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    [Briefkopf V Berlin] 1. 5. 20

    Lieber Herr Professor,
    Dieses Mal sollen Sie nicht lange auf Antwort warten. Der heutige Feiertag schränkt meine Tätigkeit ein, und nachdem ich soeben die Referate für den Jahresbericht beendet habe, will ich wieder mit Ihnen »Nervenanhang« nehmen und damit beginnen, Ihnen zum 7.2 so viel Gutes zu wünschen, wie diese Zeiten es nur irgend zur Erfüllung bringen können. Die Überlastung mit andern Aufgaben machte es mir unmöglich, Ihnen in diesem Jahre wieder einen psychoanalytischen Beitrag als Gabe zu bringen. So will ich Ihnen wenigstens etwas berichten, worauf ich jetzt schon einige Hoffnung setze. Vor vier Monaten hatte ich im Kultus-Ministerium von dem zuständigen Geheimrat den Auftrag erhalten, eine Denkschrift wegen Einführung der Psychoanalyse als Lehrfach an der Universität von unserm Verein einreichen zu lassen. Er riet mir, darin die ersten Erfahrungen der Poliklinik bezüglich Krankenzustrom und Lehrkurse zu verwerten. Ich habe das getan; als aber die Schrift fertig war, kam der militaristische Putsch, und die anschließenden Wirren waren einer Prüfung unsrer Sache nicht günstig. So bin ich erst gestern wieder zum Ministerium gegangen, um mit dem gleichen Dezernenten bei Überreichung der Denkschrift nochmals zu sprechen. Die Aufnahme war sehr freundlich, was Sie nur verstehen können, wenn ich hinzufüge,

     

  • S.

    daß wir seit der Revolution Geheimräte von 30-40 Jahren in den Ministerien neben den alten haben. Aus der Hand des Dezernenten geht die Schrift an den Minister selbst. Mitte nächster Woche, wenn dieser sie gelesen hat, werde ich eine Unterredung mit ihm nachsuchen. Der Minister (Haenisch) ist an allen Neuerungen sehr interessiert. Er gibt die Sache an die Fakultät zur Begutachtung. Die ausschlaggebenden Leute derselben, Bonhoeffer, Kraus und His, suche ich persönlich auf. Nur wenn das Gutachten mit unwiderleglichen Gründen unsern Antrag völlig abtut, wird das Ministerium ihn ablehnen. Nach der mir gegebenen Zusicherung besteht aber die Hoffnung, daß eine einfach unfreundlich-ablehnende Haltung der Fakultät ohne Wirkung auf die Entscheidung bleiben würde, daß diese also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit günstig ausfallen wird. Es handelt sich nicht um die Zulassung meiner Person zur Habilitation, sondern um die Errichtung eines Lehrstuhls für Psychoanalyse, also eine außerordentliche Professur. Fast zu schön, als daß man daran glauben möchte!*) Auch ich bedaure sehr das Mißgeschick, das mich Ostern nicht reisen ließ. Nun machen Sie mich gespannt auf Ihren Ferien- Arbeitsplan! Vor dem Herbst ist wohl an ein Wiedersehen nicht zu denken, d.h. also zum Kongreß. Bis dahin muß man sich mit der jetzt so schwerfälligen Korrespondenz begnügen.

  • S.

    Danken muß ich Ihnen noch für Ihre Empfehlung in zwei Fällen, die in meine Behandlung kommen sollen. Die Praxis ist dauernd sehr lebhaft und, bei erhöhten Honoraren, dem Scheine nach recht einträglich, aber das Erworbene zerfließt unter den Händen.

    *) Möglicherweise wird das Ministerium noch eine offizielle Anfrage bezüg- lich der für die Professur geeigneten Personen an Sie, lieber Herr Professor, richten. Hoffentlich scheitere ich nicht an dieser Klippe!

    Inzwischen haben wir Ernsts Braut kennen gelernt. Sie ist ein feiner, kluger Mensch, der uns sehr zusagt. Ihre Gattin hoffen wir zu sehen, wenn sie von Hamburg zurückkommt. Ernsts Tüchtigkeit haben wir nun auch privatim anerkennen gelernt. Er besorgt die Neueinrichtung meines Wartezimmers mit großem Geschick und Geschmack.

  • S.

    An eine Ferienreise denken wir dieses Jahr nicht. Wir können auch besser als viele andreohne Reise auskommen, da wir außerhalb der Stadt und ganz im Grünen wohnen. Ich werde aber ein paar Wochen im Juli ausspannen.
    Morgen sende ich die Referate an Rank.
    Mit herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau,
    Ihr Karl Abraham