• S.

    18. 6. 1932
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Liebe Jeanne

    Verwundern Sie sich nicht, wenn Sie jetzt so selten von mir hören u lassen Sie Ihre Neigung mir Nachricht zu geben, nicht dadurch beeinflussen.  Ich schreibe an den Vorlesungen und das braucht unglaublich viel Konzentration, geht auch viel schwerer als vor Zeiten.  Einundeinhalb sind sozusagen, bis auf die notwendige Revision fertig.  Ordentlich Zeit werde ich am 29 dM haben, nachdem meine vorletzte Pat abgegangen ist.  Natürlich soll auch die Trieblehre behandelt werden, viel Neues weiss ich dazu aber nicht.  Der Garten ist sehr schön u das Wetter häufig ideal.

    Bei Ihnen verläuft es ja im Ganzen befriedigend.  Sachs' Engagement für Boston scheint jetzt endgiltig gesichert.  Ich denke, Hans

  • S.

    wird sich entschliessen, die Sommerwochen Analyse zu nehmen.  Ich hörte, Sie haben einen grossen, zum Glück bald erledigten Schreck mit Ihrer Schwiegermutter gehabt.  Was haben Sie in Holland gefunden?  Ihre Schwierigkeiten in der Arbeit sollen Sie nicht überschätzen.  Ein Teil davon ist gewiss normal.  Ich sehe es jetzt an mir selbst, wie hart man der Bewältigung eines neuen Stoffes in der wissensch. Arbeit zu ringen hat.  Und dabei ist, was ich mache, meist Wiederkäuen.  Mit den elementaren Triebemanationen wird man natürlich nicht so rasch fertig.

    Wenn Ihnen scheint, dass Sie mich brauchen, bin ich ja den ganzen Sommer über frei.

    Ich grüsse Sie herzlich
    Ihr Freud