• S.

    [Briefkopf Wien] 4. III. 24.

    Lieber Freund
    Gewiß haben Sie mir durch das Erwecken der alten Salzburger Reminiszenzen das Herz schwer gemacht. Ungern erkenne ich auch aus Ihren Zeilen die Meinung, daß mit mir über gewisse persönliche sowie sachliche Differenzen nicht leicht zu reden ist. Ich weiß, meine Gegner schreien das in die Welt hinaus, aber meine nächsten Freunde sollten es besser wissen. Auch besteht für Sie kein Grund, mit einer solchen Annahme zu rechnen, denn wenn auch geographische Einflüsse meine persönliche Intimität mit Rank und Ferenczi erhöht haben, so dürfen Sie doch sicher sein, daß Sie in meiner Freundschaft und Wertschätzung nicht niedriger stehen.
    Ich will Sie wissen lassen, daß mir eine Besorgnis wie die von Ihnen geäußerte gar nicht so ferne liegt. Als mir Rank zuerst Mitteilung von seinem Fund machte, äußerte ich scherzend: »Daraufhin macht sich ein anderer selbständig«. Ich glaube, auf diesem anderen ruht der Akzent, wie Sie auch selbst zugeben. Wenn Jung seine ersten selbständigen Erfahrungen dazu verwendet hat, um sich von der Analyse loszumachen, so wissen wir beide, daß er starke neurotische und egoistische Motive dazu hatte, welche diese Entdeckung ausnutzten. Ich konnte damals mit Berechtigung sagen, sein krummer Charakter entschädigt mich nicht für seine schiefen Theorien. Nebenbei, aus einem Falle, der von ihm zu mir gekommen ist, erfahre ich, daß er versucht war, eine schwere Zwangsneurose auf den Konflikt zwischen Individualismus und Kollektivismus zurückzuführen.
    Bei unseren beiden Freunden liegt die Sache doch anders. Wir sind

  • S.

    doch sicher, daß sie keine anderen schlechten Motive haben als die bei wissenschaftlicher Arbeit mittätigen sekundären Tendenzen, Neues und Überraschendes zu finden. Daraus ergibt sich keine andere Gefahr, als die des Irrtums, der im wissenschaftlichen Betrieb doch schwer zu vermeiden ist. Nehmen wir den extremsten Fall: Ferenczi und Rank kämen direkt mit der Behauptung heraus, daß wir unrecht gehabt haben, beim Ödipuskomplex halt zu machen. Die eigentliche Entscheidung liege beim Trauma der Geburt, und wer das nicht überwunden hat, der scheitere dann auch am Ödipuskomplex. Dann hätten wir anstatt unserer sexuellen Ätiologie der Neurose eine physiologisch-akzidentell bedingte, da diejenigen Neurotiker würden, welche entweder ein besonders schweres Geburtstrauma gehabt haben oder eine besonders »sensitive« Organisation ans Trauma heranbringen. Weiter: auf Grund dieser Theorie würde eine Anzahl von Analytikern die gewissen Modifikationen der Technik vornehmen. Was würde da weiter für Unheil geschehen? Man könnte mit größter Gemütsruhe unter demselben Dach zusammen bleiben und nach einigen Jahren Arbeit würde es sich herausstellen, ob die einen einen wertvollen Fund übertrieben oder die anderen ihn unterschätzt haben. So erscheint es mir. Natürlich kann ich nicht im vorhinein die Gedanken und Argumente entkräften, die Sie erst vorbringen wollen, und darum bin ich mit der vorgeschlagenen Diskussion voll einverstanden.
    Nun zur praktischen Ausführung, wie Sie schreiben. Sie wünschen, daß wir schon am Freitag vor Ostern mit der Diskussion beginnen, für welche bis Sonntag Abend Spielraum wäre. Hier muß ich einen Einspruch versuchen. Zwei bis zweieinhalb Tage Diskussion, was fast einer Verdopplung des Kongresses gleichkommt, das ist zu viel für meine geschwächte Leistungsfähigkeit. Ich muß Ihrem unverbesserlichen

  • S.

    Optimismus noch einmal widersprechen und Sie aufmerksam machen, daß ich wirklich nicht mehr das alte Arbeitstier bin. Leistungen, die ich vor der Erkrankung nicht gespürt hätte, sind mir jetzt deutlich zu viel. Ich zweifle sogar daran, ob ich alle 15 Vorträge des Kongresses mit- anhören kann und in einem Winkel meines Herzens, um mit unserem Nestroy zu reden, regt sich selbst der Wunsch, sich die ganze Plage des Kongresses zu ersparen. Ich hoffe, mein Befinden wird diese Regung bis dahin ausgelöscht haben, aber es steht doch fest, daß ich weder einen Vortrag halten, noch an der Mahlzeit teilnehmen kann. Diese beiden geschädigten Funktionen vertragen keine Exhibition.
    Ich meine also, der Samstag mit all seinen freien Stunden müßte für die Erledigung der Angelegenheit hinreichen. Daß

  • S.

    wir uns alle in Wien treffen, schließt sich durch die dringliche Bitte Jones’ aus, ihm die Reise nach Wien zu ersparen.
    Seien Sie so gut, Freund Sachs Einsicht in diesen auch für ihn bestimmten Brief zu geben und lassen Sie mich mit der Hoffnung schließen, daß bis zum Ostertermin manches in dieser Sache geklärt und beruhigt sein wird.
    Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihr ganzes Haus
    Ihr Freud