• S.

    15. 4. 1933
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Meine liebe Jeanne

    Heute ist mein erster Ferialtag, nebenbei der letzte Tag einer 47jährigen ärztlichen Praxis.  Nützen wir die Freiheit der Unterhaltung aus, die bald durch Ihre Rückkehr nach Berlin aufgehoben sein wird.

    a) Es ist interessant, dass unsere paranoischen Fälle gleichzeitig in die Besserung einschwenken.  Nicht nur dass es Ihrem Hans erfreulicher Weise so gut geht, auch Federn, der ganz entschieden etwas Ähnliches hat, benimmt sich ruhiger und gar Ferenczi, dessen Wahnbildungen bereits eine unheimliche Stärke erreicht hatten (begleitet von den gravirendsten körperlichen Symptomen der Regression) kehrt zur Besonnenheit zurück, schreibt freundliche Briefe und lässt sich bestimmen, die Arbeit für Wochen einzustellen.  Vielleicht dissimulirt er nur.  Von Harnik weiss ich zu wenig.

    b). Der Dr Paret hat mich nicht besuchen wollen.  Er ist kein Jud sondern ein Pastorensohn, übrigens nach meinem Urteil aus der Ferne ein konstitut. Psychopath mit wahrscheinlichem Ausgang in Verrücktheit.  Merkwürdiger Weise lautete Bernfeld's Urteil, der ihn gesprochen hat, ganz ähnlich.  Die Frau kenne ich endlich sicherer, sie ist fein, sehr begabt, durchaus vornehm und -- schrecklich zerfahren und trotz aller Energie eigentlich hilflos.  Ihre Beziehung zu Bfd nimmt keinen guten Verlauf, er ist nicht auf ihrem Niveau, ein unordentlicher

  • S.

    Mensch.  Dass ich ihn in Analyse nehme, ist der Paret, aber auch meinetwegen ausgeschlos¬sen.

    c) Der Eindruck von Oli's Besuch war niederdrückend.  Er benimmt sich gut, jammert nicht, sieht sich um und ist bereit sich zu plagen.  Aber seine Aussichten sind doch so schlechte.  Er schwankt zwischen Spanien und Palaestina, hat aber noch an keinem Punkt einen Anhalt.  Sie scheint zur Auswanderin und Pionierin auch nicht sehr geeignet.  (Henny nämlich)  Sie sind gestern nach B. zurück, das Haus abzubrechen.  Ernst hat seinen Besuch auf Anfang Mai verschoben.

    d) Simmel ist in Zürich, dass die Abraham auch dort ist, glaube ich nicht.  Ich weiss, dass Jones mit Oph. an neuer Hilfsaktion für die Familie A. arbeitet.  Wir müssten dabei mitthun.

    e) "Warum Krieg?" ist vom Verlag zu haben, wird in D. nicht verkauft ist auch bereits frz. und englisch erschienen.

    f). Ruth ist ewig krank, hustet, fiebert, konnte nicht zur Analyse kommen.  Marianne hat seit dem Eintritt der neuen Pat. ausgesetzt.  Meine englische Poetess ist sehr interessant, auch mein Holländer, od. [?] Leeuw, Bruder von Ruth's Pat, Leute aus Rotterdam.  Beide nicht für sehr lange.

    g) Robert hat eine tüchtige Grippe, jetzt scheint auch Math. angesteckt zu sein.  Mark fährt heute nach NYork, sein Vater ist sterbenskrank.  Sind das nicht Neuigkeiten genug?  Geniessen Sie noch die wenigen Tage in Holland!

    Herzlich Ihr Freud