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PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
21. Mai 1926.

Lieber Herr Doktor!
In dem Konzert der Stimmen, die zu meinem siebzigsten Geburtstag laut wurden, durfte die Ihrigen nicht fehlen. Wir haben trotz seltener persönlicher Begegnung manches Wichtige gemeinsam erlebt und Sie haben immer treu zu mir und meiner Sache gehalten. Auch ich will die Hoffnung nicht aufgeben, Sie und Ihre liebe Frau noch einmal zu sehen, allerdingsmüssten Sie nach Wien kommen, denn ich habe das Reisen eingestellt. Sie erraten ganz richtig, was der Tod Abrahams für mich bedeutete. Aber wenn man so lange lebt, kann man das Ueberleben auch nicht durchaus vermeiden. Schliesslich ist die Psychoanalyse keine persönliche Angelegenheit und sie wird weiterbestehen, auch wenn ich nicht über sie verfügen kann.
Mit herzlichem Gruss
Ihr Freud