• S.

    25. 2. 1933
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Liebe Jeanne

    Der gefürchtete Anruf ist also gestern nicht gekommen.  Wir waren vorbereitet zu antworten, erstens dass wir Sie nicht mitkommen sollen, zweitens, dass ich jederzeit frei bin, ihn zu sehen, ausser grade Sonntag (u diesmal noch Dienstag, wo ich bei Pichler bin).  Für den Sonntag hätten wir einen Besuch (sagen wir aus Berlin, etwa Arn. Zweig) vorgegeben.  Der wirkliche Grund wäre natürlich gewesen, dass er nach der Besprechung mit mir sich den ganzen Tag über an Anna gehängt hätte, was für ihn keinen Gewinn, für sie eine arge Belastung gewesen wäre.  Sie hätte, meint sie, ihn unmöglich durch die Entrückung nach Hochrotherd vermeiden können.  Nun es ist so besser.

  • S.

    Ich weiss auch, dass Zustände, die mit hartnäckiger Schlaflosigkeit einsetzen, kein günstiges Gesicht zeigen.  Kann man aber nicht vor ihm das Symptom auf die Grippe schieben, der er wahrscheinlich nicht entgangen ist.  Ich meine doch, man müsste sein Vorurteil gegen Simmel brechen und diesen heranziehen.  Ich sehe in Berlin keinen anderen.

    Bernfeld hat seine Anwürfe gegen die Liesel soweit modifiziert, dass wenig von ihnen übrig bleibt.  Die Paret dagegen gewinnt mein Vertrauen immer mehr.

    In Erwartung Ihrer Nachrichten

    mit herzlichen Wünschen
    Ihr Freud