Prof. Dr. Freud
IX., Berggasse 19.
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S.
27.X.06
Sehr geehrter Herr College
Vielen Dank für die neue Analyse.
Sie waren wirklich nicht sehr zurück-
haltend, auch scheint Ihnen die
„Übertragung“, der Hauptbeweis
für die sex. Natur der Triebkraft
des Ganzen, deutlich genug entgegen-
getreten zu sein. Aus der „Kritik“
wollen wir uns doch erst dann
etwas machen, wenn die Kritiker
sich etwas eigene Erfahrung geschafft
haben werden.Gegen die Gleichberechtigung des anderen
Grundtriebes habe ich theoretisch gar
nichts, wenn er seine Ansprüche in
den Psychoneurosen nur unverkenn-
bar anmelden wollte. Was man
bei Hy und Zw so von ihm sieht, läßt
sich unschwer aus den zwischen beiden -
S.
bestehenden
lo¿Anastomosen erklären
also aus der Beeinträchtigg der sex.
Componente des Nahrungstriebes.
Aber ich gebe zu, daß dies „heikle“ Fragen
sind die noch gründlicher Untersuchg
bedürfen. Vorläufig begnüge ich mich
auf das hinzuweisen, was einem
grob u augenfällig entgegentritt,
auf die Rolle der Sexualität.
Möglich, daß wir dann anderswo
bei der Mel. Manie, bei den
Psychosen das finden, was Hy und
Zw vermissen lassen.An Ihrer Russin ist erfreulich, daß
es eine Studentin ist; ungebildete
Personen sind für uns derzeit
allzu undurchsichtig. Die berichteteFakDefaekationsgeschichte ist hübsch
nicht ohne zahlreiche Analogien.
Sie er innern sich vielleicht aus meiner
Sexualtheorie an die Behauptung,
daß Zurückhaltung der faeces schon -
S.
vom Säugling als Lusterwerbsquelle
ausgenützt wird. Das 3‑4 J. ist die
bedeutsamste Periode für die
später pathogenen Sexualbethätig-
ungen (ebdaselbst). Der Anblick des
geschlagenen Bruders weckt eine
Erinnerungsspur aus dem 1‑2. Jahr
oder eine dahin versetzte Phantasie.
Es ist nichts Seltenes, daß kleine
Kinder die Hand dessen, der sie
trägt, beschmutzen. Warum soll ihr
das nicht so passirt sein? Damit
wacht also ihre Erin̄erg an die
Zärtlichkeiten des Vaters in ihrer
frühen Kindheit auf. Infantile
Fixirung der Libido auf den Vater,
der typische Fall, als Objektwal;
analer Autoerotismus. Die dann
von ihr gewälte Stellung muß sich
in’s Einzelne auflösen lassen, scheint
noch aus anderen Momenten -
S.
zu sammengesetzt. Welchen 3 Die Anal-
erregung muß sich dann in den
Symptomen als Triebkraft erken̄en
lassen, selbst im Charakter. Solche
Leute zeigen häufig typische Combinationen
gewißer Charakterzüge. Sie sind
sehr ordentlich, geizig und trotzig
was sozusagen die Sublimirungen
der Analerotik sind. Fälle wie
dieser auf verdrängter Perversion
beruhend, sind besonders schön zu
durchschauen.Sie haben mich also gewiß nicht
gelangweilt. Ich freue mich
sehr mit Ihren Zuschriften
und bin mit ergebensten
collegialen Grüßen
Ihr
DrFreudFreud, Sigmund (1905-004): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Abhandlung II. Die infantile Sexualität. GW5:87.
Freud, Sigmund (1908-002): Charakter und Analerotik, (1908), GW7:77 F, Anm. 6).