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    PROF. DR. FREUD    Wien, IX. Berggasse 19

    14. XI. 12

    Lieber Herr Doktor

    Ich begrüße Sie zu Ihrer Heimkehr aus 
    Amerika nicht mehr so zärtlich wie zuletzt 
    in Nürnberg – das haben Sie mir erfolgreich 
    abgewöhnt –, aber doch mit genug Theilnahme, 
    Interesse u Befriedigung über Ihren per-
    sönlichen Erfolg. Vielen Dank für Ihre 
    Neuigkeiten über den Stand der Dinge 
    in Amerika. Wir wissen aber, dort wird 
    der Streit nicht entschieden werden. Daß Sie 
    mit Ihren Modifikationen viele Wider-
    stände verringert haben, sollten Sie sich aber nicht 
    auf die Verdienstseite schreiben, denn Sie 
    wissen, je weiter Sie sich von den ψα Neuheiten 
    entfernen wollen, desto sicherer sind Sie des 
    Beifalls, desto geringer ist der Widerstand.

    Meiner Objektivität und damit der 
    Fortdauer unserer Beziehungen mögen 
    Sie sicher sein; ich habe dieselbe Ansicht 
    von der Berechtigung persönlicher 
    Variationen und dasselbe Bedürfnis 
    nach Fortsetzung der Arbeitsgemeinschaft 
    mit Ihnen. Ich muß Sie doch daran erinnern, 
    daß wir unsere Freundschaft zu einer 
    Zeit schloßen, als Sie von neuem die 

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    toxische Theorie der Dementia praecox vertraten.

    Ihr Beharren auf der „Geste von Kreuzlingen“ 
    ist mir zwar ebenso un­verständlich als kränkend, 
    aber es giebt Dinge, die sich schriftlich nicht 
    erledigen laßen.

    Einem Abdruck Ihrer Vorlesungen sehe ich 
    mit Spannung entgegen, denn aus Ihrer 
    großen Libidoarbeit, an der mir einzelnes 
    vortrefflich gefallen hat – das ganze nicht –, 
    habe ich die gesuchte Aufklärung über 
    Ihre Neuheiten nicht entnehmen können.

    Mein Brief an Riklin, während deßen 
    ich an Ihre Rückkehr noch nicht glauben konnte, 
    wird Ihnen unterdeß die gewünschte Orient-
    irung über die Vorgänge beim Zentralbl 
    gegeben haben. Ich werde zur Ver­vollständ-
    igung und Fortführung noch einiges anfügen. 
    Ich hoffe Sie wißen jetzt, warum ich den 
    Herausgeber zurückgezogen habe, anstatt 
    den Redakteur zu wechseln. Ich merkte, 
    daß ich die Macht dazu nicht habe, daß der 
    Verleger für St. Partei nim̄t und mich 
    auf einem unvorteilhaften Umweg 
    herausdrängen wird, so daß wir im Sept­ 
    des nächsten Jahres doch kein Organ haben, 
    während ich das ganze Jahr über die 

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    Verantwortung für ein 
    Blatt getragen hätte, mit dem St. nach Belieben 
    schaltet und an dem ich nichts ändern kann. 
    Das gieng nicht an. So warf ich das Blatt mit 
    dem Redakteur weg.

    Sie fragen nicht mit Unremt: Und der offiz. 
    Charakter des Blattes? Selbstverständlich 
    habe ich diesen zuerst gegen St. betont 
    u ihm eine Entscheidung der Zwistigkeit 
    durch das Votum der Ortsgruppen (oder 
    der Wiener allein) vorgeschlagen. Der Appell 
    an seine Verpflich­tung prallte wirkungslos 
    ab von dem Hochgefül seines Besitzertums! 
    Die einzige Antwort war: Es ist mein Blatt, 
    ich lasse mir vom Verein nichts dreinreden. 
    Nun hätte ich gewiß auch den zweiten 
    Schritt gethan, die Sache dem Praesidenten 
    zur Amtshandlung vorgelegt, wenn – 
    der eben erreichbar gewesen wäre. Aber 
    Sie waren abgereist, ohne zu ver­ fügen, wer 
    in Ihrer Abwesenheit Ihre Agenden als 
    Praesident versehen soll; es war uns 
    weder offiziell noch privatim bekannt, 
    wann Sie zu­ rückkommen würden, und 
    die Gerüchte nannten einen entfernten 
    Ter­min. Hätte ich gewußt, daß Sie am 12. Nov 

