• S.

    22. 8. 1938
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19 [sic]

    Meine liebe Jeanne

    Endlich einmal gute Nachrichten von Ihnen!  Warum auch nicht?  Das Leben ist ja bunt und vom Schlechten haben wir in letzter Zeit reichlich gehabt.  Überrascht hat mich nur Ihre Mitteilung, dass Sie Wohnung suchen -- in Amsterdam.  Ich erinnere zwar, wie wenig bei Ihnen die Entfernungen bedeuten.  Vielleicht ist ganz Holland nicht grösser als London?  Jedenfalls hat es weniger Einwohner als diese Riesenstadt.

    Aber Sie wollen ja von uns hören.  Also: 20 Maresfield Gardens als unsere hoffentlich  letzte Adresse auf diesem Planeten, aber nicht vor Ende Sept zu gebrauchen.  Ein einiges eigenes Haus!  Sie können sich vorstellen, mit welchen Ansprüchen an unser eingeschrumpftes Vermögen angekauft.  Und viel zu schön für uns; nicht weit von hier und von Ernst, der das Haus in eine Ruine verwandelt, um es für uns besser passend neu entstehen zu lassen.  Er baut einen Lift ein, macht aus zwei Zimmern eines oder umgekehrt, das reine Hexeneinmaleins in's Architektonische übersetzt.  Die freudige Erwartung eines so schönen Besitzes wird leider durch allerlei Schatten getrübt, Tante Minna's Krankheit der schwärzeste unter ihnen.

  • S.

    Zügeln Sie also Ihre Sehnsucht uns zu besuchen, bis wir Ihnen den Palast voll eingerichtet zeigen können.  Dazwischen schiebt sich noch irgendwie ein unbehagliches Provisorium, da wir am 5 Sept dies Haus räumen müssen.  Wir wochenlange in einem Hotel, Tante in Spital oder sog. Sanatorium, die hier alle unglaublich unzulänglich sind.  Ein Land der Gegensätze, in manchen Punkten sehr rückständig.

    Ich habe von meinem Mund keine rechte Ruhe.  In Wien wäre ich längst wieder operirt, aus Vorsicht.  Hier sind wir mit Ärzten u Behandlungen noch nicht zurechtgekommen.  Auch anderes geht nicht vorwärts, weder Martin noch Robert haben eine Thätigkeit gefunden.  Es ist allerdings todteste Saison.  Ruth ist noch hier (bis 24. dM) u nimmt eine Portion Nachanalyse zu sich, die ihr wahrscheinlich sehr wolthun wird.  Wie unvoll¬ständig doch alle meine früheren Analysen waren!

    Willi Lévy hat mich modellirt, beinahe fertig.  Gestern sass ich einem Photographen, der nach seinen Musterproben besondere Kunststücke kann.  Wenn es ihm gelungen ist, bekommen Sie ein Bild.

    Und nun herzliche Grüsse an Sie alle!  Legen Sie nicht alle Wiener Gewohnheiten ab.

    Ihr Freud