• S.

    27.3.13

    PROF. DR. FREUD                    WIEN, IX BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Es gilt Sie kommen mit Halberlin im

    April zu mir, so daß ein Sonntag in

    Ihre Anwesenheit fällt. Welcher, ist

    mir ganz gleich. Ich werde mich auf das

    sympathische Ensemble sehr freuen. Man

    soll sich von Zeit zu Zeit sehen, Brief=

    verkehr ist kein Ersatz. Die Revanche für

    meinen Pfingstbesuch ("Die Geste von

    Kreuzlingen") ist eine schöne Idee von

    Ihnen. Wieviel erfreulicher steht aber

    alles bei Ihnen als damals.

    Ich habe in der Zwischenzeit soviel äusser=

    lich u innerlich erlebt, daß Sie sich's leicht

    erklären werden, mich gealtert zu finden.

    Der Kern ist glaube ich machmal, noch gut;

    andere Male zweifle ich auch daran.

    Die Verzerrung meiner PA sind

    mir natürlich nicht gleichgiltig. Ich sage

    mir dann, daß ich mich for ihre weitere

    Schicksäle nicht verantwortlich halten

    kann u daß es den vielen Feinden unter

    den "Anhängern" vielleicht doch nicht

    gelingen wird, sie ganz ad absurdum

    zu führen.

  • S.

    Meine Frau wird allerdings abwesend

    sein, wenn Sie kommen, sie ist in Hamburg

    bei unserer jüngstverheirateten Tochter

    angesagt. Aber meine Schwägerin wird

    das Haus repräsentieren und Ihnen unser

    Bedauern ausdrücken, daß unsere

    Gastfreundschaft keinen Vergleich

    mit der auf Bellevue und Brunegg (?)

    aushalten kann.

    Seien Sie also mit Ihrer ganzen

    jetzt schon respektablen Familie

    herzlich gegrüßt von Ihrem

    Getreuen Freud

     

    P.S. Bringen Sie vielleicht Ihre Arbeit mit?

    für den versprochenen Beitrag vielen

    Dank. Wir sind schon daran gewöhnt,

    von den Schweizern nichts für unsere

    Zeitschrift zu erwarten.