotz ausreichender Ernährung – an Volumen reduziert finden. Ihr Bild finde ich – abgesehen von den Veränderungen, für die der Photograph nicht verantwortlich ist – im übrigen gut. Vielleicht habe ich Gelegenheit, auch einmal ein Bild zu senden. Verändert ist ja jetzt so manches. Wo mag z.B. in den letzten Tagen Casimiros Mut geblieben sein? Wie geht es Ihrem Ernst, der zur Zeit Ihres Briefes zur Erholung zu Hause war, und wie Ihnen und den Ihrigen allen?

     

  • S.

    Ihr Brief enthielt einiges Erfreuliche: daß Sie wieder mit alter Arbeits- kraft am Werke sind, daß Ferenczi einer Wunscherfüllung entgegengeht und daß die holländischen Kollegen so eifrig bei der Sache sind. Nicht ganz verständlich war mir eine Andeutung von der »Lamarck-Arbeit«. Was ist’s damit? Sie hatten mir davon bisher nicht geschrieben, meinten aber offenbar, es doch schon getan zu haben. Auf Tausks Bemerkungen zu meiner letzten Schrift bin ich gespannt. Seine Arbeit über Desertion gefällt mir bisher nicht; sie ist zu wortreich und zu wenig konzentriert. Übrigens werde ich jetzt meine gerichtlich-psychiatrischen Erfahrungen der letzten zwei Jahre über dieses Thema bearbeiten, aber nicht psychoanalytisch, sondern als Habilitationsschrift, um nach dem Kriege mein Glück zu versuchen. Das letzte Mal vergaß ich, Ihnen einen interessanten Lapsus von Bleuler mitzuteilen. In seiner Schrift über »Physisch und Psychisch« hatte er aus der Traumdeutung einiges unrichtig wiedergegeben. Ich verwies ihn auf die neu erschienenen »Vorlesungen« über den Traum. Nach Lektüre der letzteren schreibt Bleuler u.a.[:] »Freud hat viele Jahre in dem Sinne, wie ich es dargestellt habe, bloß die psych.[ischen] Zusammenhänge aus den Träumen beobachtet und das andre geflissentlich und bewußt ignoriert. Seine neuste Publikation habe ich erst gestern fertig gelesen; da kommt er nun allerdings viel mehr auf andre Zusammenhänge, die seine früheren Theorien

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    teils ergänzen, teils abschwächen; aber ich muß sagen, seine frühere geniale und kraftvolle Einseitigkeit hat mich mehr gehindertimponiert als die jetzige Zurückhaltung . . . .« (Der Brief ist mit Maschine geschrieben; das oben mit Bleistift Geänderte ist im Original handschriftlich korrigiert. Ist die Korrektur nicht sehr instruktiv? Imponiert statt gehindert! Gehindert hat sie ihn tatsächlich, da sie seinen Ehrgeiz verletzte!) Kürzlich bekam ich eine sehr interessante Schrift von Fließ zugesandt; sie enthält glänzende neue Beobachtungen über einen Hypophysis-Symptomenkomplex. Interessiert sie Sie? Dann könnte ich sie Ihnen senden. Unser Leben ist hier keinen großen Wandlungen unterworfen. Meiner Frau und den Kindern geht es gut. Hoffend, bald wieder Gutes über Ihrer aller Ergehen zu hören, bin ich mit herzlichsten Grüßen von meiner Frau und mir Ihr Karl Abraham