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S.
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
25.07.1927
Liebe Ruth
Ich schreibe eine halbe Stunde, nachdem
ich Ihren hochinteressanten Brief erhalten.
Aber ich schreibe Ihnen nichts darüber.
Sie u Mark leben jetzt etwas durch, wo-
rauf Sie in der Analyse vorbereitet
wurden, u da hat die Analyse selbst
zu schweigen. Wie sie selbst, sehe auch
ich alle Anzeichen des bevorstehenden
guten Ausgangs.Ich will Ihnen lieber Nachrichten von hier
geben. Es ist viel vorgefallen. Anna
war an schweren Dingen beteiligt, ich
weiß nicht, ob sie dazukom̄en ist, Ihnen
selbst zu schreiben. Also: Die Kinder
der Villa Sofie haben alle eine kurze
Grippe durchgemacht, zwei Tage Fieber ohne
Lokalerscheinungen. Dorothy B und Harald
Sweetser, der der Analyse wegen geblieben
war, das nämliche. Aber einen Tag nach
der Genesung beginnt Harald von Neuem
mit 40° C und unstillbarem Erbrechen, end-
lich Schling‑ und Sprachschwierigkeiten.
Wir lassen Friedjung noch um Mitternacht
heraus kom̄en, der stellt die Diagnose
auf den ersten Blick: Polioencephalitis
läßt nach Genf telephoniren, führt das
Kind am nächsten Morgen nach Wien
ins Spital, die Eltern kom̄en aus Genf.
Vater Sw. mittags mit Flugzeug, Mutter
abends mit der Bahn, das Kind stirbt
am nächsten Tag. wir sind natürlich um
unsere eigenen Gastkinder, Ernstl
u Eva, besorgt, Friedjung erklärt,
er würde sie nicht wegbringen.Wir thun so u es ist weder bei
uns noch bei Burlgh ein weiteres
Unglück geschehen. Das einzig Ver-
söhnliche an dem garstigen Fall
ist das Benehmen der Eltern
Sweetser. Sie anerkennen daß
für das Kind alles geschehen -
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ist, halten den Eindruck fest, daß er sich in so
weitgehender Weise gebessert hatte u
stiften mir zur Erinnerung an ihn
$ 5000 für Zwecke der Analyse.Diese Tragödie kaum abgeschloßen, wird
Anna durch ein Tlgr nach Grundlsee
berufen. Die 14½ . Mädi Rosenfeld
ist auf einer Bergpartie tödtlich verun-
glückt. Die Mutter will Anna bei
sich haben. Sie reist sofort ab, bringt
nach zwei Tagen die befreiende Nach-
richt, daß die unglückliche Frau sich
tadellos benimmt.Nach wenigen Tagen Pause der Aufruhr in
Wien, die dreitätige Absperrung von
aller Welt, die Hilflosigkeit des Verkehrs-
streik. Auch das geht vorüber. Oliver
verläßt uns mit seiner Familie am
20sten, Ernstl ist heute früh von Eitingon
mitgenom̄en worden. Das Haus ist
jetzt leer und ruhig. Tante Minna
ist unterdeß aus der Schweiz zurück-
gekommen.Eitingon hat viel auf sich, er wird den Sturm
der Laienanalyse auf dem Kongreß
diplomatisch zu beschwören haben, aber
er ist Herr der Situation. Im Verlag
Krise, Storfer erklärt sich zuerst bereit
zu bleiben, zieht es aber dann wieder
zurück. Ferenczi sitzt in Baden‑Baden,
hat Eit. einmal in Berlin aufgesucht, er
soll sehr ermüdet sein u sich in der
europaeischen Situation nicht mehr zu-
recht finden.Das kleine Evchen ist ein ungewöhnliches gewecktes
und charmantes Kind, ganz Typus Heinele.
Ich befinde mich körperlich recht wol, kann
mich nicht entschließen etwas zu
arbeiten, es war auch bisher keine
Ruhe. Die neue Prothese ist end-
giltig, glaube ich, misglückt; nach
unserer beider (P.’s u meinem) Urtheil -
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liegt die Schuld an der außerordentlichen
Intoleranz der Schleimhäute, die mit
unausgesetzten Schwellungen reagiren.
Ich kom̄e mit der alten halbwegs
durch, denke nicht daran, mich dem
Martyrium einer neuen Anfertig-
ung zum dritten Mal auszusetzen.– Marie schreibt fleißig, sie scheint
von der Überschätzung ihrer Operation
zurückgekommen u analysenreif
zu sein. Die erste Num̄er der Revue
française de Psych is erschienen
auf dem Titel wird mein patronage
proklamirt, aber der Sekreätre Pichon
hat ein sehr zweideutiges Editorial
vorangestellt, das Marie u Laforgue
sehr ärgert. Es hat sich dann ergeben,
daß er im Begriff ist, die Tochter
von Janet zu heiraten.Die Übersetzung von Laienanalyse
u Selbstdarstellg, die bei Brentano
erscheinen soll, liegt mir in
Korrektur vor. Die letztere von
Strachey meisterhaft, die Laienanalyse
(von Maerker‑Branden) echt amerik-
anisch, lüderlich. Ich versuche zu bessern,
was ich kann.So, das wäre ein Ausschnitt aus der
Buntheit unserer Existenz! Und
Jetzt grüße ich Sie herzlich, nicht
ohne der wunderbaren, wolriech-
enden Blumen zu gedenken,
die von Zeit zu Zeit hier
eintreffen.
Ihr
Freud