• S.

    10. 2. 1933
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Liebe Jeanne

    Die realistische Schilderung des postgrippösen Elends in Ihrem Haus ist Ihnen sehr gelungen.  Schön kann es nicht gewesen sein.  Der Charakter der Seuche, dass man sich nur langsam von ihr erholt, bewährt sich auch hier.  Marianne, Ruth, die Deutsch sind wieder auf den Beinen, jetzt ist Anna Patient mit wenig Temperatur und Symptomen, vielleicht durch das vorher genommene Chinin geschützt, aber doch von den anderen isolirt.  Ich gebe mich mit meinen alten Katarrhen zufrieden.

    Meine Diskussion mit Einstein ("Warum Krieg") ist zu Ende korrigirt und kann noch im Febr. erscheinen.  Auch sie wird die Menschheit nicht retten.  Ja, warum macht Einstein solche Dummheiten wie mit dem Glaubensbekenntnis u anderen Überflüssigkeiten?  Vielleicht weil er so gutmütig und weltfremd ist.  Von Bullitt habe ich keine frischen Nachrichten.  Ich rechnete es ihm als Phantasie an, dass er sich über Verfolgungen seiner Feinde beklagte, aber die Denunziation gegen ihn im amerik. Senat giebt ihm Recht, nicht mir.  Sie haben gewiss davon gelesen.

  • S.

    Mit der Paret geht es sonderbar.  Alle Welt schreit, sie ist unverlässlich, lügt und phantasirt und ich kann es nicht finden, ich muss ihr glauben, weiss noch nicht, ob alles.  Ein sicheres Urteil habe ich aber über Bernfeld, denn er war einmal bei mir und ich kann sein Verhalten damals mit dem, was ich über sein Benehmen u seine Reden von der (in ihn verliebten) P. erfahre, vergleichen.  Nun, es ist nicht zu seinen Gunsten, er redet u handelt wie in einer Psychose, wirr, widerspruchsvoll, gegen mich ganz unaufrichtig.  Die P. behauptet, dass er jetzt allmählich zu sich kommt und auch seine Entstellungen eingesteht.  Kein Wort, was er über die P. u die Analyse sagt, verdient Glauben.  Die Lisel  schildert er seiner neuen Geliebten als Cognacsäuferin, Morphinistin und Perverse.  Ich würde erwägen, ob das Erfindungen der P. sind, aber ich kann dagegen halten, was B erzält, dass ich ihm gesagt habe, was er seither zurückgenommen hat.  Einer von den beiden, B. oder P., ist ein gottverlassener Narr u Phantast u ich glaube, es ist unser B.  Nun es wird sich klären.

    Herzliche Wünsche für volle Genesung!
    Ihr Freud