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                                            1.1.13

    PROF. DR. FREUD          WIEN, IX. BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Herzliche Wünsche aus dem neuen Jahr! Möge

    es Ihnen die Überwindung unserer

    Besorgnisse bringen!

    Dank für Ihre Mitteilung über den Fall

    Dietzgen. Sie haben richtig erwartet, daß

    sie mir keinen tiefen Eindruck machen

    wird. Sie umfasst doch nur das äußerliche

    Gehaben der Frau. Alle tieferen Motiv=

    ierungen entzieht sie den Ärzten, u das ist

    doch karakterisch genug. Mag die Motiv=

    irung eines Straflebens gegen den Mann

    richtig sein, die Art der Reaktion ist

    doch ganz karakterisch erotomatisch.

    Die "einfache" Psychopathie ist warscheinlich

    nicht so einfach.

    Mein Schwindelanfall in München ist

    sichetlich psychogen provozirt gewesen

    und somatisch sehr gut unterstützt. (Durch

    eine Woche großer Plackerei, schalflose

    Nacht, Migrainenequivalent, die Aufgaben

    des Tages). Ich hatte schon mehrere solche

    Zustände, jedesmal ähnlich gestürzt, oft durch

    eine Spur Alkohol gegen den ich ganz intolerant

    bin. Zum Psychischen gehört, daß ich in

  • S.

    demselben Lokal in München bereits zwei=

    mal, vor 6 und 4 Jahren, ganz ähnlich reagiert

    habe. Eine ernstere Bedeutung etwa auf

    Herzschwäche scheint bei der strengsten Kritik

    nicht recht haltbar. Zurückgehaltene Gefüle

    diemal gegen Jung wie früher gegen einen

    Vorgänger von ihm, spielen natürlich die

    Hautrolle.

    Das in München hergestellte Einvernehmen

    wird kaum von langer Dauer sein. Sein

    Benehmen schließt es aus. Ich will auf

    jede Art persönlicher Beziehung zu ihm

    gerne verzichten u nur die Vereins=

    gemeinschaft aufrecht halten. Ich wußte ü

    brigens nicht, was an meinem Besuch in

    Krenzlingen ihn so aus dem Gleichgewicht

    gebracht hatte. Dort sagte er's dirket er

    habe angenommen, ich konspirire gegen ihn mit seinen Feinden, Ihnenen und

    Halberlin! Ich bitte Sie durch strenge

    Diskretion in allem, was mich u ihn

    betrifft, die Entwicklung des Prozesses

    zu verzögern.

    Mit herzlichen Grüßen für

    Sie u Ihre liebe Frau

    Ihr getreuer

    Freud