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Allenstein, 18. 3. 17. Lieber Herr Professor, Seit ich Ihnen das letzte Mal schrieb, habe ich zwei neue Produkte Ihrer Tätigkeit in diesen für unsre Wissenschaft so ungünstigen Zeiten kennen gelernt. Die »Typen« in der Imago, beson- ders die Shakespeare - und Ibsen-Analyse haben mich sehr interessiert und vollkommen überzeugt. Die andre Schrift, die Sie mir im Korrektur-Abzug sandten, hat mich ganz besonders erfreut, nicht bloß durch ihren Gedankengang, sondern am meisten als persönliches Dokument. Es ist jammervoll, daß es in absehbarer Zeit gar keine Möglichkeit zum Wiedersehen und zur Aussprache über so vieles gibt. Nach dem neusten Aufsatz reizt es Sie vielleicht doch, einmal in diesen äußersten Nordostwinkel Deutschlands zu kommen, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Kollege Kopernikus Jahre lang in Allenstein gelebt hat. Das interessante Ordensritter-Schloß hier enthält noch einige Erinnerungen an ihn. Es beschämt mich außerordentlich, so wenig produktiv sein zu können. Wenigstens habe ich jetzt wieder einen ganz kleinen Beitrag für die Zeitschrift unter der Feder; er wird vom »Geld- Ausgeben im Angstzustand« handeln, einem Phänomen, das Sie vermutlich auch bei Ihren Patienten analysiert haben werden. Ich will, wenn ich Zeit finde, alte
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Notizen zu verarbeiten versuchen. Eine kleine Abwechselung in unser Dasein brachte kürzlich eine mehrtägige Reise mit meiner Frau nach Königsberg. Meine Frau mußte zu Einkäufen dorthin fahren, und ich benutzte die Universitätsbibliothek. Ihnen und den Ihrigen allen geht es hoffentlich weiter gut. Wie haben Ihre Söhne an der Alpenfront den Winter überstanden? Hier war und ist der Winter von ungewohnter Hartnäckig- keit, die mir auch gesundheitlich nicht förderlich war. Den Kindern geht es gut; sie machen in der Schule gute Fortschritte. Unser Junge – sechseinhalb Jahre – hat meiner Frau kürzlich die beruhigende Zusicherung gegeben, daß er sie im Falle meines Todes heiraten werde. Von Reik hörte ich aus Montenegro, sonst von niemandem. Aber eines Tages werden sich die Verbindungen wieder anknüpfen. Daß ich im Augenblick, der uns zu normalen Verhältnissen zurückführt, alle Mann wieder zusammen trommle, darauf dürfen Sie sich verlassen. Wer weiß, was die nächsten Wochen bringen? Auf alle Fälle wollen wir’s Casimiro nachtun! Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus Ihr Karl Abraham 545 Als ich in Königsberg in der Bibliothek etwas nachschlug, ver- langte jemand gerade eins Ihrer Bücher. Es war merkwürdig, wie ich gerade Zeuge war, als der Bibliothekar darüber Auskunft gab.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6