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S.
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
11.4.1929
Lieber Herr Doktor
Ich weiß nicht war es 1912 oder 1913, daß ich Sie aufsuchte und Sie so tapfer fand daß Sie sich für immer eine hohe Stelle in meiner Achtung erwarben. Die Jahre seither haben, wie Sie wißen einen ziemlich bresthaften alten Mann aus mich gemacht. Ich kann nicht mehr reisen, um Ihnen die Hand zu drücken.
12.4.29
Grade heute wäre meine verstorbene Tichter 36 Jahre alt geworden. Ich war gestern in Gefahr einen bösen mißgriff zu begehen. Ich begann Ihren Brief zu lesen, entdeckte einzelne liebe Worte, die ich nicht gern gemißt hätte, stand aber nicht einen Satz zusammen zu fügen, und je weiter ich kam, desto rätselhafter wurden mir ihre Schriftzeichen. Ich überlegte ob ich Ihnen nicht ihren xxxx Brief zurückschicken sollte mit einem scherzhaften Ausdruck der Entrüstung und der Bitte ihn umgeschrieben wieder wiederzusenden. Da bot sich meine Schwägerin zur Hilfe an und gab mir die erschütternde Auskunft, welche Nachricht die späteren Seiten des Briefes enthalten. Dann begriff ich auch warum Sie sich diesmal nicht des Diktates in die Machine bedient hatten.
Man weiß, daß die akute Trauer nach einen solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz zu finden. Alles was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art die Liebe fortzusetzen, die man nicht aufgeben will. -
S.
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