• S.

    13. 6. 1938
    PROF DR. FREUD                                 39 ELSWORTHY ROAD
                                                                        LONDON, N.W. 3

    Meine liebe Jeanne

    Wir sind jetzt also wirklich in England angekommen, es ist sehr schön und die Öffentlichkeit, Freunde wie Fremde, bereitete uns einen warmen Empfang.  (Das Klima weniger warm).  Ernst hatte ein reizendes Häuschen für uns gemietet, mein Zimmer geht auf eine Veranda, die auf einen eigenen Garten, Rasenplatz von Blumen eingerahmt, und der blickt in einen grossen mit Bäumen besetzten Park.  Es ist natürlich erst ein Provisorium für drei Monate, Ernst hat das definitive noch zu duchen, das allerlei selten hier verwirklichte Bedingungen zu erfüllen hat.  Es ist schwer für uns, vertikal anstatt horizontal zu leben.  Es wäre alles noch schöner,

  • S.

    wenn nicht Tante Minna schwer erkrankt im oberen Stock läge.  Indess scheint sie jetzt ausser Gefahr zu sein.

    Natürlich ist noch alles -- ungewohnt u wie unwirklich, ein eutliches Entfremdungsgefühl.  Man vermisst noch zu viel.  So ist es auch sonderbar, dass Sie am letzten Samstag Vormittag nicht da waren, um mich in einer Verhandlung mit dem kleinen Antiquar zu stören.  Über Ihre Zukunft habe ich mir die sichere Erwartung gebildet, dass Ihr harten Landsleute sich doch erweichen u Sie im Vaterlande aufnehmen werden.  Sie waren mit dem vorigen Emigrantenschub auch anfangs so abweisend und doch konnten alle bleiben.  Und Haag ist nicht weit von London.

    Mit herzlichen Grüssen für Sie, Mutter, Hans u die kleinen Holländerinnen

    Ihr Freud