• S.

    24. 4. 1932
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Meine liebe Jeanne

    Vorerst die Antwort auf Ihre Anfrage.  Wir gedenken Pfingsten hinauszuziehen, ich werde zur Zeit nur mehr drei regelmässige Stunden haben, also genug frei für Sie sein.

    Sehen Sie, schon meine wenigen Bemerkungen über Ihre Arbeit haben Sie gestört.  Es war auch zuviel Subjektives dabei, das Sie nicht erraten konnten.  Mir schwebt nämlich -- ganz wörtlich genommen -- etwas über die passiven Triebziele vor, eine Problemstellung, die ich manchmal fast erhasche und die sich dann wieder verhüllt.  Als ich Ihre Arbeit las, hatte ich sie wieder für den Moment und da Ihre Ausführungen sie nicht trafen, wurde ich von deren Würdigung abgelenkt u schrieb das nieder, was ich jetzt als ungerecht erkenne.  Nun tappe ich wieder ganz im Dunkeln; ob aus meinem Ansatz etwas wird, vielleicht in der Musse von Poetzlsdf, kann ich nicht wissen.  Ich denke aber, um auf Ihre Arbeit zurückzukommen, dass es sehr unrecht wäre, wenn Sie sich abhalten liessen, der Ausarbeitung und Darstellung Ihrer Gedanken das Interesse zu entziehen, denn das Vorliegende ist reich an Inhalt und vielversprechend.

     

  • S.

    Meine Frau hat den Berliner Aufenthalt sehr genossen, wenngleich nicht alles schön war, was sie gesehen hat.  Die Zeiten sind eigentlich fürchterlich schlecht und ganz ohne Garantie einer erträglicheren Zukunft.  Die wie es scheint, ziemlich allgemeine Teilnahme für das Schicksal des Verlags thut mir sehr wol.  Ich danke Ihnen für Ihre guten Absichten.  Eitingon wird hoffentlich bald in der Lage sein, die Beratungen einzuleiten.  Martin ist zu allen Auskünften bereit.  Bernfeld wird zufolge Ihrer Anregung ein Exemplar des von ihm so bewunderten Schriftstücks erhalten.

    Ihre Briefmarken waren wie immer willkommen, auch die Doubletten sind für die jugendlichen Sammler verwertbar.

    Hoffentlich haben Sie wieder eine lang anhaltende Ruhepause in der häuslichen (ich meinte offenbar Hanslichen) Neurose.  Meine Zurückhaltung gegen Ihre Arbeit bedeutet nicht, dass ich sie nicht in neuer Gestaltung lesen will.  Vielleicht kann ich noch mehr entlehnen.

    Herzliche Grüsse
    von Ihrem Freud