• S.

    Lieber Herr Doktor

    Der Uhr nach sind sie der erste, dem ich mitten im Brief Glück zum neuen Jahr wünschen kann. Ich freue mich sehr, dass Sie meine geraden Worte nicht krumm genommen haben, ich war wol etwas grob; sehe gerne dass es nicht geschadet hat u glaube sogar zwischen Ihren Zeilen mehr Zustimmung zu lesen als in ihren Worten selbst. Ich wandte mich nicht gegen den unabhängigen Zweifel, der mir bei jeden heilig ist, noch gegen das Stehenbleiben an dem Punkte Ihrer gegenwärtigen Entwicklung, sondern gegen etwas anderes, tiefer liegendes; nur durch Analyse deutlich zu machendes, das Sie bewusst gewiss nicht zugeben werden, etwas das wider Ihren Willen den Eindruck erweckt, als ob jemand aus der guten Gesellschaft sich  bei seinen Standesgenossen entschuldigte, dass er von seinem Verkehr mit Mindervollgiltigen erzählt, an denen er allerlei zu schätzen gefunden hat. Sie werden "Nein" sagen, aber Sie wissen die Analyse ist gelegentlich schmerzlich.

    Nun zur Hauptsache: Ihre Ankündigung für die naechsten Wochen wird freudig begrüßt. Welche Zeit Sie wählen, gilt mir gleich, ich habe zu keiner mehr Zeit als zu einer anderen voraussichtlich. Wir werden am

  • S.

    Abend nach der Arbeit u nach dem Nachtmal plaudern solange Sie es aushalten; der Tag gehört immer dem Geschäft. Am Mittwoch u Samstag werden Sie mir das Vergnügen machen, am Vereinsabend u am Seminar teilzunehmen, wenn Sie kein besseres Vergnügen, zumal für ihre Frau, finden. Ihre liebe Frau kennen zu lernen, werden wir uns sehr freuen. Meine Frau Schwägerin und jetzt älteste Tochter werden sich bemühen, ihr etwas zu zeigen, wenn Sie anders beschäftigt sind. Ein mageres Programm, aber ein Schelm, wer mehr gibt als er hat, u es wird wenigstens freundschaftlich eingehalten werden.

    (Prosit 1910!)

    Also lassen Sie uns bald wissen, wann Sie zu kommen gedenken.

    Herzlich in dieser Erwartung

    Ihr

    Freud