S.

Miskolcz, 10. IX. 16

Lieber Herr Professor,

Ich bitte tausendmal um Verzeihunga, wenn ich Ihnen auch nur einen Moment lang eine Enttäuschung bereitet habe. Ich habe nur einem guten Gefühle Ausdruck geben wollen, daß etwas, das nicht nach analytischem Denken auszusehen scheint, nur durch eine analytische Konzeption zustande kam und nur ihr die Überredungskraft dankte, die scheinbar aus der Gruppierung des Materials kam. Vor die Alternative der größeren oder kleineren Freiheit des Redens fühlte ich mich hier eigentlich nicht einmal gestellt: Befohlen, in ernster Sache eine Erklärung zu versuchen, wußte ich ja, daß ich hier zu ganz tauben, wenn nicht hie und da böswilligen, Ohren spräche, zwänge ich sie, nach innen mehr hinzuhören. Unvermittelt hingestellt würde jene „Idee“ ja wenig begreiflich wirken. Eingeführt und beleuchtet unter diesen Verhältnissen noch weniger.

Die Stelle, wo sie hingehört, ist auf S. 12, unterster Abschnitt: „es handelt sich dabei um den aus infant[ilen] erot[ischen]b Einstellungen stammenden Trieb, den geliebten Menschen tot zu sehen, zu töten.“

Einmal, in Kaschau bei einer mündlichen Expertise, als ich aus irgendeinem Anlaß „getrübtes Bewußtsein“ und Handeln in ihm zu erläutern hatte, fragt mich nach meinen Darlegungen einer der beisitzenden Offiziere: ist das nach Prof. Freud so? „Gewiß, nach Prof. Freud sieht das noch ganz anders so aus!“ – Sie hörten lange zu. –c

Für unsere Journale ist das Gutachten so, wie es vorliegt, nur dürftiges Rohmaterial und natürlich uninteressant. Ich dachte mir, es später mit einem Kommentar zu den wichtigen Stellen zu versehen, um so mehr als ich den Mann, zwecks Abgabe in eine Irrenanstalt mir rückgestellt, einige Zeit hier haben werde.

Gute Übersiedlung Ihnen und guten Beginn in Wien! Ihnen und den lieben Ihrigen die wärmsten Grüße von meiner Frau und mir

Ihrem in steter Treue ergebenen

M. Eitingon

 

a Im MS verschrieben, vielleicht: Verzeiheung.

b Gestrichen: Trieb.

c Der letzte Satz nachträglich zwischen die Zeilen geschrieben.