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Semmering
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
6. 9. 24Meine liebe Jeanne
Dank dafür, dass Sie meine Bedenken, die zum Aufschub bis Oktober nötigen, gewürdigt haben.
Nun aber zur neuen Situation. Sie haben Recht, die ändert manches. Ich war wol darauf vorbereitet, dass es so kommen könnte -- Sie erinnern sich der Stelle in meinem Brief -- aber ich erwartete es nicht so bald, nicht eher als bis wir unsere Nachtragsarbeit vollendet hätten. Sie fragen um meine Meinung, was jetzt das richtige Verhalten für Sie wäre. Das ist nicht leicht zu sagen; mir wäre längst die Lust vergangen und ich würde bei diesen fortgesetzten Schwankungen das Vertrauen verloren haben, aber ich kann mich doch nicht in die Seele eines verliebten Mädchens soweit einfühlen, dass ich für sie das Richtige finden kann. Sicher scheint mir, dass ein Entgegenkommen Ihrerseits -- gewiss im geographischen Sinne ganz besonders -- ein arger Fehler wäre u Sie um den letzten Rest Ihrer Selbstän¬digkeit brächte. Auch der Verdacht, mit dem Sie den Vorschlag einer Zusammenkunft in Florenz aufnehmen, scheint mir gut begründet.
Nun bringt die "neue Situation", wie Sie richtig erkennen, die Gefahr mit sich, dass die beabsichtigte Nachtragskur genau so verläuft wie die frühere Arbeit mit der Rückendeckung des Widerstandes durch den jungen Mann und wieder ganz abhängig werde von seinen
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Schwankungen oder seinem Drängen und sich in unbestimmte Längen ausdehne. Das will ich nicht mehr haben, sehe aber nur einen Weg es zu vermeiden, den zu gehen aller¬dings für Sie hart ist u mir einen grossen Anfangswiderstand bei Ihnen schaffen wird. Es lässt sich aber nicht anders machen. Sie erraten leicht, was ich meine. Ihr Verkehr mit ihm muss nicht nur während dieser Ferien, sondern auch nachher während der Dauer der Kur völlig aufgehoben sein. Also entweder kommen Sie mit ihm schon vorher zurecht, dann brauchen Sie die Kur kaum -- oder seine Strafe muss um ein Stück ver-längert werden d.h. sie besteht darin dass er vom Schauplatz verschwindet, solange Sie mit Ihrer Analyse beschäftigt sind. Ich stelle mit dieser Bedingung nur den Zustand her, den jede Analyse fordern darf u auf den ich zu Gunsten einer Glücksmöglichkeit für Sie verzichtet hatte. Ich hoffe, Sie werden mich auch diesmal gut verstanden haben.
Herzlich
Ihr Freud