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    zu Hause sein wür­den, so hätte ich ge-
    rne gewartet und Ihnen den Vorrang gelassen, 
    sich zu überzeugen, daß Stekel seinen Vertrag 
    nicht einhält, daß mit Berg­mann nichts anzu-
    fangen ist, u daß wir ein anderes Organ 
    brauchen. So hatte ich das selbst zu erledigen. 
    Die einzige Behörde, die in unseren Statuten 
    noch als Zentralgewalt vorgesehen ist, die 
    Gemeinschaft der Ortsgruppenobmänner, 
    existirte nicht; Sie hatten sie nie aktivirt, u 
    vielleicht sollten wir auf dem nächsten 
    Kongreß die Durchführung dieses Punktes 
    verlangen.

    Hätte ich ins Unbestim̄te auf Ihre Rückkehr 
    gewartet, so wäre ein kostbarer 
    Termin verlorengegangen. Mit all den 
    Verhandlungen zwi­ schen Wien, Zürich und 
    Wiesbaden wäre es unmöglich geworden 
    das neue Organ zu Anfang 1913 ins Leben 
    zu rufen, und wir hätten mitten im Jahr an-
    fangen müssen.

    Mein rasches Handeln wird es ermöglicht 
    haben, daß wir vom 15. Ja­n an wieder 
    unser Organ haben werden, unter 
    neuem Namen und bei einem 
    anderen Verleger, aber sonst hoffentlich 

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    unter Redaktion von 
    Ferenczi und Rank nicht verschlechtert. Ich werde 
    Ihnen in kur­zem alle Details über dies 
    neue Blatt zukom̄en lassen, bitte Sie 
    aber, nicht daran zu vergeßen, daß ich 
    Ihre formelle Absage ans Zentral­blatt 
    und Zusage an uns brauche, wenn ich Ihren 
    Namen auf den Kopf des Blattes setzen 
    soll.

    Ich habe Sie nun in diesem Brief wie in dem 
    an Riklin von dem Stand der Sache ver-
    ständigt u erwarte, daß das Praesidium 
    die weitere Ver­handlung mit dem 
    Verleger B. übernehmen wird. Daß es Ver­-
    wicklungen dabei giebt, weiß ich; der 
    schlim̄ste Ausgang wäre der, daß jedes 
    Vereinsmitglied ein Jahr lang ein wert-
    loses Blatt erhält und neue 15 mk für 
    sein gewohntes ausgiebt. Ich glaube, das 
    Opfer wäre zu ertragen. Will die Zentrale 
    es den Mitgliedern ersparen, so steht ihr 
    für diese Absicht ein Fonds zur Ver-
    fügung, der fürs Vereinsorgan be­stim̄t 
    war. Natürlich wäre es uns am liebsten, 
    wenn die Funktion des offiziellen 
    Organs sobald als möglich dem Zentralbl. 
    entzogen und auf uns übertragen wird. 

  • S.

    Wir halten es aber auch aus abzuwarten, bis 
    das St. Blatt eines sanften Todes verblichen 
    ist u hoffen uns selbst in unoffizieller Eigen-
    schaft den Analytikern wertvoll u un­-
    entbehrlich zu machen.

    Es wird Sie vielleicht interessiren von 
    einem Brief Adler’s über seine Ein-
    drücke auf dem Z’ Kongreß zu hören, 
    der im Verein hier ge­zeigt wurde. 
    Er schreibt, daß er die Züricher in panikartiger 
    Flucht vor der Sexualität fand, die Herren 
    aber leider nicht hindern kann, sich seiner 
    Ideen zu bedienen. Vielleicht läßt sich 
    Riklin, der ihn sehr über­flüssiger Weise 
    in seinem Kongreßbericht herausgestrichen 
    hat, dadurch abkühlen.

    Indem ich Sie um rasche Erledigung 
    der hier angeregten Dinge bitte und 
    Ihren Arbeiten besten Fortgang 
    wünsche,
    Ihr kollegial ergebener 
    Freud