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[Briefkopf III Berlin] 9. XII. 19.

Lieber Herr Professor,

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich in gutem Meinen Ihnen Sturm ins Haus gebracht habe. Ich habe das, wozu es mich drängte, auch nur zögernd und nach langem Besinnen nur ausgeführt und dann als Kompromiß, indem ich nur die Hälfte überweisen, die andre Hälfte in Stockholm deponiert bleiben ließ.

Halten Sie es nun meiner großen Sorge zugute, daß mich Ihre Einwände nicht überzeugen, für die wirklich ganz wertlosen und immer wertloser werdenden Noten kann man doch immerhin manches Brauchbare erwerben, was in der nächsten Zeit immer teurer werden wird. Letzterer Umstand wird Sie, lieber Herr Professor, gewiß vor der Verlegenheit schützen, diesen kleinen Haufen von Papier je in teuereres ausländisches Papier umwechseln zu brauchen.

Als ich Ihre Depesche erhielt, erschrak ich beim Gedanken, Ihnen durch die Überweisung an den W[iener] B[ank]-V[erein] auch noch vielleicht formelle Ungelegenheiten geschaffen zu haben, telegraphierte nach Stockholm, wodurch ich die verzögerte Überweisung leider noch inhibierte.

Annas Zorn hatte ich wohl befürchtet, nicht aber gedacht, daß der Zorn zur andauernden Strafe werden würde. Was kann übrigens meine Frau für die Sünden ihres Mannes, an denen sie doch ganz unschuldig ist?a Sie schreibt heute noch an Anna.

Ihrer Gattin aber lege ich, lieber Herr Professor, jüdisch die mich verteidigende Frage vor: Darf ich nicht, was Amerika darf, und muß ich es nicht dürfen, der ich, meinem eigenen Gefühl nach, näher bin, von Wien durch keinen Ozean getrennt?b1

Da ich nun aber schon Aufruhr und Entrüstung gegen mich heraufbeschworen habe, bitte ich, meiner Sorge zu verzeihen, wenn sie nun die durch Ihre Depesche erzeugte Inhibition Stockholms zurückzieht. Der Rest steht in Stockholm zu Ihrer direkten Verfügung; sagen Sie doch Anna, daß man an ihren Vaterkomplex ja nicht rührt, wenn die anderen Kinder liebend, huldigend und aus Geschützterem mitteilend zu Ihnen kommen.

Freunds Schicksal beschäftigt uns sehr, und ich danke Ihnen für die Berichte über ihn, die ich interessiertest verfolge.

Von Rank erhielt ich gestern eine Depesche aus Haag, daß er wahrscheinlich direkt nach Wien fahren werde, wir werden ihn also zu unserem Bedauern jetzt hier nicht sehen. Dafür kommt aber wohl Ernst bald. Und die Hoffnung, Anna zu Weihnachten hier zu haben, haben wir noch nicht endgiltig aufgegeben. Martin hat das Elternhaus verlassen, was in weniger als 14 Tagen auch meine Eltern mit ihrem jüngsten Kind erleben werden. Möge es bei beiden ein glücklicher Auszug sein.

Die wärmsten Grüße Ihnen und allen Ihrigen von meiner Frau und mir

Ihrem herzlich ergebenen

M. Eitingon.

 

a MS: Doppelpunkt statt Fragezeichen.

b MS: Punkt statt Fragezeichen.