• S.

    19. 3. 1932
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Meine liebe Jeanne

    Ich bin sehr froh über den Bericht, den Sie von Ihrem eigenen Befinden geben können.  Was Sie über Hans schreiben, nötigt doch hzu keiner Änderung unserer Erwartungen; die grosse Verlängerung der Zwischenzeiten von einem Anfall zum nächsten bleibt doch prognostisch das Wesentliche und ist natürlich günstig.

    Meine Operation und die erste Woche nachher waren wirklich weniger arg als sonst, in der zweiten Woche, die jetzt abläuft, sind die Schmerzen stärker gewesen und haben im Verein mit Magen-Darmstörungen eine recht unbehagliche Zeit geschaffen.  Seit der Entfernung der Nähte scheint die Heilung rascher vor sich zu gehen, für hergestellt kann ich 

  • S.

    mich noch nicht erklären und auch sonst ist täglich etwas los, was nicht sein sollte.

    Ein sehr schönes Erlebnis war der Besuch von Thomas Mann vorgestern.  Er ist ein reizender Mensch, nach den ersten fünf Minuten konnte man mit ihm intim sein.

    Martin arbeitet wacker im Verlag, Ernstl macht uns einen vortrefflichen Eindruck.  Des Winters sind wir alle müde, angeblich sollen wir in zwei Monaten den Frühling in Poetzleinsdorf geniessen.

    Wann immer Sie auf Besuch kommen, werden Sie uns herzlich willkommen sein.  Von den Kindern schreiben Sie diesmal nichts.  Es geht ihnen offenbar sehr gut.

    Mit wärmsten Grüssen

    Ihr Freud