• S.

    PROF. DR. FREUD  WIEN IX., BERGGASSE 19
    Semmering

    29. 7. 26.

    Liebe Ruth

    Ihren Brief mit den Krankheitsberichten 
    erhalten, er soll uns Stoff für die 
    Fortsetzung der Arbeit geben. 
    Der Todestraum hängt wahrscheinlich mit 
    dem bevorstehenden Geburtstag 
    zusam̄en. Mein Telegr bedeutete 
    natürlich nur eine Umschreibung 
    des gut jüdischen Wunsches: bis 120.

    Hier ist es herbstlich, ohne daß es 
    Sommer gewesen ist. Prinzeßin 
    liegt in unserem Garten u liest, 
    frirt angeblich nicht. Ihre Kinder 
    sind anfangs dieser Woche abgereist, 
    sie selbst geht am 7 August; Blumen-
    thal war erkrankt, wie vor jedem 
    Fortschritt u ist noch nicht hier.  Lieb-
    man kom̄t am ersten Aug. Ferenczi 
    will die letzte Woche des Monats 
    (August) hier oben zubringen, schiffe 
    sich erst Mitte Sept ein, für lange 
    Zeit, eine Saison oder ein Jahr. 
    Seine Zeit, schreibt er, ist durch Vor-
    träge und Anmeldungen von Pat. 
    bereits voll besetzt.

    Bei mir halten die Schwellungen in 
    Nase und Rachen an und machen 
    unangenehme Störungen. Bei Pichler 
    scheint man wirklich anzunehmen, 
    daß es sich um den Erfolg der 
    letzten Bestrahlungen handelt. 
    Das Technische an der Prothese ist 
    größtenteils bewältigt. Ich spüre 
    Gehen und Steigen – im bescheidenen

  • S.

    Ausmaß nichts, aber auch keine Arbeitslust. 
    Blumen kom̄en immer wieder an, 
    offenbar von Ihnen bestellt. Die letzten 
    Orchideen waren bereits welk, die 
    Blumensendung also nicht gewissenhaft. 
    Als Äußerungen Ihrer Vorsorge 
    immer noch geschätzt.

    Hoffentlich wird nicht auch Mark von 
    der Antipathie der Franzosen getroffen. 
    Ich habe keine Sympathie für den 
    sterbenden Franc und erwarte von 
    einer finanziellen Katastrophe in 
    dem Siegerland nur Gutes für 
    Europa. Die Erwerbaussichten für 
    meine drei Jungen sind noch 
    immer recht schlecht.

    Die „Frage der Laienanalyse“ wird 
    eilig gedruckt. Wenn Sie wieder-
    kom̄en, finden Sie sie bereits 
    vor.
    Ich grüße Sie herzlich u bitte 
    Sie, mich Ihren Eltern zu em-
    pfehlen. 
    Auf Wiedersehen
    Ihr 
    Freud