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[Briefkopf VI Berlin] 16. 10. 23
Lieber Herr Professor,
Während der verflossenen Tage wurde ich durch einen förmlichen Wetteifer von Rank, Lampl und Deutsch über Ihr Ergehen auf dem laufenden gehalten. Heute ist Lampl zurückgekehrt und hat mir ausführlich berichtet. Das ist ein außerordentlicher Tag der Freude, und nun, da ich weiß, daß wirklich aller Grund zu einer optimistischen Auffassung vorliegt, muß ich Ihnen und den Ihrigen aus vollem Herzen Glück wünschen. Sie wissen, daß ich der Schwarzseherei abgeneigt bin, und so hatte ich mich in den Tagen der Sorge doch immer an einen bestimmten Eindruck halten können, nämlich an die ungebrochene Frische, in der ich Sie noch vor kurzem gesehen. Und diese Zuversicht hat mich nicht getrogen. Aber ich atme erleichtert auf, da ich nun weiß, daß das Erhoffte Wirklichkeit ist. Nach den Berichten scheint es, als ob Sie auch nicht allzu schwer unter den direkten Folgen der Operation leiden müssen. Also wollen wir alle, die an Ihnen hängen, uns ganz der Freude über das große Geschenk des Schicksals hingeben! Ich habe Auftrag, Ihnen auch von meiner Frau, Tochter und Sohn viele gute Wünsche zu übermitteln.
Rekonvaleszenten in jedem Alter gibt man Bilder zum Beschauen und Angenehmes zum Lesen. Ich sende daher als Drucksache eine Anzahl neuer ägyptischer Bilder, die -
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Ihnen vielleicht schon jetzt, sonst etwas später, Freude machen werden, und will Ihnen jetzt noch ein paar erfreuliche Dinge berichten.
Gestern Abend – ich konnte darüber im Rundbrief nicht mehr berichten – hat Sachs seinen Kurs über psychoanalytische Technik begonnen, während wir andern erst in ca. 14 Tagen anfangen. Er hatte ca. 40 Zuhörer, eine sehr schöne Zahl für einen derartigen Kurs. Ich selbst werde meinen Kurs (Einführung), der vorigen Herbst schon 80-90 Hörer hatte, nicht mehr in den beschränkten Räumen der Poliklinik halten, sondern in dem gegenüberliegenden, staatlichen »Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht«.
Erfreuen wird es Sie, daß Frau Dr. Deutsch jetzt so weit ist, daß sie tüchtig wissenschaftlich arbeitet und an ihrer Untersuchung über die Psychologie der Frau schreibt. Außerdem hat sie einen kleinen Artikel fertiggestellt, der wohl bald an die Zeitschrift gehen wird. Am Samstag haben wir Sitzung. Sachs und Radó referieren über Ich und Es. Der Eifer in unsrer Gruppe kann nicht besser erwiesen werden als durch die Tatsache, daß unsre auswärtigen Mitglieder – Foerster aus Hamburg, Frau Dr. Happel aus Frankfurt, vielleicht auch Frau Dr. Benedek aus Leipzig – eigens dazu nach Berlin kommen.
Ich höre weiter von Deutsch über Ihr Ergehen, lieber Herr Professor, und werde selbst wieder schreiben, sobald es etwas zu schreiben gibt.
In froher Zuversicht
Ihr Karl Abraham
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