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15. X. 26
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19Lieber Herr Doktor
Ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu schreiben, nicht ein Wort überflüssigen Beileids, sondern - ja eigentlich nur aus innerem Drange, weil Ihr Brief eine Erinnerung in mir geweckt hat - unsinnig! - die ja nie eingeschlafen war. Es ist richtig, ich habe eine geliebte Tochter im Alter von 27 Jahren verloren, aber dies vertrug ich merkwürdig gut. Es war das Jahr 1920, man war zermürbt - durch das Kriegselend durch Jahre, darauf vorbereitet, zu hören, daß man einen Sohn oder gar drei Söhne verloren hat. So war die Gefügigkeit gegen das Schicksal vorbereitet. Aber zwei Jahre später brachte ich das jüngere Kind dieser Tochter, ein Karlchen von 3-4 Jahren nach Wien, wo es meine Kinderlose älteste zu sich nahm, und dieses Kind ist uns - Juni '23 - an rapid verlaufender Miliartuberk. gestorben. Es war geistig hoch -
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entwickelt, sodaß der Konsiliarus darauf sogar die noch unsichere Diagnose stützte. Mir stand es für alle Kinder u anderen Enkel, und seither, seit Heineles Tod, mag ich die Enkel nicht mehr, aber freue mich auch nicht am Leben. Es ist das auch das Geheimnis der Indifferenz - Tapferkeit hat man es genannt - bei meiner eigenen Lebensgefahr. Mein Schicksal hat ja eine Ähnlichkeit mit dem Ihren, auch bei mir ist das Neugebilde nicht wiedergekommen. In dem anderen Punkt, hoffe ich, werden Sie sich der Ähnlichkeit entziehenSie sind jung genug um den Verlust zu überwinden; ich muss ja nicht mehr. Wenn Sie im Sept. 27 nach Wien kommen, u ich noch da bin, so bin ich nicht in Wien, sondern auf dem Semmering wie die letzten Jahre. Dann kommen Sie hinauf.
Mit herzlichem Gruß für Sie und Ihre Frau
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Brückenstrasse 9
Sanatorium Bellevue
Kreuzlingen 8280
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C17F30