S.

Berlin, 1. XI. 19.

Lieber Herr Professor,

Ihr Brief vom 22. ist ebenso rasch gegangen wie der vom 12.a, entsprechend der so schönen Schnelligkeit, mit der Ihre Antworten auf Briefe erfolgen. Meine Schreibhemmung meldet sich dieses Mal ein wenig durch die Bitte, die auszusprechen [es] mich sehr drängt. Erinnern Sie, lieber Herr Professor, Ihr durch so nicht nennenswerte kleine Dinge genährtes „Gefühl der Verpflichtung[“] mir gegenüber von Zeit zu Zeit an das unauslöschliche, stets freudig wachsende Verpflichtetsein meines ganzen Wesens an Sie und Ihr Werk, beides für uns so eins!

Meine Genugtuung über meine Wahl, ich möchte sagen Berufung in das Komitee und mein Dank dafür an Sie, Herr Professor, steigert sich immer mehr, je mehr ich erfahre, daß das jenes Dabeiseindürfen bedeutet, das ich mir seit Jahren, ohne dies Komitee zu ahnen, gewünscht habe.

Mit den Herren, die darin sind, die ich seit so lange als die kleine psychoanalytische Kerntruppe schätze und hochachte, hoffe ich guten persönlichen Kontakt zu bekommen, mit Abraham und Ferenczi habe ich ihn ja schon, mit den anderen werde ich ihn schriftlich anzubahnen suchen einstweilen. Von Sachs erhielt ich heute ein sehr freundliches Begrüßungsschreiben.

Das Schicksal und die Lage Freunds erschütterten mich aufs äußerste; daß die Wirklichkeit so wenig Genialität besitzt, die von Ihnen in einer schönen Mondnacht auf der Baderseer Veranda so wundervoll formulierten leisen Hoffnungen auf einen besseren Ausgang des ihm Drohenden auch zu realisieren! Grüßen Sie, bitte, Dr. Freund bestens von mir.1 –

Wir haben uns sehr gefreut, in dieser Woche zwei Mitglieder Ihrer lieben Familie bei uns zu sehen: Frl. Bernays und Frau Mathilde,2 letztere sieht blühend aus und in so lieber Weise Lügen strafend die zehn Jahre, die vergangen, seit ich [sie] zuletzt gesehen.

Von Frl. Bernays erfuhr ich, daß Oliver sich nun doch für Holland entschlossen hat.3 Ernst schien mit seinen hiesigen Arrangements recht zufrieden zu sein; Martins Rüstungen verfolgen wir aus der Ferne mit guten Wünschen.

Die Verlobung meiner Schwester wird ebenfalls im Dezember zu Ende gehen, und zwar am 21.

Wie sieht es mit der Beheizungs- und Beleuchtungsfrage bei Ihnen aus, Herr Professor?

Der Refrain unseres Berliner Lebens ist nach wie vor: Noch sehr erträglich, n. s. e.

Die wärmsten Grüße an Sie und die lieben Ihrigen von meiner Frau und mir

Ihrem herzlich ergebenen

M. Eitingon.

 

a MS: 2ten.